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10 Jahre Lehman, 10 Indikatoren So groß ist die Gefahr einer neuen Finanzkrise

Das Ausmaß der Finanzkrise 2007/2008 hatten viele nicht für möglich gehalten - und die Gefahr ist mitnichten vorüber Quelle: AP

Vor zehn Jahren ging die US-Bank Lehman Brothers unter, die Welt versank in einer schweren Finanzkrise. Heute scheint dieses dunkle Kapitel lange vorbei. Doch zehn Indikatoren zeigen, warum dieser Optimismus trügt.

Wenn es einen Ökonomen gibt, der schon früh vor der Finanzkrise warnte, dann ist es William White. Der Kanadier war damals Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und sah die Blase auf dem US-Immobilienmarkt schon, als die Pleite einer Großbank wie Lehman Brothers noch unvorstellbar schien. Vor genau zehn Jahren, am 15. September 2008, beantragte Lehman Insolvenz. Und nun das: In einem in dieser Woche erschienenen Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg warnt White vor „größeren Risiken als 2007“.

Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, woher genau droht die Gefahr? Zehn Jahre nach Lehman haben wir zehn Krisenindikatoren in Hinblick auf die Situation heute und damals untersucht.

1. Finanzzyklus

Als einer der verlässlichsten Krisen-Indikatoren gilt der Finanzzyklus, der von Ökonomen der BIZ entwickelt wurde. Sie haben herausgefunden, dass Kreditvergabe und Immobilienpreise langfristigen Wellenbewegungen folgen. Der Finanzzyklus misst dabei die gesamtwirtschaftliche Verschuldung und die Immobilienpreise in einer einzigen Größe. Dabei bildet er nicht die kurzen Konjunkturzyklen ab, sondern langfristige Kreditzyklen, die zehn bis 20 Jahre dauern.

Betrachtet man nun die Zyklen für die USA und Großbritannien, die die BIZ im Sommer veröffentlicht hat (Grafik auf Seite 15 der Studie), so fällt auf: Alle Zeichen stehen auf Krise. Wenn ein Kreditzyklus nämlich dreht, aus dem Boom also ein Bust wird, ist das meist mit schweren Finanz- und Immobilienkrisen verbunden. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Amplituden dieser Kreditzyklen immer größer geworden.

Derzeit baut sich ein neuer Finanzzyklus auf, wir befinden uns noch im Boom-Bereich. Wenn die Zentralbanken die Geldpolitik nicht rechtzeitig und stark genug straffen, besteht jedoch die Gefahr, dass sich der Boom weiter aufschaukelt und in einigen Jahren in einen gewaltigen Bust mündet, der wie ein Orkan über das gesamte Währungssystem hinwegfegen könnte.   

Krisenfaktor: Groß bis sehr groß, je nach Kurs der Zentralbanken.

2. Verbriefungen

Die Idee klang gut: Banken verpackten einzelne Kleinkredite zu großen Paketen, tranchierten diese wiederum in einzelne Teile und machten sie so für Investoren handelbar. Das sollte das Risiko für jedes einzelne Institut minimeren und die Kreditvergabe ankurbeln. Über die Jahre entstanden so eine ganze Reihe Produkte, deren Namenskürzel wie CLO, ABS und RMBS irgendwann noch das verständlichste an ihnen war.

Dabei wurden die sogenannten Verbriefungen nicht nur immer komplexer, sondern basierten auch auf Krediten zunehmend schlechter Qualität. Als vor allem bonitätsschwache Hypothekenschuldner in den USA zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, brach das Kartenhaus zusammen – und riss um ein Haar das globale Finanzsystem mit sich. Damit war es mit Verbriefungen für alle Zeiten vorbei. Dachte man.

Tatsächlich erlebt das Produkt seit einiger Zeit ein erstaunliches Comeback. So stellte die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) Anfang dieses Jahres überrascht fest, dass das Volumen neuer Verbriefungen, die auf privaten Krediten für Wohnimmobilien in den USA basieren, mit 70 Milliarden Dollar glatt doppelt so hoch ausgefallen war wie von ihr Anfang 2017 erwartet. Und der Boom geht weiter, bis Ende des Jahres dürfte der Wert bis zu 100 Milliarden Dollar steigen. Weltweit erwartet S&P neue Verbriefungen in Höhe von einer Billion Dollar. Nach den USA (bis zu 565 Milliarden Dollar) ist China (umgerechnet bis zu 260 Milliarden Dollar) heute mit Abstand der größte Markt.

Krisenfaktor: Wachsend, vor allem in den USA und den Schwellenländern.

3. Kreditwachstum

Ein klassischer Krisenindikator ist das Kreditwachstum, also die Veränderung der Verschuldung im Vorjahresvergleich. Die weltweite Verschuldung steigt unaufhaltsam, besonders in den Schwellenländern. Die lockere Geldpolitik der Notenbanken hat die Regierungen, Unternehmen und Bürger dazu verleitet, sich verstärkt zu verschulden.

Bedenklich ist laut BIZ ein Kreditwachstum, das um mehr als zehn Prozentpunkte vom langfristigen Trend abweicht. Die Erfahrungen aus der Geschichte zeigen, dass dann innerhalb von drei Jahren schwere Turbulenzen im Bankensektor drohen. In China liegt das Kreditwachstum mit über 30 Prozent am deutlichsten über dem Vergleichswert, aber auch andere Schwellenländer wie Indonesien oder Chile weisen besorgniserregende Werte auf. In Europa und – noch – auch in den USA sind die Werte hingegen moderat.

Krisenfaktor: In den Schwellenländern: groß.

4. Banken

Als Chef der Deutschen Bank hatte Josef Ackermann ein ehrgeiziges Ziel. Eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent sollte das Institut unter seiner Führung erreichen. Was Ackermann als üblichen Weltmaßstab verteidigte, hielten seine Kritiker für eine gefährliche Utopie. Heute ist die Debatte in dieser Form undenkbar. Denn die durchschnittliche Eigenkapitalrendite der Institute, so eine aktuelle Studie von McKinsey, hat sich seit ihrem Höhepunkt vor der Finanzkrise von 15 Prozent auf rund sieben Prozent halbiert.

Das liegt vor allem daran, dass die Institute mehr Kapital als Sicherheitspuffer vorhalten müssen. Laut McKinsey hat sich die besonders aussagekräftige Kernkapitalquote, die sogenannte Tier-1-Quote, von vier Prozent auf 15 Prozent fast vervierfacht. Zudem hat die schärfere Regulierung einst besonders lukrative Handelsgeschäfte unattraktiv gemacht.

Im internationalen Vergleich sind die europäischen Banken besonders unprofitabel. In den vergangenen fünf Jahren erzielten sie eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von gerade mal 4,4 Prozent – die US-Konkurrenz war mit fast acht Prozent dabei. 

Krisenfaktor: Gering.

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