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Bankenregulierung Punkt 1: Die Banken erfüllen ihre Aufgaben nicht mehr

Eine Argumentation für die Regulierung der Banken in fünf Punkten. Erstens: Warum die Banken nicht mehr tun, wofür die Wirtschaft sie braucht.

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Bank Spot 1 Quelle: Edel Rodriguez

Banken sollen das in einer Volkswirtschaft zirkulierende Geld effizient verteilen, also von Sparern zu Kreditnehmern lenken. Ohne Banken wären Risiko und Kosten des Kreditgeschäfts höher, der Geldkreislauf langsamer, Kreditvolumen, Investitionen und letztlich das Wachstum schwächer.

Die Pleite einer Bank ist viel gefährlicher als die eines Unternehmens, da sie den gesamten Geld- und Kreditkreislauf stören kann. Und anders als die meisten Unternehmen sind Banken über zahlreiche Kredit- und Refinanzierungsgeschäfte stark miteinander verknüpft. Wird ein Finanzhaus zahlungsunfähig, kann es die anderen mitreißen und so einen Dominoeffekt von Pleiten auslösen. Die Folge wäre ein Zusammenbruch der Wirtschaft.So weit die Theorie. Doch viele Banken haben ihre zentrale Aufgabe zunehmend vernachlässigt. Das klassische Kreditgeschäft, das keine schnellen Renditen bringt, wurde als zu mühsam und zeitaufwendig abgetan. Einlagen wurden stattdessen in Derivate investiert – die „wundervollen Innovationen“, über die Volcker spottet. „Finanzielle Massenvernichtungswaffen“, nannte sie Investment-Legende Warren Buffett bereits 2002.

Alte Reflexe funktionieren noch

Weil sie nur wenig Kapital erfordern – der Einsatz wird per Kredit in seiner Wirkung vertausendfacht –, bringen sie schnellen Gewinn, aber auch unkalkulierbare Risiken und Undurchschaubarkeit. Wohin das führte, ist bekannt. Die Billionen Dollar und Euro, die Notenbanken zur Bekämpfung der Krise in das Finanzsystem pumpten, haben daran kaum etwas geändert. Die alten Reflexe funktionieren noch. Banken bunkern wieder Geld und zocken. US-Banken sitzen laut Zahlen des Datenanbieters Bloomberg zurzeit auf 1290 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln, 98 Cent pro verliehenem Dollar. Im Juni 2008, vor dem Höhepunkt der Finanzkrise, hielten sie nur ein Fünftel davon. Seither ist die von den Banken verliehene Kreditsumme um 14 Prozent gesunken – trotz aller Forderungen aus der Politik, gefälligst die Unternehmen zu finanzieren.

In Deutschland ist die befürchtete Kreditklemme 2009 zwar noch aus‧geblieben. Allerdings hat die Mehrheit der Banken ihre Konditionen laut einer vierteljährlichen Umfrage der Deutschen Bundesbank seit Oktober 2007 ständig weiter verschärft. Das Münchner ifo ‧Institut kommt nach einer Befragung von 4000 Unternehmen zu dem Schluss, dass „ein Wendepunkt nicht in Sicht“ sei. Im Januar klagten in sämtlichen Branchen rund 40 Prozent der Unter‧nehmen über eine restriktive Kreditvergabe, und drei von vier Unternehmen ‧erwarten laut einer Umfrage der staatlichen KfW in den kommenden drei Monaten eine weitere Verschlechterung der Kreditvergabe.

Banken mauern

Für die Investmentbanker der Deutschen Bank hat sich dagegen nichts verschlechtert: Das Frankfurter Bankhaus entlohnte ihre Angestellten im vergangenen Jahr für deren Mühen mit insgesamt fünf Milliarden Euro. Bei Elmar Jakob klopfen derzeit jede Woche drei bis vier neue Mittelständler an, weil sie von den Banken kaum noch Kredit bekommen. Jakob ist Vorstand von Ipontix Equity Consultants; er verschafft Unternehmern Geld, verhandelt mit Banken und Finanzinvestoren, prüft die Möglichkeiten einer Anleihe-Emission.

Ein Problem: 2003 und 2004 legten viele Institute, etwa HypoVereinsbank, BayernLB oder Commerzbank, sogenannte Mezzanine-Programme auf, eine komplizierte Zwitterform aus Eigen- und Fremdkapital „Viele laufen bald aus“, sagt Jakob. „Bis jetzt ist nicht ansatzweise erkennbar, wie eine Nachfolgefinanzierung aussehen könnte.“

So zahlen Mittelständler indirekt für die Exzesse der BayernLB und anderer. Bei der traditionellen Fremdfinanzierung über Kredite mauern die Banken sowieso. Selbst Firmen, die die immer strengeren Anforderungen erfüllen, bekommen deswegen noch lange kein Geld.

„Der typische Mittelständler hat drei Hausbanken, neben der örtlichen Sparkasse ist eine davon fast immer entweder die Dresdner oder die Commerzbank“, sagt Jakob. Die Commerzbank hat sich an der Übernahme der Dresdner verhoben. Jetzt drängen beide darauf, dass Kreditlinien zurückgeführt werden.

Es komme immer öfter vor, bestätigt der Filialleiter einer Großbank aus der Pfalz, dass er für einen Kunden alle nötigen Kreditunterlagen bei der Zentrale in Frankfurt einreiche und von dort wochenlang nichts mehr höre. „Häufig werden längst zugesandte Unterlagen doppelt und dreifach nachverlangt“, sagt er. „Mails, Faxe und Anrufe einfach nicht beantwortet. Die spielen dort auf Zeit, lassen gute Kunden verhungern.“ Nicht auf sein Geld warten muss dagegen Jens-Peter Neumann. Der Ex-Manager der verlustreichen Investmentbank Dresdner Kleinwort setzte vor Gericht 4,5 Millionen Euro an Bonus und Abfindung durch.

Sauerland ist abgebrannt

Eduard Appelhans kennt die Finanzierungsnöte. Er leitet einen Familienbetrieb im sauerländischen Sundern. Schon als Kind habe er oft mitbekommen, wenn Kreditverhandlungen seines Vaters mal wieder schlecht gelaufen waren, aber diese Krise sei anders, tiefer. Appelhans bekam zwar kürzlich noch einmal Kredit. Er hat schon vor 20 Jahren ein Beteiligungsprogramm installiert. Angestellte wandeln dabei Teile des Gehalts in Genussrechte um. „Das bessert mein Eigenkapital auf. Ohne dieses Geld, das sich meine Mitarbeiter vom Munde absparen, wäre es eng geworden“, sagt er.

Andere bekommen nichts mehr. „Wer sehr klein ist und nur 50.000 Euro will, kriegt das noch irgendwie von der örtlichen Sparkasse. Wer aber ein paar Hunderttausend oder eine Million braucht, muss zur Großbank – und beißt dort meist auf Granit.“

"Bei größeren Krediten schließen sich die Sparkassen zwar zu mehreren zusammen", sagt Achim Both, Marktvorstand der Sparkasse Rhein-Nahe in Bad Kreuznach. So fangen die Sparkassen den einen oder anderen Mittelständler auf, der bei der Großbank derzeit abblitzt; inzwischen kommen rund 43 Prozent aller Unternehmenskreditmittel in Deutschland von den Sparkassen. 

Und: Bevor eine Sparkasse ein in der Region verwurzeltes  Unternehmen pleite gehen lässt, geben im Zweifel doch weiche Faktoren den Ausschlag. „Da hängt nicht nur die Eigentümerfamilie dran, die seit Jahrzehnten Kunde ist, sondern auch Mitarbeiter, die bei uns vielleicht ihre  Baufinanzierung haben; das hat alles immense Rückkoppelungen.“

Dennoch geraten aber auch die Sparkassen derzeit immer öfter an ihre Grenzen. Both: „Wir können trotz aller Bemühungen natürlich nicht alles auffangen, was bei den Großbanken derzeit an Krediten nicht verlängert wird.“

Viele Unternehmen spürten die Vorboten des Aufschwungs, können die nötigen Anschubinvestitionen aber nicht finanzieren. Die Bank mauert wegen der Bilanzen von 2009, in denen Umsätze und Gewinne oft um die Hälfte eingebrochen sind. Ein Teufelskreis. Dass die Banken „schon wieder in Geld schwimmen, auch in Steuergeld“, bringt Familienunternehmer Appelhans auf die Palme.

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