360T und mehr Deutsche Börse kommt in Kauflaune

Der neue Vorstandschef Carsten Kengeter sorgt bei der Deutschen Börse für Wirbel. Einen Tag nach der Übernahme der Devisenhandelsplattform 360T kündigte er nun bereits die nächsten Zukäufe an.

Die heißesten Börsenneulinge
ABN AmroDie Privatisierung der niederländischen Großbank ABN Amro droht zum Verlustgeschäft für die Regierung zu werden. Sie teilte am Dienstag mit, 23 Prozent der Anteile an den Markt bringen zu wollen. Die Aktien würden dabei Investoren für jeweils 16 bis 20 Euro angeboten. Auf Basis dieser Preisspanne hat die Bank einen Wert von 15 bis 18,8 Milliarden Euro. Auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise 2008 wurde ABN Amro allerdings mit Steuergeldern in Höhe von mehr als 22 Milliarden Euro verstaatlicht. Quelle: AP
Scout24 Schon vergangenes Jahr liebäugelte die Scout24-Gruppe, zu der Immobilienscout24, AutoScout24, die Datingseite FriendScout24 und das Finanzvergleichs-Portal FinanceScout24 gehören, mit dem Börsengang. Nachdem jedoch die Papiere von Zalando und RocketInternet ins Rutschen geraten waren, wurde es still um die IPO-Pläne. Nun hat das Handelsblatt aus Bankkreisen erfahren, dass Scout24 Anfang September konkretere Börsenpläne bekannt geben will. Den Informationen zufolge soll das IPO ein Volumen maximal einer Milliarde Euro haben - das wären 200 Millionen Euro mehr als bei den Börsenplänen 2014. Damals war die Rede davon, 25 Prozent der Aktien an die Börse zu bringen. Dass Scout24 trotz der China-Angst und sehr volatiler Märkte einen neuen Vorstoß wagen könnte, dürfte von den Eigentümern forciert werden. Die Private-Equity-Unternehmen Hellman & Friedman und Blackstone hatten sich vor eineinhalb Jahren für 1,5 Milliarden Euro zusammen 70 Prozent an Scout24 gesichert.. Quelle: Screenshot
PayPalDer Online-Bezahldienst wurde erst im Juli von der Muttergesellschaft Ebay abgespalten und eigenständig an die Börse gebracht. Getrennt voneinander sollen beide Unternehmen noch erfolgreicher werden. Die Aktien wurden jedoch ausschließlich Ebay-Aktionären zugeteilt bekommen. Nach der Erstnotiz an der Börse am 20. Juli ging es mit dem PayPal-Kurs allerdings kräftig auf und ab und notiert an der Nasdaq unter dem Ausgabepreis. Der Bezahl-Service brachte zuletzt rund die Hälfte der Konzernumsätze ein. Im ersten Quartal dieses Jahres wuchsen die Erlöse von Paypal im Jahresvergleich um 14 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. In der Handelsplattform-Sparte mit der Auktions-Website ging es dagegen um vier Prozent abwärts auf 2,07 Milliarden Dollar. Paypal war 2002 bereits kurze Zeit an der Börse notiert, bevor der Bezahlservice von Ebay übernommen wurde. Der Dienst hat 165 Millionen aktive Kunden. Quelle: REUTERS
CBR Fashion Holding Quelle: Screenshot
ADO Properties Quelle: Screenshot
Chorus Clean Energy Quelle: Presse
Tinder & Co.InteractiveCorp will seine Dating-Sparte - unter anderem mit den Plattformen Tinder, Match.com und in Deutschland mit Neu.de, Friendscout und Partner.de an die Börse bringen. Der New Yorker Medienkonzern kündigte einen Börsengang der Tochter Match Group an, in der die Dating-Sites gebündelt sind. Allerdings sollen zunächst nur 20 Prozent der Anteilsscheine in den öffentlichen Handel gebracht werden. Investoren dürften vor allem auf Tinder scharf sein, dessen Nutzerzahlen kräftig wachsen. Dem letzten Finanzbericht nach machte die Match Group im ersten Vierteljahr 2015 einen Umsatz von 239,2 Millionen Dollar (213,5 Mio Euro). Das waren 13 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Börsengang soll im vierten Quartal stattfinden. Tinder und andere Dating-Apps wirbeln mit ihrer einfachen Benutzung auf dem Handy den Markt der Partnerbörsen auf. Quelle: dpa

Für 650 Millionen Franken (614 Millionen Euro) schlucken die Frankfurter die bisher zusammen mit der Schweizer Börse SIX betriebenen Index-Anbieter Stoxx und Indexium ganz. Die Unternehmen hatten bereits Ende Juni erklärt, über einen entsprechenden Deal zu verhandeln. Nun unterschrieben sie eine bindenden Vereinbarung. Deutschlands größter Börsenbetreiber will den Zukauf durch die Ausgabe von Anleihen finanzieren.

Das Index-Geschäft verspricht wegen der steigenden Beliebtheit von börsennotierten Indexfonds (ETFs), die beispielsweise auf dem Dax oder dem EuroStoxx basieren, hohes Wachstum. ETFs haben in den vergangenen Jahren meist besser abgeschnitten als aktiv betreute Fonds. Zudem sind sie günstiger - zum Abbilden eines Index werden schließlich keine gut bezahlten Fondsmanager benötigt.

Aktienkultur in Deutschland

Für Börsenbetreiber ist das Index-Angebot interessant, weil sie dadurch unabhängiger von Marktschwankungen werden. Sie erhalten von Finanzinstituten Lizenzgebühren, wenn diese ETFs auf einen Index auflegen, und können zudem die dazugehörigen Handelsdaten weiterverkaufen. Viele Börsenbetreiber, die seit der Finanzkrise unter Rückgängen im Handel leiden, bauen ihr Index-Geschäft deshalb aus. Die Londoner Börse legte im vergangenen Jahr knapp drei Milliarden Dollar für den Index-Anbieter Russell auf den Tisch - und wurde dafür von Investoren gefeiert.

Die Schweizer Börse zählt das globale Index-Geschäft dagegen nicht mehr zu ihrem "Kernauftrag". Nach dem Verkauf der Gemeinschaftsfirmen könne sich SIX auf das Kerngeschäft konzentrieren, sagte SIX-Finanzchef Stefan Mäder. Die Rechte an allen Schweizer Indizes, unter anderem am SMI und SPI, seien nicht betroffen und würden weiterhin von SIX gehalten.

Börsianer fürchten Kapitalerhöhrung

Erst am Sonntag hatte die Deutsche Börse angekündigt, für die Frankfurter Firma 360T 725 Millionen Euro hinzulegen. Aus Sicht von Experten macht der erste große Deal des seit zwei Monaten amtierenden Konzernchefs Kengeter strategisch Sinn. Das Unternehmen stoße damit in ein attraktiven Geschäftsfeld vor, erklärte Equinet-Analyst Philipp Häßler. "Wir erwarten, dass in den kommenden Jahren immer mehr Devisengeschäfte über elektronische Handelsplattformen wie 360T laufen werden."

Auch Investoren finden es positiv, dass die Deutsche Börse angesichts mauer Wachstumsperspektiven im Handel verstärkt auf neue Produkte setzt und in Asien expandiert. Mittelgroße Übernahmen wie die von 360T sind dabei aus ihrer Sicht ein probates Mittel. Bei großen Deals habe die Deutsche Börse in den vergangenen Jahren keine gute Figur abgegeben, betont auch Häßler. Die US-Optionsbörse ISE sei 2007 viele zu teuer gekauft worden, die Fusion mit der New York Stock Exchange scheiterte 2012 am Widerstand der EU-Wettbewerbshüter. "Folglich glauben wir, dass kleinere Übernahmen wie die von 360T mehr Sinn machen als große Deals, die höhere Risiken mit sich bringen und am Ende möglicherweise gar nicht zustande kommen."

Aktienrückkäufe seien wegen Kengeters Einkaufstour aber vorerst nicht mehr zu erwarten, erklärt Häßler. Auch das Potenzial für hohe Dividenden in den kommenden Jahren sei begrenzt. Die 360T-Übernahme sei nicht billig, sagte ein Börsianer. Möglicherweise drohe eine Kapitalerhöhung. Das Unternehmen will die 360T-Übernahme einem Sprecher zufolge größtenteils über Anleihen finanzieren. Ob es zusätzlich noch eine Kapitalerhöhung in kleinerem Umfang gebe, sei noch nicht entschieden. Ziel der Deutschen Börse sei es, das gute Rating ihrer Wertpapierverwahr-Tochter Clearstream nicht zu gefährden.

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