WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bestseller Der Investment-Punk

Ein österreichischer Finanzunternehmer erklimmt als "Investment Punk" die Bestsellerlisten. Das Buch ist eine Mischung aus Finanzratgeber, Welterklärung und Autobiografie. Wer frei wie ein Punk sein wolle, müsse aus dem System aus Konsumschulden und Lohnarbeit ausbrechen.

In seinem Buch sucht Hörhan Parallelen zwischen Punks und Investmentbankern. Quelle: ap

DÜSSELDORF. Der typische Punk rebelliert mit Verweigerung gegen seine Eltern. Die kommen meist aus der Mittelschicht, haben ein Haus am Stadtrand, das sie lebenslang abbezahlen mit Geld aus einem Job, den sie eher nicht mögen. Insofern ist der Investment-Unternehmer Gerald Hörhan ein Punk. Auch er ist ein spätpubertärer Rebell gegen die Welt seiner Eltern. Nur: Hörhan ist 34, und er begehrt auf, indem er mit einem Aston Martin über Autobahnen rast, Geld zur Schau stellt und die Mittelschicht beschimpft.

Sein Buch "Investment Punk" hält sich seit Wochen in den Bestseller-Listen. In der aktuellen Wirtschaftsbuchliste des Handelsblatts steht es auf Platz fünf (siehe "Handelsblatt-Bestseller"). Als nassforscher Investmentbanker reist der Autor derzeit durch die Talkshows, um dort den "bad guy" zu geben. In Nachrichtensendungen und im Wirtschaftsfernsehen gilt er als Finanzexperte. Doch der originelle Titel ist noch das beste Verkaufsargument für sein Buch.

Hörhan schreibt ein Sachbuch, eine Mischung aus Finanzratgeber, Welterklärung und Autobiografie. Angelegt ist der Band als Anklage der Mittelschicht. Durch Konsum auf Kredit sei sie schuld an der aktuellen Finanzkrise, aber auch an ihrem miesen Sklaven-Leben. Freiheit, schreibt Hörhan, heißt Geld haben, "passives Einkommen" aus Mieten, Dividenden, Kursgewinnen. Wer frei wie ein Punk sein wolle, müsse aus dem System aus Konsumschulden und Lohnarbeit ausbrechen - indem er in Anlage-Objekte investiert. So einfach, so schlicht.

Austrian Psycho

Hörhans Wege zur Freiheit sind dabei so dünn, dass sie in ein Faltblatt passen würden: Der Leser soll nicht mehr ausgeben, als er einnimmt. Anders als Hörhans Eltern soll er auch kein Häuschen im Grünen kaufen, sondern zur Miete wohnen und stattdessen in Mietwohnungen in guten Lagen investieren.

Seitenlang weist der Investmentbanker außerdem darauf hin, dass Gebrauchtwagen günstiger sind als Neuwagen. Zu guter Letzt soll der Leser sein eigenes Business starten, statt als Lohnsklave im Hamsterrad zu rennen - denn nur so wird er reich, sprich: frei. Nötig ist aber - und da erweist sich Hörhan wieder als Kind der Mittelschicht - harte Arbeit. Wenn einfach alle als Unternehmer agieren, Geld lieben und es allenfalls für wahre Lustobjekte wie schnelle Autos ausgeben, erwartet der freudlose Hörhan so etwas wie Glück für alle.

Der Autor peppt sein Buch auf, indem er sich aufführt wie eine Westentaschenausgabe von Patrick Bateman, dem Protagonisten aus Bret Easton Ellis? Roman "American Psycho". Wo Bateman als gefühlskranker Investmentbanker an der Wall Street arbeitet, bewegt sich Hörhan in österreichischen Jungunternehmerkreisen, Hörhans angemietetes Büro am Wiener Stephansplatz ist das Pendant zu Batemans Apartment in Manhattan, und wo die Romanfigur lustvoll Frauen aufschlitzt, nimmt der Sachbuchautor immerhin eine Hostess von einer Party in London mit aufs Hotelzimmer.

Streckenweise hofft der Leser, einer Satire zum Opfer gefallen zu sein. Tatsächlich meint Hörhan, der sich über ein Harvard-Studium und kurze Episoden bei McKinsey und JP Morgan zur eigenen Wiener Investment-Gesellschaft hochgearbeitet hat, seine Tiraden offenbar todernst. Das belegen auch seine Talkshow-Auftritte, bei denen er mit angedeuteter Irokesen-Frisur eine eher unglückliche Figur macht. Jedoch beleidigt sein Buch weniger die Mittelschicht, sondern vielmehr den Intellekt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%