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Börse Aufstieg in den Dax: Gewinnmaschine K+S

Deutschlands größter Rohstoffkonzern hat gute Chancen im Zuge der Neuordnung in den Dax aufzusteigen. K+S profitiert von der steigenden Nachfrage bei Düngemitteln - hat aber ein Problem mit seinen Abwässern.

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Kali & Salz-Bergwerk: Ein Quelle: dpa-dpaweb

Siebenhundert Meter unter der Erde macht Thomas Haag die Probe aufs Exempel. Er bricht einen Klumpen aus dem Salzstock. Dann leckt er daran. Bevorzugt an den rötlichen Stellen. Schmeckt ätzend. Haag freut sich: „Je mehr es auf der Zunge beißt, desto werthaltiger ist es.“ Der Bergbauingenieur arbeitet für den Rohstoffkonzern K+S, früher Kali und Salz. Was er da gerade in den Mund genommen hat, ist Kalisalz.

In den vergangenen anderthalb Jahren hat sich der Preis für Kalisalz mehr als vervierfacht – von 150 Dollar pro Tonne auf derzeit über 600 Dollar. Kalisalz ist der Rohstoff für Dünger, und weltweit bestellen die Bauern derzeit so viel Dünger wie lange nicht mehr. Denn mit den gestiegenen Getreidepreisen rentiert sich die Landwirtschaft wieder. Die Welt braucht Dünger, da die Ackerflächen schrumpfen, die Bevölkerung wächst und der Bedarf an Nahrungsmitteln in den Schwellenländern zunimmt.

Wegen des wertvollen Salzes hat K+S, mit einem Jahresumsatz von zuletzt 3,3 Milliarden Euro der viertgrößte Kali-Anbieter der Welt, in diesem Jahr schon viermal seine Gewinnprognose angehoben. „K+S kann noch ein Stück erfolgreicher sein“, sagt Vorstandschef Norbert Steiner im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Er geht von einem weiter steigenden Kali-Weltmarktpreis aus: „Ende 2008 könnten 1000 Dollar für die Tonne erreicht sein.“ Aktuell prognostiziert Steiner für 2008 einen Gewinn von 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro und einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Nicht zuletzt diese Tatsachen dürften auch für den Aufstieg von K+S in den Dax sprechen.

Die Kasseler sind wohl derzeit Deutschlands am schnellsten rotierende Gewinnmaschine. Allerdings könnte die Gewinnmaschine in den kommenden Jahren ins Stottern geraten. Besonders wenn das Unternehmen seine Umweltprobleme – die Verschmutzung der Werra mit Salzabwässern – nicht in den Griff bekommt. Dann muss K+S seine Produktion einschränken. Zudem dürfte Steiners Gewinnmaschine an Fahrt verlieren, wenn der mächtigste Wettbewerber, die kanadische Potash Corporation of Saskatchewan (PCS), die Ankündigung wahrmacht und die Kapazitäten schneller als K+S aufstockt. Salz, der Rohstoff, den vor 250 Millionen Jahren das weichende Meer zurückgelassen hat, war ein begehrtes Handelsgut, denn mit Salz ließ sich etwa Fleisch haltbarer machen. Kriege tobten um das weiße Gold.

Die Gründung Münchens vor 850 Jahren geht auf einen Streit um eine für den Salztransport wichtige Isar-Brücke zurück. Der Welfenherzog Heinrich der Löwe hatte es auf den Brückenzoll abgesehen, den der Bischof von Freising kassierte. Am 14. Juni 1158 brannte Heinrich, so wird überliefert, die Brücke ab und ließ eine eigene errichten. Um sie herum entstand die neue Stadt, und Freising ist heute ein besserer Vorort am Münchner Flughafen.

Im 19. Jahrhundert entdeckte Justus von Liebig, dass Mineralsalze das Wachstum von Pflanzen beschleunigen. Mit Düngern ließ sich fortan zwar gut Geld verdienen, am Ende des vergangenen Jahrhunderts waren hohe Wachstumsraten aber nicht mehr drin. Die BASF trennte sich seinerzeit von ihrer Tochtergesellschaft K+S. Den Ludwigshafenern gehört heute noch eine Restbeteiligung von etwa zehn Prozent – ebenso viel wie dem russischen Oligarchen Andrey Melnichenko. K+S sollte damals eigentlich an PCS gehen – doch der damalige Wirtschaftsminister Günter Rexrodt untersagte den Verkauf. Rückblickend für K+S und BASF eine gute Entscheidung.

Der Aktienkurs ist gestiegen: um das Dreifache

K+S verkauft Streusalz, Blumenerde und Gartendünger („Compo“). Der Kasseler Konzern lagert den Giftmüll anderer Unternehmen in seine Salzstöcke ein und liefert Pillenherstellern das Magnesium für Tabletten. Kurstreibend wirkt aber allein das Geschäft mit dem immer wertvolleren Kaliumchlorid, das den Großteil des Umsatzes – und des Gewinns – liefert.

Um etwa das Dreifache ist der Aktienkurs seit 2007 gestiegen. Da störte es auch nicht, dass K+S 2007 zwar einen operativen Gewinn auswies, aber eine unzureichende Dollar-Absicherung ansonsten das Ergebnis verhagelte. Mit einem Börsenwert von derzeit rund 13 Milliarden Euro lässt die K+S-Aktie bekanntere Namen wie Henkel oder TUI hinter sich. Doch Ende Juli brach das Papier um 30 Prozent ein. Weltmarktführer PCS hatte angekündigt, die Produktion ab 2012 kräftig zu erhöhen. 2,7 Millionen Tonnen Kali will PCS dann pro Jahr zusätzlich auf den Markt bringen – das weltweite Angebot steigt damit um vier Prozent.

Schon fürchten einige Marktbeobachter ein Ende der Kurs-Rally. Denn für Steiner ist es gar nicht so einfach, mehr aus seinen Schächten herauszuholen und mit den Kanadiern mitzuhalten. In sechs Bergwerken in Deutschland fördert das Unternehmen 40 Millionen Tonnen kali- und magnesiumhaltige Salze pro Jahr. Mehr geht nicht. Die Förderbänder sind ausgelastet.

„Wir schauen uns aufmerksam um, wo wir zukaufen können“, sagt Steiner, „wir gucken nach Kali, Stickstoff, Salz.“ Und fügt hinzu: „Wir haben weltweit etliche Projekte in der Prüfung.“ Als Abbaugebiete kommen Länder wie Argentinien, Russland, Thailand, Kasachstan, Turkmenistan und Laos infrage. Auch die Düngemittelsparte des holländischen Chemiekonzerns DSM ist für K+S interessant – doch die Holländer wollen das Geschäft erst neu strukturieren, ehe sie über den Verkauf verhandeln.

Am Ende wird er vielleicht doch in Deutschland fündig: Im thüringischen Roßleben soll ein seit Jahren stillgelegtes Bergwerk wieder aufgeschlossen werden. Etliche Bergbauunternehmen, darunter K+S, haben Interesse signalisiert. Eine Million Tonnen Salz könnten sie dort wohl jährlich gewinnen. Bis Ende September müssen die Abbaukonzepte vorliegen.

„Wir sind sehr offen und willens“, sagt Steiner. Doch er muss noch viel Geduld aufbringen. Denn inzwischen sind die Schächte längst verfüllt, die Anlagen über Tage abgebaut. Keiner weiß so recht, wie es unter Tage aussieht. Einen dreistelligen Millionenbetrag dürfte die Erschließung von Bergwerk und angeschlossener Fabrik kosten. Vor dem Jahr 2014, heißt es bei K+S, sei an die Wiedereröffnung gar nicht zu denken. Einen völlig neuen Schacht über einem seiner bestehenden Abbaugebiete will Steiner nicht bauen. Das sei zu teuer, und die bestehenden Salzkapazitäten würden bloß schneller aufgebraucht.

Vor zweieinhalb Jahrzehnten, damals hatte er nach dem Jurastudium gerade in der Steuerabteilung des damaligen K+S-Eigentümers BASF begonnen, durfte Steiner erstmals in ein Kalibergwerk einfahren. Der raue Ton der Kumpel, die schweren Maschinen, der Lärm – das gefiel ihm. Steiner hat gedacht, dass er bei dem Unternehmen gern arbeiten würde. 1993 wechselte er tatsächlich, 2007 wurde er Vorstandschef, verantwortlich für 12 000 Mitarbeiter.

Im Werk Werra, Schacht Ransbach, nahe der hessisch-thüringischen Landesgrenze, fahren um kurz nach fünf Uhr morgens über 400 Kumpel zur Schicht im Schacht ein. 700 Meter unter der Erde zeigt das Thermometer 28 Grad. Die Luft ist trocken und zuweilen auch knapp. Auf der Zunge lagert sich Salzgeschmack ab; es schmeckt ein wenig nach Urlaub an der See.

Bergbauingenieur Haag startet den Landrover. Über 800 Fahrzeuge stehen bereit, damit Bergleute, Steiger oder Revierführer zu ihren tiefergelegten Arbeitsplätzen gelangen. Das bislang erschlossene Abbaugebiet ist mit etwa 400 Quadratkilometern so groß wie München. 600 Kilometer befahrbare Strecken ziehen sich durch das unterirdische Gelände, zu dem auch Tankstellen und Werkstätten gehören. Sogar Radarkontrollen gibt es gelegentlich.

Kursverlauf der K+S-Aktie

Vor Schichtbeginn haben Bergleute gesprengt, um Salz aus der Lagerstätte zu lösen. Spezialfahrzeuge sind unterwegs, um Gestein, das sich durch die Sprengung gelockert hat, von der Decke zu kratzen. Haag brettert über den harten Untergrund. Der 44-Jährige ist Ausbildungsleiter, unter Tage schaut er nach den Lehrlingen. Ein Radlader kreuzt, der mit seinen Schaufeln die gesprengten Gesteinsbrocken, das „Haufwerk“ aufsammelt und zu einer der etwa 70 Kippstellen bringt. Ein meißelbestückter Brecher zermalmt die Brocken. Es lärmt und staubt. Über insgesamt 150 Kilometer Förderbänder gelangen die klein geschnittenen Brocken an die Erdoberfläche. Dort beginnen die Probleme. Bei der Verarbeitung des Rohsalzes zu Düngemitteln entstehen Salzabwässer, die K+S in den Boden presst oder in die Werra leitet, die durch Thüringen und Hessen fließt.

Frank Hix ist an der Werra aufgewachsen, im hessischen Bad Sooden/Allendorf. Der Rechtsanwalt hat die Bürgerinitiative „Rettet die Werra!“ gegründet. „Zu Zeiten, als es noch die DDR und ihre Kalibergwerke gab“, sagt Hix, „war der Fluss stärker mit Salz belastet als die Nordsee.“ So schlimm ist es nicht mehr – doch noch immer bringen die Salzabwässer von K+S die Werra aus ihrem ökologischen Gleichgewicht.

Der Fluss riecht stellenweise übel. Manche Fischarten vermehren sich nicht, dafür wachsen Algen. „Viele Kleintiere, die anderswo vorkommen, gibt es in der Werra nicht mehr“, sagt Hix, „Trinkwasser darf nicht entnommen werden.“ Auf der vergangenen K+S-Hauptversammlung bekam Hix Applaus von Aktionären. Er hatte ihnen dargelegt, dass Umweltprobleme auch Dividenden gefährden. Denn das Erdreich, so Hix, könne die gepressten Salzabwässer nicht mehr lange aufnehmen.

Investition in den Standort Deutschland

Folglich müssten in einigen Jahren die gesamten Abwässer in die Werra geleitet werden. Dann würde aber der zulässige Grenzwert überschritten – 2500 Milligramm pro Liter, ein Wert aus den Vierzigerjahren, der bis 2012 gilt. Der Hessische Landtag beschloss im vergangenen Jahr, ab 2013 die Salzlast der Werra zu senken – K+S muss dann möglicherweise die Produktion einschränken.

Tatsächlich waren die Kapazitäten im Erdreich am K+S-Werk in Neuhof-Ellers bei Fulda, die noch Jahrzehnte reichen sollten, bereits nach wenigen Jahren erschöpft. Laster und Züge transportieren die Salzabwässer nun in das 60 Kilometer entfernte Philippsthal. Die Abwässer werden dort in der Produktion verwendet – und anschließend in die Werra eingeleitet. Inzwischen hat K+S den Bau einer Pipeline von Neuhof-Ellers nach Philippsthal beantragt.

Gemeinsam mit Umweltschützern, Bürgermeistern, Vertretern von Bund und Ländern sucht das Unternehmen an einem runden Tisch nach Lösungen, wie sich die Wasserqualität verbessern lässt. Die Landesregierungen von Hessen und Thüringen haben den Kreis initiiert; Ende November sollen erste Vorschläge vorliegen.

K+S finanziert die Arbeit des runden Tischs mit zwei Millionen Euro – Peanuts angesichts derzeitiger Milliardengewinne. Genauso wie die 800 000 Euro, die K+S im vergangenen Jahr an das Land Hessen zahlte, um Salz fördern zu dürfen.

„Ich bin bereit, viel Geld für den Umweltschutz auszugeben und am Standort Deutschland zu investieren“, sagt Steiner, nennt aber keine Zahl und verweist darauf, dass der Fluss auch von landwirtschaftlicher Überdüngung, Begradigungen oder ungeklärten Abwässern belastet wird. Da bahnt sich neuer Streit ums Salz an.

Dabei wird der größte Teil der überschüssigen, für die Dünger unbrauchbaren Salze gar nicht ins Wasser gelassen – sondern im „Land der weißen Berge“ aufgeschüttet. Wenn Steiner mit dem ICE von Kassel nach Frankfurt reist, sieht er bei Fulda einen weißen, 200 Meter hohen Berg – K+S hat dort Steinsalze aufgeschichtet. Früher haben sich die Manager für den Abfallhaufen geschämt, auf offiziellen Fotos durfte der Berg nicht auftauchen. Heute ist der „Monte Kali“ eine Touristenattraktion.

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