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Benzinpreise Warum Öl billig und Benzin teuer ist

Automobilclubs und Verbände wittern Preiswucher der Ölkonzerne – auch das Kartellamt sieht mangelnden Wettbewerbsdruck. Die wahren Gründe für das jüngste Preishoch beim Benzin liegen aber woanders. Warum der Sprit im Sommer dennoch die Zwei-Euro-Hürde knacken könnte und warum Heizöl nächsten Herbst so teuer sein könnte wie noch nie.

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Die Preistafel der Tankstelle Quelle: dapd

Nicola Bankert ist Pharma-Referentin, sie verkauft Medikamente an niedergelassene Ärzte im Umkreis von mehr als 100 Kilometern, eine klassische Viel-Fahrerin also. Mehr als 60.000 Kilometer reißt sie jährlich ab in ihrem Audi A 6 Kombi. Dessen Durchschnittsverbrauch bei Bankerts Fahrweise: 9,4 Liter. „Da lege ich ganz schön Geld hin jeden Monat an der Tankstelle“, sagt die 36-Jährige. Die Benzinpreise hat sie daher immer genau im Kopf.

Bankert traute ihren Augen kaum. Bis auf 1,46 Euro war der Preis für den Liter Benzin schon wieder geklettert. Das war im Frühjahr 2010. Im Mai 2011 kostete der Liter Superbenzin nach Angaben des Automobilclubs AVD im Bundesdurchschnitt wieder 1,55 Euro je Liter - und liegt damit nahe an dem Preishoch von 2008. Der Spitzenwert vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 lag seinerzeit, je nach Region, bei 1,58 bis 1,60 Euro. „An die 1,59 im Sommer 2008 kann ich mich noch ganz genau erinnern“, sagte Bankert, „dabei war es eine der wenigen positiven Auswirkungen der ganzen Wirtschaftskrise, dass mit ihr auch die Spritpreise endlich deutlich nachgegeben hatten.

Öl ist immer noch billig - Benzin nicht

Denn in der Krise ging die Nachfrage nach Rohöl und seinen Derivaten stark zurück. Rohöl, also der Rohstoff, aus dem Benzin hergestellt wird, hat noch lange nicht wieder die alten Vorkrisen-Preise erreicht. Vor der Finanzkrise war der Benzin-Rohstoff viel teurer; bis auf rund 150 Dollar kletterten die Preise 2008 - und war damit immerhin 30 Prozent teurer als heute. Aktuell kostet ein Fass (159 Liter) der Nordsee-Ölsorte Brent etwas mehr als 113 Dollar.

Umso erstaunlicher erscheinen die heute wieder fast rekordhohen Spritpreise. Das ruft die üblichen Verdachtsmomente auf den Plan. Befeuert wird die Diskussion über die Preisgestaltung der Mineralölkonzerne ganz aktuell der langerwartete Bericht des Kartellamtes. Die Aufseher bemängelten die hohe Marktmacht der fünf führenden Ölkonzerne und insgesamt zu hohe Benzinpreise durch zu geringen Wettbewerb. Die fünf Marktführer Aral/BP, Shell, Total, Jet und Esso versuchen bei Ihrer Preisgestaltung stets im Gleichschritt zu marschieren. Dank permanenter Beobachtung der Konkurrenzpreise passen die Konzerne ihre Benzinpreise binnen nur einer Stunde der aktuellen Marktsituation an. Ganz ohne die verbotenen Preisabsprachen. Das - so das Kartellamt laut Medienberichten - führe dazu, dass die Benzinpreise insgesamt ein zu hohes Niveau aufweisen. Das Bundeskartellamt sieht die Konzentration auf dem Tankstellenmarkt sehr kritisch. "Eine weitere Konzentration werden wir nicht zulassen", sagt Kartellamtspräsident Andreas Mundt dem Spiegel.

Verbraucherverbände und Automobilclubs reagierten schon im vergangenen Jahr mit der zu erwartenden heftigen Empörung auf die gestiegenen Preise: Die Benzinpreise in Deutschland seien „völlig überzogen“, teilt damals der ADAC mit. „Es zeigt sich einmal mehr, dass die Mineralölkonzerne kaum einen Versuch auslassen, ihre ohnehin großen Gewinne auf dem Rücken der Autofahrer noch zu steigern“, so der Verkehrsclub.

Preistreiber am Werk?

Bohrturm in Venezuela, 600 Quelle: AP

Besonders verdächtig sind die "plötzlichen" Preissteigerungen an Wochenenden und vor autoreichen Feiertagen wie Ostern und Pfingsten. Klaus Picard, Geschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, weist die Kritik der Behörde zurück. Das Bundeskartellamt bestätige mit seiner Studie nur das, was die Tankstellenbetreiber offen darlegten. "Vor Wochenenden werden die Preise angehoben." Damit werde nicht gegen Gesetze verstoßen. Das Anheben und Senken der Preise sei für die Tankstellen notwendig, um ihren Kundenstamm zu halten. "Wir sind preiswert, preiswerter geht es nicht", sagte Picard noch.

Starke Worte. Doch würde das überhaupt etwas nutzen?

Das Bundeskartellamt untersucht die Branche schon seit geraumer Zeit. Seit Juni 2008 prüft die Bonner Behörde in einer so genannten Sektoruntersuchung die Branche. Die endgültigen Ergebnisse vom Mai 2011 überraschten kaum: Schon in einem Zwischenbericht ein Jahr zuvor ließ die Behörde durchklingen, dass sie der Ölbranche nicht so recht über den Weg traut: wegen der ohnehin schon stark konzentrierten Marktmacht auf wenige Unternehmen wie Shell, BP (Aral), Total, Jet und Esso empfahl das Kartellamt schon damals, "weitere Zusammenschlüsse im Tankstellenbereich" zu verhindern. Doch konkrete Preisabsprachen konnte man den Multis nicht nachweisen. "Das ist auch gar nicht nötig", sagt ein Sprecher der Behörde, "98 Prozent der Tankwarte können die Preistafel des Konkurrenten vom Fenster aus sehen; abkucken ist erlaubt - absprechen nicht."

Die Ölkonzerne wehren sich und verweisen auf den relativ konstanten so genannten Deckungsbeitrag. Der habe im Sommer 2008 zur Zeit der Rekord-Ölpreise bei knapp 10,5 Cent je verkauftem Liter gelegen, so eine Sprecherin des Verbands der Mineralölwirtschaft in Berlin. Im April lag der Deckungsbeitrag mit 11,7 Cent kaum höher.

Der Deckungsbeitrag ist die Summe, die vom abgesetzten Liter Benzin nach Abzug der Mehrwert und Mineralölsteuer sowie der Einkaufpreise des Benzins übrig bleibt; davon müssen aber noch die Kosten für Transport, Lagerung, Tankstellennetz, die gesetzlich vorgeschriebene Vorratshaltung und – Biospritbeimischung, für Versicherung und Personal abgezogen werden.

Unterm Strich blieben deutschen Tankstellen nur ein bis zwei Cent vom abverkauften Liter Benzin, sagt Wiek vom Energie-Informationsdienst, „auch dieser Wert ist relativ konstant in Deutschland; es gibt Länder wie Norwegen oder Italien, da verdienen die Tankstellen am Liter Benzin deutlich schwankender – und bis zu 20 Cent.“

Was verdient der Ölmulti am Sprit?

Der eine Cent, den deutsche Tankstellen am Liter Sprit verdienen, ist aber nur der durchschnittliche Gewinn der Tankstelle; doch der tatsächliche Gewinn der Konzerne am Liter Sprit dürfte weit höher liegen; wie hoch genau, geht aus den Bilanzen der Multis nicht hervor. Klar ist aber: die meisten Tankstellen gehören integrierten Ölkonzernen; diese verkaufen nicht nur Sprit an den Autofahrer und Heizöl an Hausbesitzer („downstream-Geschäft“), sondern sie fördern selbst Öl, transportieren und raffinieren es in eigenen Tankern und Raffinerien, lagern und vertreiben es. Sie verdienen also an jeder Stelle der Wertschöpfungskette mit.

Wie viel, hängt von vielen Faktoren ab, doch der End-Preis an der Tankstelle hat zurzeit sehr wenig Einfluss auf die Gewinne der Multis.

Betrachtet man den Spritpreis genauer, fällt sofort auf, dass ein sehr großer Teil – fast zwei Drittel – des Endpreises vollkommen unabhängig vom Rohölpreis sind: Vom aktuellen Preis von 1,55 Euro etwa sind zunächst 19 Prozent oder 25 Cent Mehrwertsteuer. Bleiben 1,30 Euro. Davon wiederum ist mehr als die Hälfte  - 70,7 Cent – Mineralöl-Steuer.  Diese beiden Blöcke kann weder der Ölpreis noch ein Ölmulti beeinflussen, sie sind fix. 

Bleibt ein relativ kläglicher Rest von 69,3 Cent, der überhaut variabel auf Ölpreis, Angebot und Nachfrage oder eben Preistreiberei durch Hersteller und /oder Spekulanten reagieren kann.

Benzin preiswerter als Öl?

Ein Händler sitzt in der Quelle: dpa

Im Frühjahr 2011 stieg der Preis für eine Tonne Benzin an den Terminmärkten wie in Rotterdam sehr viel schneller als der Ölpreis. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum ersten: Raffinerien können aus einem Liter Rohöl nicht beliebig viel Benzin herstellen, während auf der anderen Seite die Nachfrage nach Benzin stark schwankt.

Wie viel Benzin in der Raffinerie aus dem Öl gewonnen werden kann, hängt zunächst von der Qualität des Rohöls selber ab. Wie bei jedem Naturprodukt schwankt sie. Leichtes Öl („light“) ergibt mehr leichte Derivate wie Gas, Kerosin und Benzin und leichten Diesel, mit dem Autos fahren; schweres Öl („heavy“) ergibt mehr schwere Destillate, wie schweres Heizöl, das in Industrie- und Schiffsmotoren verfeuert wird, und Bitumen.

In einem chemischen Verfahren („Cracken“) werden in modernen Raffinerien zwar die relativ schweren Teile ständig in leichte wie Benzin umgewandelt. Dabei werden die langen Kohlenwasserstoff-Ketten der schweren Rohöl-Bestandteile auseinander gebrochen („gecrackt“), um mehr leichte Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl zu gewinnen, die aus kurzen Kohlenwasserstoff-Ketten bestehen.

Heute werden erheblich mehr leichte Produkte nachgefragt als die schweren. Doch auch das Potenzial des Crackens ist begrenzt. Aus einer Tonne Rohöl gewinnen moderne Raffinerien – je nach Qualität des Rohöls und Cracking-Kapazität der Anlagen - ungefähr 1300 Liter Benzin und 1500 Liter Diesel; dieses Verhältnis ist nicht variabel, während die Nachfrage nach Benzin und Diesel stark schwankt.

So wird im Frühjahr und Sommer traditionell mehr Benzin nachgefragt, im Herbst und Winter mehr Heizöl – chemisch dasselbe wie Diesel. Auch die Zusammensetzung der Fahrzeugflotte spielt eine Rolle. Bis zur Krise 2008 gab es in Europa einen jahrelangen Diesel-Boom. Diesel war in der Spitze dadurch sogar für kurze Zeit teurer als Benzin. Durch die Abwrackprämie schieden jedoch viele alte Fahrzeuge aus, die vornehmlich kleinen Autos, die neu angeschafft wurden, fahren meist mit Benzin.

Spekulieren mit dem Crack Spread

Einen zweiten Teil der Differenz zwischen Ölpreis und Benzinpreis erklären auch die sogenannten crack spreads – das ist die Differenz zwischen dem Rohölpreis und dem der stark nachgefragten, leichten Produkte wie Diesel und Benzin -  in anderen Worten die Roh-Gewinnmarge der Raffinerie. Auch diese crack spreads schwanken mitunter stark.

Das hat zum Teil fundamentale Gründe; so steigen die Spreads zeitweise stark an, wenn in den USA in der Hurrikan-Saison eine oder mehrere große Raffinerien vorübergehend stillgelegt oder gar beschädigt werden. Sind die Raffinerien – wie in der Krise nach dem September 2008 – aufgrund stark nachlassender Nachfrage nach Benzin und Öl hingegen nicht voll ausgelastet, schwinden die Spreads wieder; der Benzinpreis erholt sich sogar schneller als der Ölpreis.

Derzeit sind infolge der Wirtschaftskrise die Raffinerien noch nicht wieder voll ausgelastet. Generell haben sich die Spreads jedoch in den vergangenen Jahren erhöht, weil weltweit nicht genügend neue Raffinerien gebaut wurden, um der stark steigenden Nachfrage vor allem der Schwellenländer wie China Rechnung zu tragen. Deswegen reagiert der Benzinpreis heute tendenziell nervöser auf den Ölpreis als etwa in den 1980er-Jahren, auch wenn - wie zurzeit – die Lager eigentlich noch gut gefüllt sind.

Auch Spekulanten nutzen die crack spreads, auf die es heutzutage natürlich Derivate gibt, um auf wachsende oder sich einengende Differenzen zwischen Öl- und Spritpreis zu wetten. Die crack spreads auf Benzin haben sich in New York und London seit Dezember 2009 nahezu verdreifacht. Auch der Preis für die physische Tonne Benzin stieg, wenn auch nicht ganz so schnell, so doch in drei Monaten um immerhin 80 Prozent. „Den Nachweis zu führen, ist natürlich schwierig, aber es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass Spekulanten mit am steigenden Benzinpreis beteiligt sind“, sagt Nikolaus Kreis, Rohstoff-Analyst bei Unicredit.

Schwacher Dollar dämpft Spritpreise

Blick auf einen Teil der 1997 Quelle: dpa/dpaweb

Beim letzten Spritpreis-Hoch im Sommer und Herbst 2008 kostete ein Euro bis zu 1,57 Dollar, heute kauft ein Euro gerade mal 1,40 Dollar.  Rohöl wird an den internationalen Terminmärkten in Dollar gehandelt, der deutsche Autofahrer bezahlt seinen Sprit in Euro.

„Es gibt zwar noch zahlreiche andere Einflussfaktoren, die den Dollar-Effekt teilweise auch konterkarieren, aber ohne den damals schwachen US-Dollar wäre der Benzinspreis 2008 vermutlich schon durch die Schallmauer von zwei Euro gegangen“, sagt Wiek vom Energie-Informationsdienst.

Dass der Euro auf absehbare Zeit zu seiner alten Stärke zurückfinden wird, ist indes unwahrscheinlich; die anhaltende Angst um eine Staatspleite im Euroraum, etwa Griechenlands, oder gar ein mögliches Ende der Gemeinschaftswährung dürften den Euro gegenüber dem Dollar weiterhin drücken; außerdem ist der Euro nach Meinung vieler Währungsexperten nach der langen Dollar-Schwäche der vergangenen Jahre fundamental ohnehin noch zu teuer. Sollte die Nachfrage nach Benzin weiter steigen, dürfen sich die deutschen Konsumenten jedenfalls nicht darauf  hoffen, von den Wechselkursen erneut große Unterstützung zu erhalten.

Benzinpreis bald bei 2,00 Euro?

Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank geht davon aus, dass der Ölpreis längerfristig über 100 Dollar liegen wird. "Langfristig rechne ich mit steigenden Ölpreisen. Dafür sorgen vor allem die Unruhen und Aufstände im Nahen Osten und Nordafrika.“

Die Lagerbestände sind dabei komfortabel: Das frühe Winterende und das Erdbeben in Japan haben die Ölnachfrage etwas gedämpft. Und mit der Korrektur der Rohstoffpreise im Mai hat der Rohölpreis seinen Höhenflug vom April bis auf 126 Dollar je Barrel erst einmal beendet.  Auch Förder-Engpässe sind nicht zu erwarten.

Doch nimmt man alle Effekte zusammen – Raffinerie-Margen, Euro-Dollar-Kurs und saisonal steigende Nachfrage nach Benzin in den Frühjahrs- und Sommer-Monaten, müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Benzinpreis nicht weiter steigen soll.

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