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Benzinpreise Warum Öl billig und Benzin teuer ist

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Preistreiber am Werk?

Bohrturm in Venezuela, 600 Quelle: AP

Besonders verdächtig sind die "plötzlichen" Preissteigerungen an Wochenenden und vor autoreichen Feiertagen wie Ostern und Pfingsten. Klaus Picard, Geschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, weist die Kritik der Behörde zurück. Das Bundeskartellamt bestätige mit seiner Studie nur das, was die Tankstellenbetreiber offen darlegten. "Vor Wochenenden werden die Preise angehoben." Damit werde nicht gegen Gesetze verstoßen. Das Anheben und Senken der Preise sei für die Tankstellen notwendig, um ihren Kundenstamm zu halten. "Wir sind preiswert, preiswerter geht es nicht", sagte Picard noch.

Starke Worte. Doch würde das überhaupt etwas nutzen?

Das Bundeskartellamt untersucht die Branche schon seit geraumer Zeit. Seit Juni 2008 prüft die Bonner Behörde in einer so genannten Sektoruntersuchung die Branche. Die endgültigen Ergebnisse vom Mai 2011 überraschten kaum: Schon in einem Zwischenbericht ein Jahr zuvor ließ die Behörde durchklingen, dass sie der Ölbranche nicht so recht über den Weg traut: wegen der ohnehin schon stark konzentrierten Marktmacht auf wenige Unternehmen wie Shell, BP (Aral), Total, Jet und Esso empfahl das Kartellamt schon damals, "weitere Zusammenschlüsse im Tankstellenbereich" zu verhindern. Doch konkrete Preisabsprachen konnte man den Multis nicht nachweisen. "Das ist auch gar nicht nötig", sagt ein Sprecher der Behörde, "98 Prozent der Tankwarte können die Preistafel des Konkurrenten vom Fenster aus sehen; abkucken ist erlaubt - absprechen nicht."

Die Ölkonzerne wehren sich und verweisen auf den relativ konstanten so genannten Deckungsbeitrag. Der habe im Sommer 2008 zur Zeit der Rekord-Ölpreise bei knapp 10,5 Cent je verkauftem Liter gelegen, so eine Sprecherin des Verbands der Mineralölwirtschaft in Berlin. Im April lag der Deckungsbeitrag mit 11,7 Cent kaum höher.

Der Deckungsbeitrag ist die Summe, die vom abgesetzten Liter Benzin nach Abzug der Mehrwert und Mineralölsteuer sowie der Einkaufpreise des Benzins übrig bleibt; davon müssen aber noch die Kosten für Transport, Lagerung, Tankstellennetz, die gesetzlich vorgeschriebene Vorratshaltung und – Biospritbeimischung, für Versicherung und Personal abgezogen werden.

Unterm Strich blieben deutschen Tankstellen nur ein bis zwei Cent vom abverkauften Liter Benzin, sagt Wiek vom Energie-Informationsdienst, „auch dieser Wert ist relativ konstant in Deutschland; es gibt Länder wie Norwegen oder Italien, da verdienen die Tankstellen am Liter Benzin deutlich schwankender – und bis zu 20 Cent.“

Was verdient der Ölmulti am Sprit?

Der eine Cent, den deutsche Tankstellen am Liter Sprit verdienen, ist aber nur der durchschnittliche Gewinn der Tankstelle; doch der tatsächliche Gewinn der Konzerne am Liter Sprit dürfte weit höher liegen; wie hoch genau, geht aus den Bilanzen der Multis nicht hervor. Klar ist aber: die meisten Tankstellen gehören integrierten Ölkonzernen; diese verkaufen nicht nur Sprit an den Autofahrer und Heizöl an Hausbesitzer („downstream-Geschäft“), sondern sie fördern selbst Öl, transportieren und raffinieren es in eigenen Tankern und Raffinerien, lagern und vertreiben es. Sie verdienen also an jeder Stelle der Wertschöpfungskette mit.

Wie viel, hängt von vielen Faktoren ab, doch der End-Preis an der Tankstelle hat zurzeit sehr wenig Einfluss auf die Gewinne der Multis.

Betrachtet man den Spritpreis genauer, fällt sofort auf, dass ein sehr großer Teil – fast zwei Drittel – des Endpreises vollkommen unabhängig vom Rohölpreis sind: Vom aktuellen Preis von 1,55 Euro etwa sind zunächst 19 Prozent oder 25 Cent Mehrwertsteuer. Bleiben 1,30 Euro. Davon wiederum ist mehr als die Hälfte  - 70,7 Cent – Mineralöl-Steuer.  Diese beiden Blöcke kann weder der Ölpreis noch ein Ölmulti beeinflussen, sie sind fix. 

Bleibt ein relativ kläglicher Rest von 69,3 Cent, der überhaut variabel auf Ölpreis, Angebot und Nachfrage oder eben Preistreiberei durch Hersteller und /oder Spekulanten reagieren kann.

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