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Anleger-Akademie Wunderwaffe oder Teufelszeug?

Zertifikate genießen einen zweifelhaften Ruf. Die Papiere bergen beträchtliche Risiken. Richtig eingesetzt bieten sie Anlegern jedoch Mehrwert. Der Handelsblatt-Überblick über den mit mehr als 200 000 Zertifikaten undurchsichtigen Markt zeigt, wo Risiken und wo Chancen liegen.

Unübersichtlicher Markt: Viele Zertifikate bergen Risiken. Wer sie richtig einsetzt, kann aber profitieren. Quelle: Caepsele

DÜSSELDORF. An Zertifikaten scheiden sich die Geister: Als Wunderwaffen, die Anlegern für jeden Markt und jedes Szenario das passende Vehikel an die Hand liefern, vermarkten die Banken ihre Produkte. Viele Kritiker sehen in Zertifikaten dagegen gefährliches Teufelszeug, von dem Anleger die Finger lassen sollten.

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Was Zertifikate können und wo Anleger aufpassen müssen, beschreibt das Handelsblatt ab dieser Woche in der neuen Serie der Anleger-Akademie.

Fakt ist, dass sich Zertifikate seit der Jahrtausendwende einen festen Platz in deutschen Depots erobert haben. Fakt ist auch, dass Zertifikate in speziellen Börsenphasen Vorteile gegenüber herkömmlichen Anlagen wie Aktien bieten können.

Fakt ist aber auch, dass der Markt mit mehr als 200 000 Zertifikaten absolut undurchsichtig geworden ist. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Produkte hohe Risiken bergen. Trauriger Höhepunkt war die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008: Zehntausende von Anlegern, die Zertifikate von Lehman gekauft hatten, sitzen auf hohen Verlusten. Ob und wie sie für ihren Schaden entschädigt werden, beschäftigt die Gerichte.

Zum Verhängnis wurde den Lehman-Anlegern die Konstruktion von Zertifikaten als Schuldverschreibungen. Die Rückzahlung der Produkte ist nicht gesichert, sondern hängt an der Zahlungsfähigkeit des Emittenten: "Grundsätzlich müssen sich Anleger fragen, ob ein Zertifikat ihrer Risikoneigung entspricht", sagt Thomas Heidorn, Finanzprofessor an der Frankfurt School of Finance. "Die Gegenpartei eines Zertifikates ist immer eine Bank und damit gehen Anleger ein Emittentenrisiko ein. Das unterscheidet Zertifikate beispielsweise von ETFs, bei denen das Geld als Sondervermögen geschützt ist."

Mehr Flexibilität für Anleger

Positiv unterscheiden sich Zertifikate dagegen von anderen Anlagen durch ihre Flexibilität. Durch den Einsatz von Optionen können die Banken unterschiedlichste Auszahlungsprofile schaffen, die es Anlegern ermöglichen, mit Hebel oder mit Sicherheitspuffer in diverse Märkte zu investieren. So können Anleger mit Discountzertifikaten Aktien oder Indizes mit Rabatt kaufen. Bei Bonuszertifikaten erhalten Anleger eine fixe Mindestausschüttung, so lange die Kurse während der Laufzeit nicht zu stark auf Tauchstation gehen.

"Zertifikate sind vernünftige Instrumente, wenn man sie richtig einsetzt", sagt Klaus Martini, Vorstand des Vermögensverwalters Wilhelm von Finck. "Privatanleger können mit Zertifikaten Märkte abdecken, die sonst nicht zugänglich wären, und in speziellen Situationen taktisch investieren." Aber auch Profis bieten die Produkte Vorteile: "Wir setzen Zertifikate als Cash-Ersatz ein oder um von der Volatilitätsentwicklung am Markt zu profitieren. Außerdem nutzen wir sie, um Positionen bei Einzelaktien abzusichern", erklärt Martini.

Je komplexer, desto teurer

Von den vielfältigen Möglichkeiten, Zertifikate taktisch einzusetzen, machen Privatanleger jedoch kaum Gebrauch. Daten des Branchenverbandes DDV zufolge nutzen sie vor allem Garantiezertifikate, die einen Schutz des eingesetzten Kapitals versprechen - vorausgesetzt die Bank ist bei Fälligkeit zahlungsfähig. Knapp 64 Prozent der in Deutschland in Zertifikate investierten Gelder lagen Ende des ersten Quartals in diesen Produkten.

Das Sicherheitsversprechen hat aber einen Haken. Die Stiftung Warentest hat Garantieprodukte kürzlich untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass damit vor allem die Banken Gewinn machen. Die Renditechancen der Anleger seien wegen hoher Kosten dagegen schlecht, die versprochenen Maximalrenditen würden nur 10 bis 15 Prozent der Zertifikate erzielen.

Zu erkennen sind die hohen Kosten für den Anleger häufig nicht, da sie sich hinter verworrenen Produktkonstruktionen verstecken. "Je komplexer ein Produkt ist, desto höher sind die Gebühren", sagt Heidorn. Außerdem warnt er vor Produkten mit zu langer Laufzeit: "Geeignet sind Zertifikate insbesondere für die kurzfristige Anlage. Hier ist es leichter, sich eine klare Marktmeinung zu bilden, die man mit dem passenden Produkt abdeckt." Außerdem falle das Emittentenrisiko bei kurzen Anlagen weniger ins Gewicht.

KLEINES ZERTIFIKATE-EINMALEINS

Ein Zertifikat verbrieft selbst keinen Wert, sondern bildet mit Hilfe von Optionen die Wertentwicklung einer anderen Anlage, etwa einer Aktie ab. Während Anleger bei Aktien immer dann gewinnen, wenn die Kurse steigen, und verlieren, wenn sie fallen, sind mit Zertifikaten ganz andere Konstruktionen denkbar.

Rechtlich gesehen sind Zertifikate wie Anleihen Inhaberschuldverschreibungen. Anders als bei Fonds haben Anleger daher keinen Anspruch auf Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Im Falle einer Insolvenz des Emittenten - also der Bank - droht ihnen im Extremfall der Totalverlust.

Garantiezertifikate sind in Deutschland besonders beliebt. Fast zwei Drittel des in Zertifikate investierten Vermögens (aktuell rund 106 Mio. Euro) liegt in Garantiezertifikaten. Gefragt sind auch Expresszertifikate und Indexzertifikate. Deutlich an Zuspruch verloren haben dagegen Bonus- und Discountzertifikate.

In der kommenden Woche geht unsere Serie weiter mit dem Thema Index-Zertifikate.

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