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Alternativbank Die Noa Bank hat das Vertrauen nicht verdient

Transparenz und einen hohen moralischen Anspruch hat sich die kleine Bank auf die Fahnen geschrieben. Nun darf die Noa Bank keine Geschäfte mehr machen. Kunden können derzeit nur spekulieren, was mit ihren Ersparnissen wirklich passiert.

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François Jozic, Gründer und Chef der Noa Bank

Nach der Finanzkrise mit all ihren Skandalen um skrupellose Boni-Banker, Zockerbuden, Spareinlagen wie im Casino und mutwillig geprellte Anleger klang die Idee des Noa-Bank-Gründers François Jozic fast schon logisch: Eine Bank, die so transparent ist, dass Kunden immer wissen, was mit ihrem Geld passiert.

Noa-Bank-Kunden sollten sogar mitbestimmen, in welchem Bereich ihr Geld investiert wird: Sie konnten wählen zwischen der Kreditvergabe an regionale Unternehmen, im Bereich Naturschutz und erneuerbare Energien, in das Gesundheitswesen oder in kulturelle und künstlerische Zwecke. Das Geld sollte nur in die Realwirtschaft fließen. Das weckte Hoffnung auf eine bessere Bankenwelt, weckte Sehnsüchte nach einer Welt, in der Geld nur Gutes tut. Spekulationen waren tabu.

Der Traum ist erst einmal geplatzt. Denn die Noa Bank darf zurzeit keine Geschäft mehr machen, nachdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Bremse gezogen hat.

Schrumpfkur für ein Startup

Die Bank steht still, lediglich die Spareinlagen schwinden, weil Kunden ihr Geld abziehen. Denn schon seit dem 30. April 2010 lehnte die Bank die Eröffnung neuer Tagesgeldkonten ab, seit dem 24. Juni 2010 nimmt das Institut überhaupt keine Kundengelder mehr an, auch nicht von Bestandskunden.

Auch die Eröffnung von Festgeldkonten wurde eingestellt, die hitverdächtigen Lockzinsen auf Tagesgeld senkte die Bank von 2,2 auf 1,5 Prozent. Seitdem holten sich die Kunden von den deponierten 300 Millionen Euro rund 75 Millionen wieder zurück. Nun hat die BaFin der Bank untersagt, Kundengelder anzunehmen und Kredite zu vergeben. Das hat die Aufsichtsbehörde der WirtschaftsWoche bestätigt.

Die Begründung dieser Vorgänge ist indes skurril, bisweilen auch grotesk. Fragwürdig sind die Informationen vor allem deshalb, weil sie im Wesentlichen von François Jozic selbst stammen. Eine Stellungnahme der BaFin fehlt bislang und ist aufgrund der Vertraulichkeit weder üblich, noch zu erwarten.

Ein Mann, eine Bank

Der Gründer Jozic ist zugleich das Gesicht der Bank. Sein Konterfei prangt nicht nur zigfach auf den Internet-Seiten der Bank, sondern auch auf der eigens für Kunden und Interessierte eingerichteten Blog-Seite. Jozic schickte am 24. Juni eine Mail an seine Kunden und informierte auf seiner Blog-Seite. Wortreich schildert er die Argumente der Bankenaufsicht, die skizzierten Probleme und Verhandlungen mit der Behörde.

Die BaFin sei besorgt wegen des Eigenkapitals der Bank, auch Struktur und Verpflichtungen der Banken hätten eine Rolle gespielt. Zudem hätte der enorme Erfolg – 15.000 Kunden in sechs Monaten und eingezahlte Spareinlagen im Volumen von 300 Millionen Euro – dazu geführt, dass den hohen Spareinlagen im Verhältnis zuwenig vergebene Kredite gegenüberstanden.

Die Eigenkapitalanforderungen an die Bank seien daher immer größer geworden. Jozic betrachtet das als unverhältnismäßig und unfair im Vergleich zu den Anforderungen an etablierte Banken.

Sein Blog, der eigentlich der Kundeninformation dienen soll, mündet in einer Verschwörungstheorie: Aus Jozic Sicht ist die Noa Bank ein Opfer ihres Erfolges geworden, weil sie den Zorn des „Establishments“ auf sich zog. Die immer höheren Eigenkapitalforderungen der BaFin stellen sich für Jozic als „verrücktes Szenario“ dar, in seinem Blog stellt er die Frage, ob dunkle Mächte am Werk seien. Die BaFin habe in den Gesprächen Briefe und Anrufe anonymer Urheber sowie Druck von oben erwähnt. Sein Blog enthält auch eine Petition an die Bundeskanzlerin, in der für eine faire Behandlung und Beurteilung des Noa Bank geworben wird, denn das BaFin würde bei der Noa Bank allzu strengere Kriterien anlegen. Die „finanzielle Demokratie“ solle offenkundig verhindert werden. Das klingt wie Dschungelkrieg zwischen Frankfurts Banktürmen, bei der die Kunden der Noa Bank zu Söldnern für eine vermeintlich gerechte Sache gemacht werden sollen. Vor allem aber ist es Sache von Bankchef Jozic.

Was Herr Jozic da in seinem Blog schreibt, ist bruchstückhaft und wenig plausibel. Aus Finanzkreisen ist zu hören, dass die BaFin den Geschäftsbetrieb auch einer kleinen Bank nicht leichtfertig stoppt, da müssten schon erhebliche Risiken eine solche Maßnahme notwendig machen. Die Mindestanforderungen an das Eigenkapital einer Bank bemessen sich vor allem an den Risiken in den Büchern. Ein Bankeninsider bezweifelt gegenüber der WirtschaftsWoche, dass die zu geringe Kreditvergabe das Problem gewesen sein dürfte. Vielmehr sei zu vermuten, dass die Bank für die gewonnenen Spareinlagen die überdurchschnittlich hohen Tagesgeldzinsen finanzieren musste und deshalb das Geld renditeträchtig am Kapitalmarkt angelegt habe. Und die Risiken dieser Anlagen erhöhten den Eigenkapitalbedarf deutlich, denn sie müssen im Kundeninteresse abgesichert werden. Hinter den Kulissen geht es anscheinend weniger um Transparenz und Ethik, sondern vielmehr um Finanzierung und Profitabilität sowie die Rettung eines unausgereiften Geschäftsmodells.

Wo die Bank die Spareinlagen ihrer Kunden parkt, darüber lässt sich deshalb nur spekulieren. Auch die Geschichte von den anonymen Anrufen und dem von oben ausgeübten Druck auf die BaFin betrachten Kenner der Bankenbranche als hanebüchen. Warum sollten etablierte Banken mit Eigenkapital in Milliardenhöhe und Millionen von Kunden vor einer winzigen Startup-Bank zittern?

Besonders ärgerlich dürfte für Noa-Bankkunden die Verschleierungstaktik des Herrn Jozic sein: In seinem Blog entschuldigt er sich ausdrücklich dafür, dass seine offizielle Begründung für den Annahmestopp von Kundengeldern dem Verbergen der wahren Gründe gegenüber der Öffentlichkeit gedient, und er damit gegen das selbst auferlegte Gebot der Transparenz verstoßen habe. Die offizielle Entschuldigung ist zwar ehrenvoll, steigert das Misstrauen jedoch zusätzlich. Wer einmal lügt…

Zu 100 Prozent oder ganz

Und es kommt noch besser: Auf Anfrage ließ Jozic der WirtschaftsWoche mitteilen, dass die Kundengelder zu 100 Prozent sicher seien – wer ganz sicher gehen wolle, solle mit seinen Spareinlagen unter 50.000 Euro bleiben. Man kann nur staunen über diese feinsinnige Differenzierung.

Auf der Homepage der Noa Bank ist bis heute keinerlei Hinweis zu sehen, dass bei vielen Angeboten der Bank bereits vor langer Zeit die Pause-Taste gedrückt wurde. Die Frage, warum das so sei, beantwortete Jozic lapidar damit, dass die Informationen ja im Blog und in den Medien öffentlich gewesen seien. Potenziellen Neukunden dürfte das kaum helfen.

Auch die heute im Blog gemeldete Eigenkapitalspritze von zwei Millionen Euro ist da eher ein Trostpflaster. Die BaFin fordert nach eigenen Angaben der Noa Bank mindestens zusätzliches Eigenkapital von 10 Millionen Euro, vielleicht sogar 15 Millionen Euro. Und da es unwahrscheinlich ist, dass die Bankenaufsicht diese Deckung aus Boshaftigkeit oder auf politischen Druck verlangt, müssen die Risiken der Bank erheblich sein. Eine Entwarnung ist die Blog-Meldung jedenfalls nicht.

Ein hohes Maß an Transparenz und einen noch höheren moralischen Anspruch hat sich die Bank auf die Fahnen geschrieben. Sogar die „finanzielle Demokratie“ sollte begründet werden. Die exotisch anmutende Kommunikation des Bankgründers François Jozic reduziert die Kontoinhaber jedoch zu Idealisten, die Guerilla-Kriegern gleich dem Bank-Establishment trotzen sollen – so wie sich Jozic wohl auch selbst sieht. Züge eines soliden Bankers lässt er jedenfalls vermissen.

Spekulation lehnt Jozic ab – die überlässt er lieber seinen 15.000 Kunden, die auf das Prinzip Hoffnung setzen: Auf eine Bank, die sich das Vertrauen ihrer Kunden noch nicht verdient hat, dafür aber monatelang Sparzinsen bot, die jeder anderen Bank einfach zu hoch wären. Kunden können derzeit nur spekulieren, was mit Ersparnissen wirklich passiert. Diese Bank und insbesondere François Jozic haben das in sie gesetzte Vertrauen der Kunden nicht verdient.

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