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Bankenpleiten in den USA Immer wieder freitags

Während die großen US-Banken über Wasser gehalten werden, sterben die kleinen Geldhäuser in der Provinz reihenweise. Dann übernimmt die staatliche Einlagensicherung im Husarenstreich die Geschäfte - am liebsten freitags.

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Ehemalige Kunden der Quelle: AP

Lange Schlangen von verstörten Kunden, die fürchten, ihre Sparguthaben könnten verloren sein – solche Szenen, die sich frühmorgens vor noch verschlossenen Banktüren abspielen, will die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) mit allen Mitteln verhindern. Die staatliche Behörde steht in den USA dafür ein, dass niemand sein Erspartes von heute auf morgen durch eine Bankpleite verliert. Die knapp 5000 Mitarbeiter haben zurzeit alle Hände voll zu tun. Denn während viele der großen Wall-Street-Banken durch massive Staatsbeteiligungen und finanzielle Stützen über Wasser gehalten werden, findet das Bankensterben als Folge der Finanzkrise in der amerikanischen Provinz statt – in Pueblo im Bundesstaat  Colorado, in Spring Grove in Minnesota, in Warren, Michigan. Das waren die ersten Opfer im Oktober.   

Übernahme durch die FDIC

Freitag nachts ist die beste Zeit für „FDIC-Action“. Wackelkandidaten unter den mehr als 8000 Banken in den USA haben in der Regel bereits Wochen und Monate zuvor von der FDIC strenge Vorgaben bekommen, wie sie zum Beispiel ihre Kapitalbasis stärken oder riskante Kreditgeschäfte zurückfahren müssen. Gelingt ihnen das in der vorgegebenen Zeitspanne nicht, marschiert an einem Freitag nach Geschäftsschluss unauffällig eine Truppe der FDIC meist zeitgleich in allen Filialen der auf der Kippe stehenden Bank ein und übernimmt komplett die Geschäfte. Die Behördenmitarbeiter sind zuvor unter Decknamen in einem Hotel in der Nähe untergeschlüpft und haben die Aktion unter einem Codenamen akribisch vorbereitet. Niemand soll vorzeitig Wind davon bekommen, dass die „Feds“ eine lokale Bank übernehmen.

Am Wochenende führen die FDIC-Spezialisten, darunter Buchprüfer und  Kreditexperten, eine genaue Bestandsaufnahme der Geschäfte der geschlossenen Bank durch. Viele Angestellte der Bank, die sich bereits aufs Wochenende mit der Familie gefreut hatten, sind vom Aufmarsch der FDIC-Truppe total überrascht und geschockt. Von einem Augenblick zum anderen scheinen ihre Arbeitsplätze in akuter Gefahr. Die Bankmanager, die die wahre Lage der Bank kennen, mussten zumindest mit der Möglichkeit rechnen, dass die FDIC-Leute plötzlich Freitags vor der Tür stehen.

Überzeugungsarbeit bei verunsicherten Kunden

Eine der ersten Maßnahmen ist, auf der Webseite der Bank Informationen für die Kunden zu veröffentlichen, mit der Versicherung, dass Sparguthaben nicht in Gefahr sind. Ziel ist es, die Bank am Samstag ganz normal zu öffnen – diesmal aber unter der Regie der US-Regierung. 

Trotzdem sind viele der Kunden verunsichert, fragen, ob sie noch Schecks ausschreiben können, ob der Geldautomat noch Bares raus gibt, ob sie Zugang zu ihrem privaten Banksafe haben. Und manche misstrauen den Versicherungen der FDIC-Leute, sie müssten sich um ihr Erspartes keine Sorgen machen. Der Mann, der mit einer leeren Aktentasche auftaucht und sein gesamtes Geld sofort mitnehmen will, ja, das gebe es auch, sagt ein FDIC-Mitarbeiter. Dann müsse man zusätzliche Überzeugungsarbeit leisten. 

Die Vorsitzende der Federal Quelle: AP

Grundsätzlich hat die FDIC drei Optionen, wenn sie eine Pleitebank schließt. Sie kann komplett dicht machen und alle Guthaben an die Bankkunden auszahlen, die Bank liquidieren, alle noch vorhandenen Vermögenswerte verkaufen, vergebene Kredite fällig stellen. Das passiert sehr selten. Sie kann die Bank unter eigener Regie weiter führen und die Geschäfte ordnen und abwickeln. Das würde bei der weiter nach oben schnellenden Zahl von Bankpleiten in den USA aber die personellen Kapazitäten der Behörde übersteigen. Der Regelfall ist, dass die FDIC bereits vor dem Freitagsmarsch einen Käufer an der Hand hat, der die Filialen und zumindest die gesunden Teile der gescheiterten Bank übernimmt.

Geheime Versteigerung

Um einen solchen Käufer zu finden, organisiert die Behörde unter Interessenten, die strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen zustimmen müssen, weniger Tage vor der Freitagsaktion eine geheime Versteigerung. Für faule Kredite der Pleitebank übernimmt die FDIC dabei oft einen großen Teil der entstehenden Verluste. Zudem muss sie häufig sogar draufzahlen, damit ein Käufer anbeißt. Meist ist der Käufer eine andere Bank, die so ihren Kundenstamm und ihr Filialnetz erweitern kann. Zuletzt stiegen aber auch Private-Equity-Gesellschaften, die während der Krise ihr Pulver trocken gehalten haben, als Investoren verstärkt bei gescheiterten Regionalbanken ein.

Unterschätztes Krisenausmaß

Der Topf, aus dem die FDIC die bei der Übernahme der Pleitebanken entstehenden Kosten deckt, ist zuletzt sogar in die roten Zahlen gerutscht. Vor zwei Jahren lagen  darin noch mehr als 50 Milliarden Dollar. Jetzt kündigte die Behörde an, dass sie zum Jahresende eine Vorauszahlung der Versicherungsprämien von den gesünderen Banken kassieren will – nicht fürs nächste oder übernächste Quartal, sondern gleich für die Jahre 2010, 2011 und 2012. Das soll den bereits arg strapazierten Einlagensicherungsfonds mit einer Infusion von rund 45 Milliarden Dollar stärken.

Ob das ausreichen wird, bezweifeln manche Experten. Die FDIC selbst hatte das Ausmaß der Krise bisher offenbar unterschätzt. Vor wenigen Monaten ging FDIC-Cehfin Sheila Bair noch davon aus, die gesamten Kosten für die Bewältigung der Finanzkrise könne die Behörde rund 65 Milliarden Dollar kosten. Mittlerweile ist diese Schätzung auf 100 Milliarden Dollar gestiegen. Ebenso die Zahl der so genannten Problembanken – das sind Institute, die sich bald auf einen Freitagsbesuch von FDIC-Mitarbeitern einstellen können müssten. 2006 waren es landesweit 50, in diesem Jahr sind es bislang 416, so viele wie 1993 nicht mehr.   

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