Finanzcheck-Werbegag Wie ich 1000 Euro zu minus 100 Prozent Zinsen bekam

Finanzcheck will die Konkurrenten Check24 und Smava vorführen und verschenkt Geld. Unser Autor macht mit – und erlebt eine chaotische Werbeaktion.

Werbung des Vergleichsportals am Dienstag: „Herzlichen Glückwunsch – Die Bank hat Ihre Anfrage positiv entschieden!“ Quelle: Screenshot

DüsseldorfEs kommt nicht oft vor, dass Pressesprecher sich bei Anfragen entschuldigen. Jenny Wiethölter vom Vergleichsportal Finanzcheck tut es. Sie spricht von einer „Nacht- und Nebelaktion“. Es tue ihr Leid, wenn der eine oder andere Text noch nicht angepasst sei. Immerhin sei der Server noch nicht zusammengebrochen.

Die „Nacht- und Nebelaktion“ ist ein Werbegag, mit dem Finanzcheck auf eine irre Rabattschlacht seiner Wettbewerber Check24 und Smava reagiert. Die beiden Portale verschenken seit kurzem Geld, indem sie Kredite vergeben, die Kunden nur zum Teil zurückzahlen müssen. Das Ganze bewarben sie anfangs mit negativen Zinsen von minus 1,5 Prozent. Inzwischen locken sie sogar mit minus fünf Prozent.

Finanzcheck haut nun dazwischen – und stellt am Dienstagmittag ein Angebot von minus 100 Prozent Zinsen auf seine Webseite. Wer einen Kredit von 1000 Euro für 12 Monate aufnehmen will, soll das Geld komplett geschenkt bekommen. Einziger Haken: Die Aktion gilt nur für die ersten 100 Kunden.

Es ist klar, was Finanzcheck damit unter anderem vorhat. Das Portal will Aufmerksamkeit gewinnen – und jede Menge Finanzdaten und Adressen von Kunden, denen es Werbung für teurere Kredite schicken kann. Was aber erleben Verbraucher, die sich tatsächlich mit dem geschenkten Geld locken lassen? Eigentlich hatte ich nach meinem ersten Selbstversuch und den Folgen genug von solchen Aktionen. Doch diese klingt so skurril, dass ich mehr darüber erfahren will.

Es ist Dienstag, kurz nach 13.30 Uhr, als ich mich bei Finanzcheck um den Kredit bemühe. Wie bei Check24 und Smava muss ich auf der Seite so ziemlich alles über meine Finanzen verraten. Also wie viel ich verdiene, was meine Wohnung kostet, ob ich ein Auto, ein Motorrad, oder eine Ehefrau habe, wie viele Kreditkarten ich besitze und welche Kredite ich sonst noch so am Laufen habe.

Nach wenigen Minuten bekomme ich den Hinweis, dass mein Kredit nun geprüft werde. Und dann heißt es tatsächlich: „Herzlichen Glückwunsch – Die Bank hat Ihre Anfrage positiv entschieden!“ Ich soll 1000 Euro Kredit für zwölf Monate bekommen, meine monatliche Rate betrage null Euro und der effektive Jahreszins liege somit bei minus 100 Prozent.

Daneben steht ein Button, mit dem ich direkt meinen Kreditvertrag herunterladen kann. Das tue ich – und bin im nächsten Moment enttäuscht. Denn statt einer Rate von null Euro ist dort von monatlich 83,40 Euro die Rede, fällig am 1. eines jeden Monats. Wollen mich Finanzcheck und die Fidor Bank AG hier reinlegen?

Aktion soll provozieren

Ich rufe die Hotline der Bank an. Die Frau im Callcenter kann mir die unterschiedlichen Angaben nicht erklären und bittet mich, eine E-Mail zu senden. Ich wähle lieber erstmal die Nummer des Vergleichsportals. Dort sagt der Mann am anderen Ende der Leitung: „Das ist ein Marketing-Gag von Finanzcheck.“ Das Angebot gelte nur für die ersten 100 Kunden. Die Big Player hätten sich gebattelt und Finanzcheck habe eine Aktion gestartet, die zeigen soll, dass das eigentlich Quatsch sei.

Die offene Antwort überrascht mich als Journalist. Als Verbraucher ärgert sie mich. Ich habe Finanzcheck meine kompletten Finanzen offengelegt, bekomme das Gefühl ein Geschenk zu erhalten – und am Ende soll es nur einen Null-Prozent-Kredit geben, den man in diesen Tagen sowieso an jeder Ecke bekommt?

Ich schicke dem Mann von der Hotline einen Screenshot von der Seite, auf der mir die minus 100 Prozent Zinsen versprochen werden. Er sagt dazu: „Das bekommen gerade alle angezeigt. Die filtern hier jetzt erstmal nach und nach die Gewinner raus.“ Ich soll in ein bis zwei Stunden eine Mail mit der Info bekommen, ob ich dazu gehöre. Habe ich das richtig verstanden? Finanzcheck greift erstmal von allen Interessenten die Daten ab, gibt allen das Gefühl ein Gewinner zu sein – und am Ende erhalten nur 100 von Ihnen das Geld geschenkt?

Ich wähle die Nummer der Pressestelle von Finanzcheck. Und dann habe ich Jenny Wiethölter am Apparat. Die entschuldigt sich für die missverständlichen Infos und versichert schließlich: Die Seite mit dem Herzlichen Glückwunsch, der Rate von null Euro und den Zinsen von minus 100 Prozent (siehe Screenshot oben) werde nur den 100 Kunden angezeigt, die das Geld auch tatsächlich geschenkt bekommen. Bei ihnen zahle Finanzcheck die Kreditsumme von 1000 Euro an die Fidor Bank zurück. Der Mitarbeiter im Callcenter sei offenbar nicht richtig informiert worden.

Ich rufe meine E-Mails ab und entdecke eine Nachricht von Finanzcheck: „Sie sind einer der glücklichen ersten 100 Kunden, bei denen Finanzcheck aufgrund unserer begrenzten Sonderaktion vom 27. Februar 2018 für den genannten Kredit die Rückzahlung übernimmt.“

Fürs erste bin ich zufrieden. Noch habe ich das versprochene Geld nicht, aber es scheint, als bekäme ich es tatsächlich. Liegt es daran, dass ich Journalist bin und über meinen eigenen Fall berichte? Laut der Pressesprecherin gab es 30 Minuten nach Start der Aktion etwa 30 Gewinner. Ich habe meinen Kreditantrag nach 38 Minuten gestellt. Kann Glück sein, muss aber nicht. Welche Erfahrungen hast du mit der Aktion gemacht? Schreib mir eine Mail und berichte davon.

Gegen 16 Uhr meldet sich noch einmal Pressesprecherin Wiethölter. Die Aktion sei nun fast beendet. In ein paar Minuten stünden alle 100 Kunden fest. Sie hört sich nach einem stressigen Nachmittag an. Dann wünscht sie mir viel Spaß mit den 1000 Euro und legt auf.

Moritz Thiele, der Gründer und Chef von Finanzcheck erklärt dem Handelsblatt, dass er mit der Aktion vor allem provozieren will. Und außerdem zeigen, dass „wir diesen Preiskampf für nicht nachhaltig erachten“. Am Ende sollte jedem klar sein, dass Geld zu verschenken keine langfristige Lösung für ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen darstelle.

Am Abend meldet Finanzcheck auf seiner Homepage, dass die minus 100 Prozent-Kredite ausverkauft seien. Stattdessen wirbt das Portal nun mit einem Zins von minus fünf Prozent – genau wie die Wettbewerber Check24 und Smava, deren Preiskampf der Finanzcheck-Chef kurz zuvor noch als „nicht nachhaltig“ bezeichnet hat.

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