Fettnäpfchen für Arbeitgeber Die sieben häufigsten Fehler in Stellenanzeigen

Der erste Kontakt zwischen Unternehmen und potenziellen Mitarbeitern ist in der Regel die Stellenanzeige. Häufig aber geht die Ausschreibung in die Hose, wie eine Studie und ein provokanter Fall aus Ostfriesland zeigen.

Wer sich durch Jobportale und Online-Stellenanzeigen klickt, stößt in immer wieder auf dieselben Formulierungen. Quelle: Getty Images

Bonn„Auszubildende (m/w) gesucht! Du bist nicht komplett verpeilt, bist in der Lage, Dich selbst im Supermarkt mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen, scheiterst nicht am EC-Terminal, brauchst nicht in den nächsten fünf Wochen ein Urlaubssemester, weil Du erstmal selbst zu Dir finden musst, Du kannst die Uhr lesen, musst nicht alle drei Minuten eine Whats-App schreiben, Facebook checken, beherrschst die Grundrechenarten, kannst Dich in deutscher Sprache verständigen, Du kannst Dir vorstellen, mindestens fünfmal die Woche zu arbeiten, ohne gleich an einem Burnout Syndrom zu erkranken? Dann melde Dich...“

Als die beiden Steuerberater Johann Grensemann und Enno Gembler für ihre Kanzlei in Aurich diese Stellenausschreibung für einen neuen Auszubildenden im regionalen Anzeigenblatt veröffentlichten, ahnten sie nicht, dass plötzlich halb Ostfriesland darüber reden würde. Außerdem landeten binnen kürzester Zeit schon über 20 Bewerbungen auf ihrem Schreibtisch.

Mit dieser Resonanz hatten sie nicht gerechnet. Grensemann wollte einfach mal etwas anderes ausprobieren ohne 08/15-Text. Eine Anzeige schalten, die Jugendliche und deren Eltern anspricht, die für ihre Zöglinge nach Lehrstellen suchen, erzählt er im Gespräch mit W&V Online. „Mir ging es vor allem um Aufmerksamkeit“, so Grensemann.

Doch so mutig und so kreativ, neue Wege im Recruting zu gehen, sind nur wenige Unternehmen in Deutschland. Experten sprechen hier von „Candidate Journey“ und „Candidate Experience“ – ein Thema, dem laut einer aktuellen Studie der Online-Stellenbörse Careerbuilder Germany viele Personaler selten die Aufmerksamkeit widmen, die nötig wäre.

Dabei ist die Stellenanzeige nach wie vor eines der zentralen Recruiting-Instrumente – und häufig der erste Kontaktpunkt zwischen Bewerber und potenziellem Arbeitgeber. Careerbuilder hat über einen Zeitraum von drei Monaten Stichproben von Stellenanzeigen auf Jobs.de, der hauseigenen Online-Jobbörse, analysiert und die sieben häufigsten Fehler analysiert.

1. Die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau

Für mehr als die Hälfte der Befragten (54,81 Prozent) ist das Anforderungsprofil das wichtigste Entscheidungskriterium in Stellenanzeigen. Die Suche nach der sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau ist leider nach wie vor weit verbreitet – verfehlt aber das Ziel, möglichst gut qualifizierte Kandidaten anzusprechen. Weniger abschreckend ist es hingegen, explizit zwischen zwingend erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten (Must-Haves) sowie wünschenswerten Zusatzqualifikationen (Add-Ons) zu unterscheiden.

2. Kryptische Jobtitel statt aussagekräftiger, gängiger Bezeichnungen

Eine möglichst detaillierte Anforderungs- und Tätigkeitsbeschreibung sollte vor allem durch einen prägnanten Job-Titel ergänzt werden. Abkürzungen und interne Begrifflichkeiten stiften nur Verwirrung und führen darüber hinaus dazu, dass die Stellenanzeige zum Beispiel in Trefferlisten von Online-Jobbörsen oder Suchmaschinen schlecht oder gar nicht gefunden wird.


Duzen in der Stellenanzeige?

3. Unzureichende Einordnung in den Unternehmenskontext

Wer ist mein Vorgesetzter? Wie groß ist mein Team? Welche Budget-Verantwortlichkeiten habe ich? Das interessiert potenzielle Bewerber bei der Suche nach passenden Jobangeboten besonders – findet aber selten Erwähnung. Die Studie zeigt zudem: 40 Prozent der Befragten vermissen in Stellenanzeigen Transparenz hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und Einblicke in den Unternehmensalltag.

4. Verzicht auf Employer-Branding-Botschaften

Das Potenzial, sich bereits in der Stellenanzeige als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und von Wettbewerbern abzuheben, bleibt von zahlreichen Unternehmen weitestgehend ungenutzt. Viele Arbeitgeber verzichten in ihren Stellenanzeigen sogar komplett auf eine ansprechende (textliche) Darstellung ihrer eigenen Leistungen wie betriebliche Altersvorsorge, flexible Arbeitszeiten oder andere Benefits.

5. Unübersichtliches Layout und fehlende Mobilfähigkeit

Rund ein Viertel der Kandidaten (25,54 Prozent) bewertet die Gestaltung von Stellenanzeigen als schlecht. Drei von Zehn bemängeln fehlende Mobilfähigkeit. Zu große Header-Bilder, Fließtexte statt übersichtlicher Aufzählungen, keine klare optische und inhaltliche Struktur – gepaart mit schlechter Darstellung auf mobilen Endgeräten kann dies in einem Bewerbermarkt vielleicht schon der erste Show-Stopper für eine Bewerbung sein. Gerade Unternehmen, die nicht über bekannte Marken verfügen, können sich durch die geschickte Gestaltung von Stellenanzeigen klar von Wettbewerbern differenzieren.

6. Inkonsistente Bewerberansprache

Duzen in der Stellenanzeige? Das ist möglich – wenn es zur Unternehmenskultur passt und Bewerber bereits in der Stellenanzeige von der angenehmen und offenen Arbeitsatmosphäre überzeugt werden sollen. Wer sich jedoch „per Du“ bewirbt, rechnet damit, dass auch im folgenden Bewerbungsprozess „auf Augenhöhe“ kommuniziert wird. Und die Idee hinter einer „Du“-Kultur wirkt nur authentisch, wenn sie bereits im Recruitingprozess gelebt wird – von der Eingangsbestätigung bis zum Vorstellungsgespräch.

7. Tipp- und Flüchtigkeitsfehler

„Stellenanzeigen, die Rechtschreib- oder Grammatikfehler beinhalten, erwecken den Eindruck, dass das Unternehmen keinen großen Wert auf seine Recruiting-Aktivitäten – und letztendlich vielleicht auch auf seine Mitarbeiter – legt“, so Karsten Borgmann, Geschäftsführer der Careerbuilder Germany GmbH. „Der negative Einfluss auf die Arbeitgebermarke als Ganzes darf hierbei nicht unterschätzt werden.“ Unternehmen sollten also bevorzugt einmal mehr Zeit und Muße in das Lektorat ihrer Anzeigen stecken, um unprofessionelle Tippfehler zu vermeiden.


Diese Floskeln glaubt Ihnen niemand

In einer anderen Studie hat die Online-Plattform Stepstone kürzlich herausgefunden, welche Aussagen Bewerber in Stellenanzeigen für glaubwürdig halten und welche eher nicht. Hier sind fünf Floskeln, bei denen Sie vorsichtig sein sollten:

„Bei uns bekommen Sie beides: die Vorteile eines Großkonzerns und den Unternehmergeist eines Start-ups“

Dieser Behauptung halten nur 25 Prozent aller Fachkräfte in Deutschland für glaubwürdig. Großkonzerne scheinen für Jobsuchende einfach zu klar strukturiert und etabliert zu sein, um mit der kreativen Startphase junger Unternehmen vergleichbar zu sein. Doch auch Großkonzerne können mit ihrer Unternehmenskultur punkten. Ehrliche Beschreibungen und praktische Beispiele dafür, wie neue Kollegen schnell Verantwortung übernehmen können, kommen bei Bewerbern beispielsweise besser an als beliebige Floskeln.

„Wir vereinen hohe Leistungsorientierung und gelebte menschliche Werte“

30 Prozent der Jobsuchenden setzen bei dieser Aussage das Lesen eines Stellenangebots ohne Mistrauen fort. Der Rest fragt sich, ob diese Beschreibung wirklich der Wahrheit entspricht. Das heißt aber nicht unbedingt, dass Leistungsorientierung und menschliche Werte für Fachkräfte nicht zusammenpassen. Diese Aspekte der Unternehmenskultur ohne Belege in einem Atemzug zu nennen, kann aber schnell unglaubwürdig wirken.

„Bei uns stoßen Sie auf flache Hierarchien“

Über die Hälfte der befragten Fachkräfte (57 Prozent) schenkt dieser Aussage Glauben. Doch warum bleiben die übrigen 43 Prozent skeptisch? Die Behauptung allein macht gerade im Fall von größeren Unternehmen wenig Eindruck. Konkret zu beschreiben, wie Entscheidungen im Unternehmen schnell und unabhängig von Positionen zustande kommen, bietet Lesern des Stellenangebots hingegen einen echten Mehrwert.

„Unsere Belegschaft zeichnet sich durch Freundlichkeit, Flexibilität, Hilfsbereitschaft und hohe Motivation aus“

Auch diese Beschreibung ist für die Mehrheit der Teilnehmer (57 Prozent) an der Stepstone Befragung glaubwürdig. Das ist viel wert, da die maßgeblich von den Kollegen beeinflusste Unternehmenskultur eine besonders hohe Bedeutung für Fachkräfte hat. 97 Prozent der Befragten halten die Kultur bei einem Arbeitgeber für wichtig. Wer den potenziellen neuen Kollegen dennoch skeptisch gegenübersteht, den überzeugen Arbeitgeber am besten mit einem persönlichen Kennenlernen. Immerhin möchten vier von zehn Fachkräften im Vorstellungsgespräch ohnehin die neuen Kollegen kennenlernen.

„Wir sind ein inhabergeführtes, sozial engagiertes Unternehmen“

Drei von vier Befragten geben an, dass sie diese Aussage in einem Stellenangebot für glaubwürdig halten. Doch welche Inhalte machen gerade diese Beschreibung so authentisch? Zum einen gehört sie nicht ins Reich der Floskeln, denn durch das konkrete Nennen der Unternehmensstruktur grenzt sich der Arbeitgeber klar und faktenbasiert ab. Zum anderen lässt sich das soziale Engagement eines Unternehmens meist an gut sichtbaren Projekten nachvollziehen.

Über die Studien

Für die Careerbuilder Candidate Journey Studie 2017 wurden im Zeitraum von 24. Mai bis 7. Juni 1465 Kandidaten in Deutschland im Alter von 14 bis 65 Jahren online befragt. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Studierenden der Macromedia Hochschule München aufgesetzt.

Für die Studie „Recruiting mit Persönlichkeit“ hat Stepstone im Sommer 2017 eine Online-Befragung unter 25.000 Fach- und Führungskräften und rund 4000 Recruitern oder für Personalbeschaffung zuständigen Führungskräften durchgeführt.

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