Favoritin auf Fraktionsvorsitz Andrea Nahles ist jetzt die Hoffnung der SPD

Die amtierende Arbeitsministerin Andrea Nahles könnte der geschrumpften SPD-Fraktion vorstehen. Wille zum Erfolg, strategisches Kalkül und Authentisch-Bleiben strahlt sie aus. Kann sie der SPD mit aus dem Tief helfen?

ARCHIV - Andrea Nahles (SPD), aufgenommen 04.09.2017 während eines dpa Interviews in Berlin. (zu dpa

Ob mit Schutzbrille in einer Gießerei vor 1350 Grad heißem Eisen, im Motorradwerk auf einer imposanten Maschine oder vor Gewerkschaftern als Mindestlohn-Ministerin: Andrea Nahles hat in den vergangenen vier Jahren als Chefin des Arbeits- und Sozialressorts ihrem früheren Image als SPD-Haudrauf mit Hang zur Nervensäge nach Kräften entgegengewirkt. Jetzt kommt auf sie die Herkulesaufgabe zu, ihre Partei an verantwortungsvoller Stelle mit neu aufzubauen. Die 47-Jährige gilt als Favoritin auf den Fraktionsvorsitz.

Nahles ist Spitzenpolitikerin durch und durch, wirkt oft unter Strom, aber auch meist frisch und unverbraucht. Sie setzt ihre Schnodderschnauze ein, macht im kleinen Kreis aus ihren Sympathien und Antipathien auch für Parteifreunde keinen großen Hehl und gibt sich kämpferisch, etwa gegenüber Arbeitgebern und politischem Gegner.

Als Ministerin hat sich Nahles mehr erworben als nur Akzeptanz – auch beim Koalitionspartner und in der Wirtschaft wird sie respektiert. Die Legislaturperiode der großen Koalition wurde von Nahles` Rentengesetzen umrahmt, von der Rente mit 63 am Anfang und der Ost-West-Angleichung am Ende. Dass die Rente auch zu einem Haupt-SPD-Wahlkampfthema werden sollte, war aber vor allem Ex-Parteichef Sigmar Gabriel geschuldet. Die Arbeitsministerin sah Rente nicht als Wahlkampfschlager - auf Anstoß des Instinktpolitikers Gabriel machte sie dann aber einen eigenen Rentenvorschlag.

Nahles wollte eigentlich lieber mit Ideen für die Zukunft der Arbeit in der Digitalisierung über die alten Schablonen hinausgehen. Alle konnten sehen, worauf es ihr ankommt: auf eine programmatische Modernisierung ohne Preisgabe der alten SPD, auf die Initiierung eines Großprojekts mit Mitwirkung anderer statt mit Machtworten. Nahles trat einen monatelangen Dialog mit Verbänden, Experten und Sozialpartnern los.

Für den Wahlkampf scheinen Digitalisierung und die Folgen zu wenig greifbar gewesen zu sein – es war kaum ein Thema. Nahles' Rentenkonzept aber wurde zu einem SPD-Wahlkampfkern.

Mit dem Mindestlohn hat Nahles eine fundamentale sozialpolitische Neuerung in Deutschland eingeführt - und den Anspruch der SPD als Fürsprecher auch ärmerer Arbeitnehmer gefestigt. Zielstrebig, machtbewusst, aber auch mit dem Wissen um Probleme und Befindlichkeiten geht Nahles jetzt in die schwierige Umbruchphase nach der Wahl.

Dass die Katholikin keineswegs nur links ist, zeigte sich im Ministeramt rasch. Ob bei der Betriebsrentenreform oder ihrem komplizierten Gesetz gegen Missbrauch bei Leiharbeit und Werkverträgen: Tarifverträge und sozialpartnerschaftliches Aushandeln liegen dem IG-Metall-Mitglied näher, als dass der Staat selbst alle Dinge in die Hand nimmt.

Mit einem vertrauensvollen Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) gelang es Nahles, ihre wichtigsten Reformen durchzuboxen. So wurde sie zu einer der Erfolgreichsten unter den SPD-Ministern. Doch Nahles legt auch Wert auf ein Leben jenseits der Politik. Zu ihrem Bild gehört auch das der Mutter eines Mädchens, der ein Wochenende daheim in Rheinland-Pfalz auch mal wichtiger ist als der Job in Berlin.

Nahles ist SPD-Frau der ersten Stunde in ihrem Heimatort Weiler, sie war Juso-Chefin, Bundestagsabgeordnete, Partei-Vizechefin und Generalsekretärin. Kehrt sie nun – aus der Not des SPD-Ergebnisses heraus – aus der Sachpolitik zurück in die Führung?

Bauen kann sie auf ein weit verzweigtes Netzwerk und flügelübergreifende Anerkennung. Dass es eine Riesenaufgabe ist, den SPD-Scherbenhaufen mit aufzukehren und einen Neuaufbau zu versuchen – daran knobelt Nahles nicht erst seit dem Wahlausgang herum.

Fokussiert und ernst wirkte sie in den vergangenen vier Jahren oft, wenn sie ihre Reformprojekte gegen das Dauerfeuer des CDU-Wirtschaftsflügels und oft auch der CSU durchsetze. Stellte sie ihre Pläne im Steinsaal ihres Ministeriums in Berlin-Mitte vor, war ihr Rücken meist durchgedrückt, ein Fuß schlug in schnellem Takt in die Luft. Auch im Wahlkampfendspurt war eine entschlossene Spitzenfrau zu beobachten: Ihrer Rolle als Führungsreserve der SPD durchaus bewusst.

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