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Finanz-Start-ups Fast jede große Bank arbeitet mit Fintechs zusammen

Die Landesbank Hessen-Thüringen will in Start-ups investieren. Commerzbank, Deutsche Bank und NordLB sind diesen Weg bereits gegangen.

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Die deutschen Banken kooperieren mit immer mehr Finanz-Start-ups. Quelle: dpa

Frankfurt Jetzt also auch die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Sie will künftig Geld in die Hand nehmen, um in Finanz-Start-ups, kurz „Fintechs“ zu investieren, und startet dafür eine extra Gesellschaft, die Helaba Digital. Ziel der Bank sei es „gemeinsam mit den Startups unsere Geschäfte weiterentwickeln“, sagten die Geschäftsführer der Helaba Digital, Lucie Haß und Philipp Kaiser, am Montag.

Die Helaba plant für dieses Jahr erste Investitionen. Eine erste Beteiligung in Form eines Joint Ventures befinde sich in der letzten Phase der Verhandlungen, sagte ein Sprecher der Bank auf Anfrage. „Eine weitere Beteiligung an einem Start-up wird derzeit geprüft." Weitere Beteiligungen seien für dieses Jahr nicht ausgeschlossen.

Die Gründung einer Beteiligungsgesellschaft hatte Vorstandschef Herbert Hans Grüntker bereits Ende März angekündigt. Die Helaba will dabei an Start-ups beteiligten, deren Dienstleistung die Bank auch selbst nutzen kann - beispielsweise auch an so genannten Proptechs (abgeleitet aus den englischen Wörtern Property und Technology), die sich auf die Immobilienwirtschaft konzentrieren. Die Helaba verdient vor allem durch ihr Immobiliengeschäft.

Bisher haben sich nur wenige deutsche Banken an Investitionen in Fintechs herangewagt. Fintechs und Banken gelten sowohl als Konkurrenten als auch als Partner. Wettbewerber sind die Finanztechnologiefirmen immer dann, wenn sie selbst das Geschäft mit den Kunden machen wollen. Das gilt aber nur für einen kleinen Teil der Fintechs. Ein Beispiel hierfür ist die Berliner Smartphone-Bank N26. Vielfach aber brauchen Fintechs, die selbst erst einmal keinen Zugang zu Privat- oder Firmenkunden haben, die Banken und wollen mit ihnen kooperieren.

Besonders viele Beteiligungen ist die Commerzbank eingegangen, vor allem über ihre Töchterfirmen Commerz Ventures und Main Incubator. Insgesamt zählte sie Mitte April 23 Beteiligungen, zwei weitere sind inzwischen dazu gekommen. Allerdings sind unter den Start-ups auch vier Softwarefirmen, die Unternehmen aus anderen Branchen genauso wie Banken einsetzen können und für die das Label „Fintech“ damit nicht passt.

Bei ihren Investments über Commerz Ventures geht die Commerzbank wie ein klassischer Wagniskapitalgeber vor. Sie zielt darauf ab, die Anteile nach einigen Jahren wieder zu verkaufen und dabei eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Der Main Incubator dagegen will Fintechs kurz nach deren Gründung unterstützen und finanzieren, kooperiert teils aber auch mit ihnen.

Die Deutsche Bank wiederum kooperiert auch mit den Fintechs, an denen sie sich beteiligt hat. Mitte April waren das sechs. Die Norddeutsche Landesbank hat in sieben Finanz-Start-ups investiert, mit vier davon kooperiert sie auch. Sie hatte vor drei Jahren gemeinsam mit der Dieter von Holtzbrinck Ventures ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet und investiert nun über einen Fonds in die Start-ups.

Zu den Investoren in Fintechs zählen daneben die Berliner Volksbank, die größte deutsche Volksbank, sowie die Direktbank ING-Diba, die den Kreditmarktplatz Lendico kürzlich übernommen hat. Von 15 Geldhäusern, die das Handelsblatt befragte, geben fünf an, Beteiligungen an Fintechs zu halten.

So gut wie alle großen Geldhäuser in Deutschland kooperieren mit Fintechs – nur die Bayerische Landesbank und die Landesbank Baden-Württemberg nicht. Die HypoVereinsbank (HVB) wollte sich nicht äußern. Dem Newsletter „Finanz-Szene“ zufolge, der kürzlich die Beteiligungen ebenfalls gezählt hat, dürfte die HVB noch an zwei Fintechs, Finleap und MoneyMap, beteiligt sein.


Experten zufolge sind vor allem große Beteiligungen sinnvoll

Kooperationen zwischen Banken und Fintechs zahlen also bereits zur Normalität. So arbeiten die 15 Banken mit rund 90 Fintechs zusammen – etwa ein Drittel mehr als im Frühjahr 2017. Die Deutsche Bank kooperiert dabei – neben den Fintechs, an denen sie sich beteiligt – noch mit etwa einem Dutzend weiteren Start-ups. Ihre Tochter, die Postbank, kommt auf ähnlich viele Partner.

Die Direktbank DKB, eine Tochter der BayernLB, die genossenschaftliche DZ Bank und ING-Diba zählen ebenfalls bis zu 15 Partner. Auch die Hamburger und Berliner Sparkassen kooperieren mit mehreren Fintechs.

Die Banken arbeiten zum einen mit Fintechs zusammen, die sich von Beginn an als Dienstleister aufgestellt haben – indem sie wie Gini das Ausfüllen von Überweisungen für den Kunden erleichtern oder wie Finreach und Fino den Kontowechsel vereinfachen. Sie wollen also nicht mit den Kreditinstituten rivalisieren, sondern helfen ihnen, die Kunden an sich zu binden.

Zum anderen gibt es einige Fintechs, die sich zunächst klar als Konkurrenten zu Banken positionierten hatten, aber mittlerweile umgeschwenkt sind. So zeigte sich der digitale Vermögensverwalter Vaamo in seinen Anfängen 2014 noch als Alternative zur Bank. Inzwischen ist er etliche Kooperationen mit Banken eingegangen.

„Mittlerweile ist klar, dass Fintechs das Bankgeschäft nicht neu erfinden. Vielen fehlt auch das Know-How, um in der regulierten Finanzbranche allein zu agieren. Deshalb gehen viele Fintechs selbst auf die Banken zu und suchen nach Partnern“, sagt Sascha Demgensky, Fintech-Experte bei der Beratungsgesellschaft PwC Deutschland. Die Panik bei den Banken, dass Fintechs etwas grundlegend besser machen, sei geschwunden. „Zugleich wissen die Banken, dass sie als große Unternehmen häufig Schwierigkeiten damit haben, innovative Ansätze auszuprobieren. Dafür sind Kooperationen mit Fintechs aus ihrer Sicht hilfreich.“

Dabei helfen den Banken nach Ansicht von Marktbeobachtern vor allem große Beteiligungen weiter – und weniger, wenn sie einen kleinen Anteil an einem Fintech erwerben. „Auf Kooperationsseite sehen wir schon eine starke Dynamik“, sagt Japhet Wünsch, Fintech-Experte bei der Investmentbank Raymond James. „Für Beteiligungen durch Banken braucht es dagegen eine weit stärkere Marktrelevanz der Fintechs. Das kann dann auch in einer Komplettübernahme durch einen etablierten Player münden.“

„Beteiligungen sind sinnvoll, wenn Banken mit dem Fintech exklusiv kooperieren und so einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern haben – oder wenn sie zumindest ein Mitspracherecht haben“, meint auch Stefan Lamprecht vom IT-Konzern Sopra Steria. „Beteiligungen sind auch gut, weil Banken das Fintech notfalls finanziell oder mit Know-how unterstützen können, wenn es Probleme gibt. Wenn eine Kooperation mit einem Fintech nicht läuft und das Auswirkungen auf Kunden hat, kann das der Reputation und Kundenzufriedenheit massiv schaden“, warnt er.

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