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Bankberatung Was der neue Anlegerschutz taugt

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Kontrolliert werden sollen die freien Vermittler von Fonds von den rund 7000 örtlichen Gewerbeaufsichtsämtern in Deutschland. Die sind, je nach Stadt oder Region, unterschiedlich streng. Bran-chen-insider fürchten bereits, dass es, wie schon bei Versicherungsvermittlern zu beobachten, regelrechte Regulierungswanderungen geben könnte: Vermittler könnten ihre Büros von Städten mit strenger Gewerbeaufsicht in ruhigere Zonen verlegen.

Generell gilt, dass bei vielen Gewerbeämtern, zu deren Kernaufgaben ansonsten etwa die Aufsicht über Imbissbuden und Eisdielen zählt, eher wenig Expertise für Finanzprodukte zu erwarten ist. „An diesem Punkt muss möglicherweise noch nachgearbeitet werden“, sagt Joachim -Nagel, der im Vorstand der Bundesbank für Finanzmärkte verantwortlich ist (siehe Interview Seite 88). Die FDP freute sich übrigens während des seit Mai laufenden Gesetzgebungsverfahrens über zwei Spenden von 65 000 und 60 000 Euro. Spender: der größte deutsche Finanzvertrieb DVAG.

„Es ist völlig unverständlich, dass im Gesetz nun zwischen Bank- und sonstigen Beratern differenziert wird“, sagt Wolfgang Schirp, der als Anwalt der Berliner Kanzlei Schirp Schmidt-Morsbach Neusel Rechtsanwälte am Gesetzgebungsverfahren beratend tätig gewesen ist. „Es sollte doch klar sein, dass alle Berater für Kapitalanlagen und Kredite unter die persönliche Registrierungspflicht fallen müssen, um Anleger zu schützen“, sagt auch Heinrich Bockholt, Leiter des Instituts für Finanzwirtschaft an der Fachhochschule Koblenz und Vorsitzender des Bundesverbands Finanz-Planer. Ministerin Aigner will nach eigenen Angaben weiter dafür kämpfen, dass die BaFin auch die freien Vertriebsmitarbeiter kontrolliert.

Doch nicht nur die Einschränkung des Beraterkreises, der ins BaFin-Register aufgenommen werden soll, ist ein Webfehler des Gesetzes. Anleger, die hoffen, leichter an Schadensersatz zu kommen, werden enttäuscht: Potenziell Geschädigte erfahren auch bei berechtigtem Interesse nicht, ob ihr Berater bereits einen Eintrag in der Datenbank hat. Dritte, wie etwa Anwälte, bekommen ebenfalls keine Informationen – das Register ist nicht öffentlich.

Bürokratie am Bankschalter

Zunächst sind in dem Register nur Namen und Einsatzorte der 300 000 Berater verzeichnet. Einen Eintrag in die Datenbank veranlassen nur die Arbeitgeber der Berater, also die Banken selbst. Sie sind allerdings dazu verpflichtet, jede Kundenbeschwerde in Sachen Geldanlageberatung der BaFin zu melden. Die Datenbank pflegen sollen 20 neue BaFin-Mitarbeiter.

Finanzexperte Bockholt hofft darauf, das sich zumindest der Vertriebsdruck, dem Bankberater ausgesetzt sind, verringern könnte. Das wiederum wäre gut für Anleger, denen nicht mehr ohne Rücksicht auf Verluste teure Produkte -aufgeschwatzt würden – nur damit die Bank Provisionen kassiert: „Das Gesetz gibt auch Druck nach oben, weil Vorgesetzte der Berater bei häufiger Falschberatung in den Fokus der Aufsicht kommen“, sagt Anwalt Schirp. Das könnte demnächst verhindern, dass normale Berater weiter „reine Befehlsempfänger“ bleiben, die stur verkaufen, was von oben gewünscht wird.

Die Realität ist jedenfalls noch eine andere. Kurz nach 15 Uhr, an einem Donnerstag in der Sparkasse im Rheinland: Von Beratung war während der vergangenen 70 Minuten keine Spur. Eine Kundin wollte ein Wertpapierdepot eröffnen. Ein beachtlicher Stapel an Formularen, unterschrieben von der 35-jährigen Industriekauffrau, liegt auf dem Tisch. Sie musste etwa erklären, ob sie Wohnsitz oder Konten in den USA und ob sie schon mal was von Fonds gehört hat. Nun muss der Berater noch das Depot am PC einrichten. Was heute die Zinsen gemacht haben, wo der Dax steht, ob der Goldpreis gestiegen ist – das weiß er nicht. „Dafür hatten wir früher ein Viertel des Tages Zeit, heute mit Glück einmal eine halbe Stunde.“

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