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Aktienmarkt "Fata-Morgana der Börsenkurse"

Der New Yorker Vermögensverwalter und Fondsmanager Michael Keppler achtet beim Aktienkauf auf günstige Bewertungen und sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und den Aktienkursen. Mit der Auswahlmethode hat er in den vergangenen zehn Jahren für Anleger seiner Aktienfonds mehr herausgeholt als Aktienindizes.

Händler auf dem Parkett der Quelle: dpa

Nach den hohen Kursgewinnen in diesem Jahr sind viele Anleger verunsichert. Sollen sie Gewinne mitnehmen und Aktien verkaufen? Das ist für manchen Anleger gewiss keine schlechte Strategie. Aber Experten wie der New Yorker Fondsmanager Michael Keppler erwarten, dass die Aktienmärkte noch weiter zulegen können, denn überbewertet seien viele Märkte nicht. Keppler zieht gerne historische Vergleiche mit Daten über den Welt-Aktienindex MSCI Welt der vergangenen 40 Jahre: „Die aktuellen Bewertungen liegen  20 Prozent unter dem gleitenden Zehnjahres-Durchschnitten in dem Zeitraum“, sagt Keppler.

Keppler filtert für den HSBC-Lingohr-Keppler Global Equity-Fonds ebenso wie für die von ihm bei State-Street aufgelegten Global-Advantage-Fonds mit einem Computermodell die am günstigsten bewerteten Industrie- oder Schwellenländer heraus. Dazu nutzt er Kennziffern wie das Verhältnis vom Kurs zum Buchwert eines Unternehmens, Kurs zu Cash-Flow und Gewinn sowie die Dividendenrendite. Nur das Kurs-Gewinn-Verhältnis sei derzeit etwas höher als im Zehnjahresschnitt, weil die Unternehmen mit hohen Sonderabschreibungen ihre Gewinne stark gedrückt hätten. „Die Dividendenrenditen europäischer Aktien sind mit 3,5 Prozent im Schnitt attraktiver als Erträge aus Festverzinslichen-Papieren“, meint Keppler.

Entfernung von der Realwirtschaft

Ebenso ist die Furcht unter Anlegern groß, dass sich die Aktienmärkte zu weit von der Realwirtschaft entfernt haben könnten. Aber diesen Zusammenhang habe es nie gegeben, meint Keppler und verweist auf eine Studie der London Business School. „Die Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Börsenkursen ist eine Fata-Morgana.“ „Wer sich die Realwirtschaft im März angesehen hat, der wäre nie in Aktien eingestiegen“, so Keppler. Tatsächlich war es aber ein idealer Kaufzeitpunkt für Aktien.

Es gab immer Phasen, in denen die Aktienkurse in einzelnen Märkten nicht so stark gestiegen seien wie die Fundamentaldaten. Brasilien war  beispielsweise von 1988 bis 2006 so ein Fall: Das Bruttoinlandsprodukt habe viel stärker zugelegt als die Aktienkurse. Erst im Jahr 2008 sind dann die Aktienkurse stärker gestiegen als die Fundamentaldaten. Ähnlich sei es im US-Aktienindex Dow Jones gelaufen: Von 1964 bis 1981 sei der Index nur leicht gestiegen, obwohl sich das Bruttoinlandsprodukt des Landes in dieser Zeit verfünffacht habe. Als der Dow Jones dann aber von 1981 bis 1999 von 1800 auf 12000 Punkte stieg, habe sich das Bruttoinlandsprodukt nur verdoppelt. 

Preisgünstige Märkte

Keppler orientiert sich bei seiner Suche nach preisgünstigen Märkten an den Theorien zur fundamentalen Wertpapieranalyse vom US-Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Graham, der Lehrer und Vorbild von US-Investor Warren Buffet war. Demnach hätten preisgünstige Aktienmärkte einen überduchschnittlichen Performance-Erwartungswert. Die Kennziffern von Kepplers Fondsportfolio liegen seit längerem rund ein Drittel unter der Bewertung des MSCI Welt-Index. Erkennt der Markt diese Unterbewertung, können sich für die Fonds Kurschancen bieten. Keppler meint, dass ein Anleger, der heute das Portfolio mit einem Bewertungsvorteil von einem Drittel gegenüber der Bewertung des MSCI Welt einkaufe, auf drei bis fünf Jahre gute Chancen habe, den Markt zu schlagen.

Langfristig hat sich die Auswahlmethode ausgezahlt. In den vergangenen zehn Jahren legte der weltweite Aktienfonds Global Advantage Major Markets High Value um 5,1 Prozent pro Jahr zu, der MSCI Welt-Index verlor jedes Jahr 1,1 Prozent. Bei der Auswahl von Schwellenländern schlug Kepplers Fonds mit 12,1 Prozent Plus pro Jahr den MSCI Schwellenländer-Aktienindex klar, der nur 7,7 Prozent brachte. Auf kürzere Sicht ist der Vorsprung allerdings nicht mehr ganz so deutlich oder Keppler fällt sogar hinter die Indizes zurück. Dass die Märkte die Unterbewertung erkennen, kann also mitunter länger dauern, daher sollten Anleger ebenfalls mindestens fünf Jahre in dem Fonds investiert bleiben. 

Zu den günstig bewerteten Aktienmärkten der Industriestaaten zählen für Keppler derzeit Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien. Als teuer stuft seine Computerauswahl derzeit Belgien, Kanada, Schweiz, Hongkong und USA ein.

Indien, Mexico und Korea sind teuer

Und hier liegt die Krux der Indexinvestments: Anleger, die einen Indexfonds auf den MSCI Welt-Index kaufen, bekommen gerade mal einen Deutschland-Anteil von 3,8 Prozent ins Depot. Stärker ist der heimische Aktienmarkt in dem globalen Gradmesser der Aktienmärkte nicht gewichtet. Stattdessen fließen US-Aktien mit 48 Prozent in den Aktienkorb ein, Japan mit elf Prozent, Großbritannien mit 9,8 und Kanada mit 4,6 Prozent. Indexanleger kaufen also vielfach die Märkte ein, die ein Value-Investore wie Keppler aussortiert hat, weil sie ihm zu teuer geworden sind.

Unter den Schwellenmärkten hält Keppler  Brasilien, Tschechien, Ungarn, Polen, Russland, Taiwan, Thailand und Türkei für günstig bewertet. Indien, Mexiko und Korea sieht er als teuer an. Auch für Schwellenländer-Investments eigenen sich aktive Ansätze erfahrener Fondsmanager mitunter besser als Indexinvestments. „In den vergangenen Jahren sind etwa zehn Märkte aus den Schwellenländer-Indizes herausgefallen. Davon sind aber nur drei Märkte wie Griechenland, Israel und Portugal in die Indizes der entwickelten Länder aufgestiegen“, sagt Keppler. Argentinien, Simbabwe und Venezuela wurden erst aussortiert nach einem Bankrott oder nach Enteignungen – also nachdem die Kurse bereits stark gefallen waren.

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