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Europäische Zentralbank Euro-Aufwertung macht Draghi vorsichtig

Die EZB hat erste Schritte zur Normalisierung der Geldpolitik eingeleitet. Wie geht es weiter? Die Euro-Rally macht das kompliziert.

FrankfurtMario Draghi war auf seiner Pressekonferenz Ende Januar sichtlich bemüht etwas ins rechte Licht zu rücken. „Lassen sie mich etwas klarstellen“, so der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Er und einige seiner Kollegen hätten sich sehr gewundert über die Reaktion auf die Veröffentlichung der Protokolle der EZB-Sitzung im Dezember.

Investoren hatten diese als Hinweis gewertet, dass die Notenbank bald ihre Kommunikation ändern und damit eine weitere Straffung ihrer Geldpolitik vorbereiten könnte. Das hatte zu starken Ausschlägen an den Märkten geführt. Draghi trat dieser Interpretation entgegen. Er bekräftige, dass die EZB ihre Anleihekäufe von derzeit monatlich 30 Milliarden Euro „niemals abrupt beenden“ werde. Außerdem sehe er „sehr geringe Chancen“, dass die Zinsen in diesem Jahr angehoben würden.

Die Äußerung zeigt: Draghi bleibt bei seiner vorsichtigen Linie. Durch einen langsamen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik will er starke Marktreaktionen verhindern. Doch im EZB-Rat gibt es viele Mitglieder, die sich ein schnelleres Vorgehen wünschen. Damit zusammen hängt die für Sparer relevante Frage, wann die Zinsen im Euroraum erstmals Mal angehoben werden. Die derzeitige Kursrally des Euro aber macht die Ausgangslage noch komplizierter.

Die Gemeinschaftswährung hat in den vergangenen zwölf Monaten um etwa 16 Prozent gegenüber dem US-Dollar aufgewertet und war jüngst auf ein Drei-Jahres-Hoch gestiegen. Ein höherer Euro-Kurs wirkt sich wirtschaftlich sehr schnell aus: Er macht Importe im Euroraum billiger und dämpft so die Inflation – gleichzeitig macht er Exporte in andere Währungsräume teurer, was sich in der Regel negativ auf das Wachstum auswirkt. Problematisch ist vor allem ein abrupter Euro-Anstieg, weil es dann für Unternehmen schwerer ist, sich anzupassen.

Die Aufwertung des Euro liefert daher Draghi und anderen Verfechtern einer lockeren Geldpolitik Argumente für ein vorsichtiges Vorgehen. Andererseits entwickelt sich die Wirtschaft im Euroraum deutlich besser als erwartet. 2017 war die Wachstumsrate im Währungsraum so hoch wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

So dauerte es auch nicht lange, bis sich nach Draghis Pressekonferenz der niederländische Notenbankchef Klaas Knot zu Wort meldete und dafür plädierte, die Anleihekäufe der EZB so schnell wie möglich zu beenden. „Es gibt keinerlei Gründe, das Programm fortzusetzen“, sagte er am vergangenen Sonntag im niederländischen Fernsehen. Derzeit kauft die EZB für monatlich 30 Milliarden Euro Anleihen. Mit den Käufen will sie die Inflation im Euroraum wieder in Richtung ihres Ziels von knapp zwei Prozent bringen. Im Januar lag die Inflation im Währungsraum bei 1,3 Prozent.

Ähnlich wie Knot äußerten sich auch EZB-Direktor Coeuré und der französische Notenbankchef Villeroy zuversichtlich, dass die Verlängerung der Anleihekäufe bis September 2018 die letzte gewesen sei.

Die Laufzeit der Anleihekäufe ist vor allem wichtig, weil sie eine Signalwirkung für die Zinspolitik hat. Die Notenbank hält bislang an ihrer Sprachregelung fest, dass die Zinsen „weit über das Ende der Anleihekäufe hinaus auf dem bisherigen Niveau bleiben.“ Wann die EZB zum ersten Mal die Zinsen erhöht, hängt daher davon ab, wie schnell sie die Anleihekäufe beendet. An den Märkten ist derzeit sogar eine Zinserhöhung Anfang 2019 eingepreist. Das scheint allerdings sehr optimistisch. Selbst Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der als Anhänger einer strafferen Geldpolitik gilt, hatte die Erwartung geäußert, dass die Zinsen frühestens Mitte 2019 angehoben werden könnten.

Spekulationen auf eine baldige Zinserhöhung würden tendenziell den Wechselkurs des Euro noch weiter in die Höhe treiben. Auch deshalb hat die EZB daran kein Interesse. Sehr ähnlich wie Draghi argumentierte daher EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Die umstrittenen Anleihekäufe würden erst beendet, wenn die EZB noch stärker von einem Anziehen der Inflation überzeugt sei, sagte er Anfang der Woche. Aktuell würden die Kriterien dafür noch nicht alle erfüllt.

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