WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

10 Jahre Euro-Bargeld Totgesagte leben länger

Das Euro-Bargeld wird zehn Jahre alt. Trotz Schuldenkrise ist der Euro heute deutlich stärker als bei seiner Einführung, dir Furcht vor dem „Teuro“ war weitgehend unbegründet. Und trotzdem melden sich die Kritiker immer wieder zu Wort.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Tschüss D-Mark: Am 1. Januar 2002 wurde der Euro auch als Bargeld eingeführt. Quelle: dpa

Düsseldorf Während die einen in der Neujahrsnacht 2002 noch Raketen zünden, stehen andere am Geldautomat bis auf die Straße Schlange. Nicht, dass es am 1. Januar groß Gelegenheit gäbe, Geld auszugeben. Doch alle hoffen, dass der Automat anstatt D-Mark-Scheinen schon die neuen bunten Euronoten ausspuckt. Die meisten haben Glück: Acht von zehn Bankautomaten haben laut EU-Kommission den Wechsel zum neuen Bargeld schon am ersten Tag geschafft.

Das ist jetzt zehn Jahre her. Seinen Geburtstag feiert der Euro nicht in bester Verfassung. Nicht nur Griechenland, sondern auch größere Schuldenstaaten belasten die Währungsunion. Viele Anleger ergreifen die Flucht. Zum japanischen Yen notiert der Euro auf einem Zehn-Jahrestief, zum US-Dollar so tief wie seit 15 Monaten nicht.

Der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, zieht eine ernüchternde Bilanz: „Das Euro-Experiment ist ziemlich schiefgegangen. Die Befürchtungen, die die Euro-Gegner - zu denen ich nicht gehörte - hatten, haben sich in einer Schärfe und Intensität bewahrheitet, die ich nicht für möglich gehalten hätte“, sagte Sinn dem „Münchner Merkur“.

Offenbar haben viele befürchtet, dass Europa noch nicht bereit war für das Projekt Gemeinschaftswährung. „Der Euro ist wie ein ungeborenes Kind: Niemand weiß, ob es ein Genie oder ein Dummkopf wird“, sagte der mittlerweile verstorbene Börsenguru André Kostolany. Ein ähnliches Bild wählt Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Wahlkampf 1998: „Der Euro ist eine kränkelnde Frühgeburt.“

Immer wieder haben sich auch Skeptiker zu Wort gemeldet, die das Ende der gemeinsamen Währung prophezeiten. Besonders die Briten, die bei ihrem Pfund geblieben sind, geben hämische Bemerkungen zum Besten. „Bitte genießen Sie den zehnten Geburtstag des Euros, denn ich bezweifle sehr, dass Sie auch den zwanzigsten feiern werden“, sagte Nigel Farage, Parteichef der britischen United Kingdom Independence Party, bereits vor zwei Jahren zum zehnten Jahrestag der (bargeldlosen) Einführung der Gemeinschaftswährung.

Der Euro ist in den vergangenen zehn Jahren immer wieder totgesagt worden, immer wieder gab es Pannen – und doch hat der Euro überlebt. Immerhin, er ist heute in aller Munde. 2001 war das noch nicht so: Zehn Monate vor Einführung des Euro-Bargeldes (aber schon lange nachdem der Euro zum ersten Mal am Devisenmarkt gehandelt wurde) wussten laut Forschungsinstitut Emnid gerade einmal die Hälfte der Bürger, dass der Euro Anfang 2002 kommen würde.


Achterbahnfahrt beim Eurokurs

Dank groß angelegter Informationskampagnen dürfte am Ende jedoch kaum jemand das große Ereignis verpasst haben. „Der Euro verändert das Wirtschaftsleben in Europa“, sagte vor der Bargeld-Einführung der damalige Bundesbank-Präsident Ernst Welteke. „Reduzierte Transaktionskosten und erhöhte Preistransparenz sind die unmittelbaren Vorteile des Euro. Der Euro wirkt als Katalysator für die Einigung Europas und die Entwicklung eines einheitlichen Binnenmarktes.“ Große Worte für große Hoffnungen.

Der Wechselkurs zum Dollar sackte gleich zum Ende des ersten Monats bis auf 0,86 Dollar, erreichte dann aber im Jahresverlauf wieder Gleichstand zum Dollar. Die Parität hat er seit Anfang Dezember 2002 nicht mehr unterschritten. Den Gipfel erreichte die dann schon nicht mehr ganz so neue Währung mit knapp 1,60 Dollar im Juli 2008. Der Durchschnittswert in den abgelaufenen zehn Jahren lag bei 1,28 Dollar.

Anfangs fürchteten die Menschen, dass alles teurer werden würde. Besonders die Preise in Restaurants und Kneipen regten die Leute auf. Manche Gastronomen verlangten denselben Betrag in Euro, der vorher in D-Mark auf der Karte stand. Schnell hatte der Euro den Ruf als „Teuro“ weg. Doch abgesehen von einzelnen, krassen Beispielen heizte die neue Währung die Teuerung gar nicht an. Im Gegenteil. Tatsächlich war die Teuerungsrate zu Zeiten der D-Mark deutlich höher als zu Euro-Zeiten, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Von der Euro-Bargeld-Einführung im Januar 2002 bis zum November 2011 lag die jährliche Preissteigerung im Durchschnitt bei 1,6 Prozent. In den zehn Jahren davor hatte die Teuerung der D-Mark bei durchschnittlich 2,2 Prozent gelegen.

Das Bargeld machte den Bürgern des öfteren Probleme. Die noch fremden neuen Scheine sorgten in der ersten Zeit oft für Verwechslungen. Zahlende bekamen mal zu viel, mal zu wenig Wechselgeld, mal stellte sich ihre Banknote als Falschgeld heraus. Einige Monate nach der Einführung des Euro-Bargeldes tauchten plötzlich vermehrt 300er-Scheine auf. Diese gibt es aber nicht. Wichtigstes Erkennungsmerkmal: Auf den Scheinen waren nackte Frauen abgebildet. Einen solchen Schein wollte etwa im Sommer 2002 ein Mann einer Reisebank am Frankfurter Hauptbahnhof unterjubeln. Ein anderer war bereits im Mai an einer Tankstelle in Hessen aufgetaucht.


Von kleinen und großen Euro-Pannen

In Währungsräumen wie Italien, die vorher mit sehr viel höheren Zahlen rechnen mussten, sorgten die Eurobeträge für Verwirrung. So war ein Euro zum Beispiel etwa 2000 italienische Lira wert. Geldbeträge mit Nachkommastellen waren den Italienern komplett fremd. Kein Wunder, wenn da in der Anfangszeit das ein oder andere Komma verrutschte.

Die Pannen beschränken sich nicht nur auf die Kindertage des Euros. Ab 2006 tauchte der „Brösel-Euro“ auf - ein Geldschein, der auf mysteriöse Weise bei Berührung zerfällt. Die Bundesbank registrierte bis Ende 2007 mehr als 4700 „brüchige“ Banknoten. Selbst heute wisse man nur, dass die Scheine mit Schwefelsäure in Berührung gekommen seien - auf welchem Weg, sei aber unbekannt, hieß es in der Bundesbank. Schwefelsäure entfaltet ihre ätzende Wirkung erst in Kombination mit Handschweiß, weshalb die Scheine Transport und Lagerung unbeschadet überstanden, jedoch beim ersten Kontakt mit Haut zerbröselten. Den überraschten Besitzern konnte nicht immer geholfen werden: Nur wer mehr als die Hälfte der Geldnote retten konnte, durfte den Schein bei der Notenbank oder einer ihrer Filialen umtauschen.

Die „gute alte D-Mark“ ist zumindest nie bei Berührung zerfallen. Nostalgiker nach der alten deutschen Währung gibt es noch viele: Laut der Deutschen Bundesbank waren vor einem Jahr noch 13,45 Milliarden D-Mark im Umlauf, davon 6,52 Milliarden D-Mark in Scheinen.
Hans-Werner Sinn gibt zu, auch zehn Jahre nach Einführung des Euro noch immer in D-Mark umzurechnen: „Insbesondere, wenn ich meiner Frau klar machen möchte, dass ein Betrag groß ist.“ Doch selbst der skeptische Ifo-Chef rechnet trotz der Schwierigkeiten der europäischen Gemeinschaftswährung mit dem Überleben des Euro. „Ich halte das für den deutlich wahrscheinlicheren Fall“, sagte Sinn. Die Mehrheit der Deutschen ist da mit Sinn einer Meinung. 57 Prozent rechnen laut einer Umfrage nicht mit einem Auseinanderbrechen der Währungsunion im kommenden Jahr, wie die „Bild-Zeitung“ unter Berufung auf eine Umfrage des Instituts YouGov berichtete. 20 Prozent erwarten 2012 ein Ende des Euro.

Über den Euro zu nörgeln ist leicht. Zu messen, wie viel besser es den Europäern dank dem Euro geht, ist um einiges schwerer - doch Vorteile hat er zweifellos gebracht. Daher gebühren ihm auch Glückwünsche zum Jubiläum: Lieber Euro, wir wünschen dir einen schönen Geburtstag - auf dass sich dein Zerfall auf ein paar Geldscheine beschränkt.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%