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EZB Mario Draghis Inflations-Dilemma

Die Preise im Euroraum sind im Oktober überraschend gefallen. Das reduziert kurzfristig den Druck auf die Europäische Zentralbank, macht aber die Arbeit der Notenbanker nicht leichter.

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Notenbankchef Mario Draghi (rechts) im Gespräch mit seinem Stellvertreter Vítor Constâncio. Quelle: dpa

Frankfurt Mario Draghi hat am vergangenen Donnerstag einen vor allem von Sparern lange ersehnten Schritt getan. Auf ihrer Ratssitzung beschlossen der Chef der Europäischen Zentralbank und seine Kollegen die Anleihekäufe der Notenbank ab Anfang 2018 auf 30 Milliarden Euro pro Monat für zunächst neun Monate zu halbieren. Damit ist ein Ende der extrem expansiven Geldpolitik absehbar, der Ausstieg dürfte jedoch sehr langsam erfolgen.
Darauf deuten zumindest die am heutigen Dienstag veröffentlichten Inflationszahlen für den Euroraum hin. Der Anstieg der Verbraucherpreise verlangsamte sich überraschend auf 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Eurostat am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte. Ökonomen hatten mit unverändert 1,5 Prozent gerechnet. Damit entfernt sich die Teuerungsrate vom Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese erachtet einen Wert von knapp zwei Prozent als ideal für die Konjunkturentwicklung. Wichtigstes ihrer ultralockeren Geldpolitik ist es, die Inflation nach oben zu treiben, um dieses Ziel zu erreichen.
Am Montag hatte bereits das Statistische Bundesamt die Zahlen für Deutschland veröffentlicht, wo die Verbraucherpreise ebenfalls nur um 1,6 Prozent zulegten. Das lag vor allem daran, dass sich der Anstieg der Energiepreise deutlich abschwächte.

Die schwache Preisentwicklung dürfte im EZB-Rat denjenigen Argumente liefern, die für einen langsamen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik eintreten, wie etwa der belgische Notenbankchef und EZB-Rat Jan Smets. Dieser hatte im Interview mit dem Handelsblatt vor den Folgen einer dauerhaft niedrigen Inflation gewarnt. Es wäre gefährlich, wenn sich „die Menschen an eine schwächere Preisentwicklung gewöhnt haben und zum Beispiel geringere Lohnerhöhungen fordern“, sagte er. Notenbanken könnten dann auf Schocks schwerer reagieren. „Deshalb dürfen wir uns nicht damit zufrieden geben, wenn die Inflation unter unserem Ziel von nahe zwei Prozent bleibt.“

Smets verteidigte aus diesem Grund die Entscheidung der EZB vom vergangenen Donnerstag, kein festes Enddatum für Anleihekäufe zu setzen. Entscheidend hierfür sei die Frage, „ob es eine nachhaltige Anpassung der Inflation im Euroraum an unser Ziel der Preisstabilität gibt.“ Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte dagegen ein festes Enddatum gefordert.
Smets verwies darauf, dass die Realwirtschaft nicht zuletzt dank der Geldpolitik deutlich besser laufe. Auf der anderen Seite sei man zu der Bewertung gekommen, „dass eine nachhaltige Anpassung der Inflation an unser Ziel der Preisstabilität nach wie vor von einem starken geldpolitischen Stimulus abhängt“.

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