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Benzinpreise Warum Öl billig und Benzin teuer ist

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Benzin preiswerter als Öl?

Ein Händler sitzt in der Quelle: dpa

Im Frühjahr 2011 stieg der Preis für eine Tonne Benzin an den Terminmärkten wie in Rotterdam sehr viel schneller als der Ölpreis. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum ersten: Raffinerien können aus einem Liter Rohöl nicht beliebig viel Benzin herstellen, während auf der anderen Seite die Nachfrage nach Benzin stark schwankt.

Wie viel Benzin in der Raffinerie aus dem Öl gewonnen werden kann, hängt zunächst von der Qualität des Rohöls selber ab. Wie bei jedem Naturprodukt schwankt sie. Leichtes Öl („light“) ergibt mehr leichte Derivate wie Gas, Kerosin und Benzin und leichten Diesel, mit dem Autos fahren; schweres Öl („heavy“) ergibt mehr schwere Destillate, wie schweres Heizöl, das in Industrie- und Schiffsmotoren verfeuert wird, und Bitumen.

In einem chemischen Verfahren („Cracken“) werden in modernen Raffinerien zwar die relativ schweren Teile ständig in leichte wie Benzin umgewandelt. Dabei werden die langen Kohlenwasserstoff-Ketten der schweren Rohöl-Bestandteile auseinander gebrochen („gecrackt“), um mehr leichte Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl zu gewinnen, die aus kurzen Kohlenwasserstoff-Ketten bestehen.

Heute werden erheblich mehr leichte Produkte nachgefragt als die schweren. Doch auch das Potenzial des Crackens ist begrenzt. Aus einer Tonne Rohöl gewinnen moderne Raffinerien – je nach Qualität des Rohöls und Cracking-Kapazität der Anlagen - ungefähr 1300 Liter Benzin und 1500 Liter Diesel; dieses Verhältnis ist nicht variabel, während die Nachfrage nach Benzin und Diesel stark schwankt.

So wird im Frühjahr und Sommer traditionell mehr Benzin nachgefragt, im Herbst und Winter mehr Heizöl – chemisch dasselbe wie Diesel. Auch die Zusammensetzung der Fahrzeugflotte spielt eine Rolle. Bis zur Krise 2008 gab es in Europa einen jahrelangen Diesel-Boom. Diesel war in der Spitze dadurch sogar für kurze Zeit teurer als Benzin. Durch die Abwrackprämie schieden jedoch viele alte Fahrzeuge aus, die vornehmlich kleinen Autos, die neu angeschafft wurden, fahren meist mit Benzin.

Spekulieren mit dem Crack Spread

Einen zweiten Teil der Differenz zwischen Ölpreis und Benzinpreis erklären auch die sogenannten crack spreads – das ist die Differenz zwischen dem Rohölpreis und dem der stark nachgefragten, leichten Produkte wie Diesel und Benzin -  in anderen Worten die Roh-Gewinnmarge der Raffinerie. Auch diese crack spreads schwanken mitunter stark.

Das hat zum Teil fundamentale Gründe; so steigen die Spreads zeitweise stark an, wenn in den USA in der Hurrikan-Saison eine oder mehrere große Raffinerien vorübergehend stillgelegt oder gar beschädigt werden. Sind die Raffinerien – wie in der Krise nach dem September 2008 – aufgrund stark nachlassender Nachfrage nach Benzin und Öl hingegen nicht voll ausgelastet, schwinden die Spreads wieder; der Benzinpreis erholt sich sogar schneller als der Ölpreis.

Derzeit sind infolge der Wirtschaftskrise die Raffinerien noch nicht wieder voll ausgelastet. Generell haben sich die Spreads jedoch in den vergangenen Jahren erhöht, weil weltweit nicht genügend neue Raffinerien gebaut wurden, um der stark steigenden Nachfrage vor allem der Schwellenländer wie China Rechnung zu tragen. Deswegen reagiert der Benzinpreis heute tendenziell nervöser auf den Ölpreis als etwa in den 1980er-Jahren, auch wenn - wie zurzeit – die Lager eigentlich noch gut gefüllt sind.

Auch Spekulanten nutzen die crack spreads, auf die es heutzutage natürlich Derivate gibt, um auf wachsende oder sich einengende Differenzen zwischen Öl- und Spritpreis zu wetten. Die crack spreads auf Benzin haben sich in New York und London seit Dezember 2009 nahezu verdreifacht. Auch der Preis für die physische Tonne Benzin stieg, wenn auch nicht ganz so schnell, so doch in drei Monaten um immerhin 80 Prozent. „Den Nachweis zu führen, ist natürlich schwierig, aber es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass Spekulanten mit am steigenden Benzinpreis beteiligt sind“, sagt Nikolaus Kreis, Rohstoff-Analyst bei Unicredit.

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