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Abstimmung über Boni Großaktionäre proben den Aufstand

Fonds haben bei der Citigroup und Barclays Boni-Exzesse gebremst, bei der Deutschen Bank wollen sie den Aufsichtsrat nicht entlasten. Wie mächtig sind die Investoren wirklich?

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Hauptversammlung der Deutschen Bank 2011 Quelle: dpa

Jahrelang sind Großinvestoren auf Hauptversammlungen (HV) aufgetreten, haben hier und da mal gemosert, selten mal gegen einen Tagesordnungspunkt gestimmt, meist aber beteuert, man mache lieber Druck hinter den Kulissen. Bewirkt hat das wenig: Vorstände steigerten ihre Gehälter ungeniert auf Kosten der Aktionäre, veranstalteten kapitalvernichtende Fusionen, verschliefen Marktveränderungen. Banker fuhren ihre Risiken hoch, bis die Staaten sie retten mussten, und zweigten einen immer größeren Teil der eigentlich ihren Eigentümern zustehenden Gewinne als Boni ab.

Viele einflussreiche Anleger kneifen aber immer noch: „Wir tragen diese Dinge nicht über die Medien aus“, sagt ein Großinvestor, „wenn wir Bedenken haben, wenden wir uns direkt an den Aufsichtsrat.“ Doch der Druck im Kessel steigt, immer häufiger rebellieren die Großinvestoren:

  • Öffentlich geäußerte Bedenken der einflussreichen Verbände der britischen Versicherungen (ABI) und der britischen Pensionsfonds (NAPF) führten bei der britischen Barclays Bank schon vor der HV vom vergangenen Freitag zu ungewohnten Konzessionen: Die Bank will die Hälfte der umgerechnet 3,3 Millionen Euro Bonus von Barclays-Chef Bob Diamond erst dann auszahlen, wenn die Eigenkapitalrendite der Bank von 6,6 Prozent auf die von Diamond versprochenen 13 Prozent steigt. Insgesamt wollte Diamond 17,7 Millionen Pfund (21,6 Millionen Euro) einstreichen. Die Barclays-Aktie hatte 2011 in der Spitze knapp 60 Prozent an Wert verloren. Die Aktionäre lassen nicht locker: „Wir erwarten, dass Barclays nach der HV über die grundsätzlichen Sorgen spricht, die wir hinsichtlich der Struktur der Managementgehälter haben“, sagt David Paterson vom Pensionsfonds-Verband. Die Aktionärsberatung Pirc bezweifelt, dass Diamond diesmal überhaupt einen Bonus erhalten sollte.
  • Bei der Deutschen Bank will eine Gruppe von 27 internationalen Großinvestoren, die sich vom Londoner Investorenberater Hermes Equity Ownership Services vertreten lässt, dem Aufsichtsrat unter Clemens Börsig bei der HV am 31. Mai die Entlastung verweigern und hat einen entsprechenden Antrag gestellt. Bereits 2010 hatten Großinvestoren der Deutschen Bank bei der HV mit rund 42 Prozent der Stimmen gegen die Vergütung des Vorstands gestimmt.
  • Bei der Citigroup lehnten institutionelle Aktionäre, die 55 Prozent des Aktienkapitals vertreten, es kürzlich überraschend ab, Vorstandschef Vikram Pandit ein Jahresgehalt von 15 Millionen Dollar zu genehmigen. Ihr Votum ist zwar nicht bindend, dürfte aber dennoch zu einer Kürzung von Pandits Vergütung führen.
  • Institutionelle Investoren forderten in den vergangenen Wochen den Rücktritt von David Brennan, Chef des Pharmariesen AstraZeneca. Sie werfen ihm verfehlte Übernahmen und zu wenig Innovationskraft vor. Nach einer Gewinnwarnung am vergangenen Donnerstag kündigte das Unternehmen an, Brennan werde zum 1. Juni gehen.
  • Bei der Schweizer Großbank UBS stimmten auf der Hauptversammlung 36 Prozent der Aktionäre gegen die hohen Managervergütungen. Auch am Begrüßungsgeld für Ex-Bundesbankchef Axel Weber, der Präsident der UBS werden soll, gab es Kritik. Bargeld und Aktien im Wert von rund vier Millionen Franken, bevor Weber auch nur einen Entscheidung getroffen habe, seien einfach zuviel, kritisierten Aktionärsvertreter.
Welche Vorstandschefs ihr Geld wert sind
Kurt Bock, Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns BASF spricht in Mannheim bei einer Hauptversammlung Quelle: dpa
Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF Quelle: dpa
Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank Quelle: dapd
Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG Quelle: dpa
Norbert Reithofer, Vorstandsvorsitzender von BMW Quelle: dpa
Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG Quelle: dpa
Dieter Zetsche, Vorstandschef Daimler AG Quelle: REUTERS

Öffentliche Wirkung

„Es ist wichtig, sich zu Wort zu melden, wenn Unternehmen auf eine Art und Weise geführt werden, die den Interessen der Aktionäre widerspricht“, sagt Phil Wagstaff, von der Fondsgesellschaft Henderson Global Investors, die gerade die Ablösung des Chefs der britischen Ölgesellschaft Lochard Energy Group erzwang, „weil er die Firma wie sein persönliches Reich geführt hatte“, so Wagstaff .

Die Finanzkrise, schärfere Kapitalanforderungen, die Kursverluste 2011 und die heftige öffentliche Kritik daran, dass viele Investoren nichts gegen riskante Bankengeschäfte und Boni-Exzesse unternahmen, haben auf einmal selbst biedere Pensionskassen aufgerüttelt. Nicht alle lassen ihre Muskeln öffentlich spielen, so wie die Beratungsgesellschaft Hermes, die mit ihren Angriffen auch bei kleineren Beteiligungen eine große öffentliche Wirkung erzielt.

Krach um die Deutsche Bank

Wo Aktionäre streiten
Citigroup Logo Quelle: dapd
Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Clemens Börsig und Vorstandschef Josef Ackermann (von links) Quelle: AP
 VW Logo Quelle: dpa
MANNoch einmal Streit um den Aufsichtsrat bei VW, diesmal allerdings bei der Tochter MAN. Wegen eines EU-Vetos konnte VW bei der letzten MAN-Hauptversammlung die Wunschkandidaten noch nicht in den Aufsichtsrat bringen. Inzwischen hat die EU aber den Zusammenschluss von MAN und Scania unter dem Dach von VW genehmigt. Die Besetzung des Aufsichtsrats könnte jetzt erneut auf die Tagesordnung kommen. Und für Unruhe sorgen. Quelle: dpa
Zentrale der Deutschen Bank Frankfurt am Main Quelle: dapd
Deutsche Börse Quelle: dpa
Peter Terium RWE Quelle: dapd

Beispiel Deutsche Bank: Hans-Christoph Hirt, Global Head of Corporate Governance bei Hermes, kritisiert das Missmanagement bei der Nachfolgeregelung für Josef Ackermann ebenso wie die vielen Rechtsstreitigkeiten der Bank und bemängelt, dass die Vergütung der Spitzenmanager bei der HV 2011 nicht zur Abstimmung gestellt wurde.

Doch ohne die Unterstützung anderer großer Anteilseigner wird die Beratungsgesellschaft, die nur 0,5 Prozent des Aktienkapitals der Bank vertritt, lediglich ein Signal setzen können. Hirt will in den nächsten Wochen bei anderen Großaktionären um Unterstützung für seinen Gegenantrag werben. Sollten 10 oder 15 Prozent des Aktienkapitals dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank die Entlastung verweigern, so wäre das aus seiner Sicht „ein gutes Ergebnis und ein klares Signal“.

Einen Verbündeten hat Hirt schon gefunden: Hans-Martin Buhlmann, Vorsitzender der Vereinigung Institutionelle Privatanleger, will dem Aufsichtsrat ebenfalls die Entlastung verweigern und hat seinen eigenen Gegenantrag gestellt. In seinem Schreiben kritisiert Buhlmann unter anderem die Art und Weise, wie die beiden Nachfolger von Josef Ackermann und der neue Vorstand generell bestellt wurden: „Es bestand wiederholt der Eindruck, dass der Aufsichtsrat die Situation nicht bestimmte, dass er nicht der Treiber des Verfahrens war. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank hat offensichtlich einen wesentlichen Teil seiner Gestaltungspflicht vernachlässigt und dabei dem Ansehen der Bank keinen guten Dienst erwiesen.“ Buhlmann sagt, er rechne mit „mehr als 30 Prozent“ Gegenstimmen. Große deutsche Investoren wie Allianz Global Investors und Union Investment wollten sich in Sachen Abstimmungsverhalten bisher noch nicht festlegen.

Wie viel Dividende die Konzerne zahlen
Dax-Werte Quelle: dapd
Adiddas Quelle: dapd
AllianzDer Versicherungsriese Allianz will an der Dividendenhöhe nicht rütteln und wie im Vorjahr 4,50 Euro je Aktie ausschütten. Angesichts der niedrigen Bewertungen der Finanzwerte an der Börse ist die Dividendenrendite relativ hoch: knapp 5,0 Prozent. Hauptversammlung ist am 9. Mai. 100 Prozent der Allianz-Aktien sind im Streubesitz. Auch hier hält die BlackRock Inc. mehr als fünf Prozent der Anteile. Zum aktuellen Kurs-Chart Quelle: dapd
BASFDer Chemiekonzern hat vom Aufschwung profitiert und will die Dividende von 2,20 Euro im Jahr 2011 in dieser Dividendensaison auf 2,50 Euro je Aktie erhöhen -das ist mehr als erwartet. Die Dividendenrendite läge dann bei 3,81Prozent (gemessen am Kurs vom 5.3.2012). Über den Dividendenvorschlag stimmen die Aktionäre am 27. April ab. BASF ist das DAX-30-Unternehmen mit dem zweithöchsten Privatanlegeranteil in Deutschland. Rund ein Viertel der Aktien sind in Privathand. Größter Einzelaktionär ist – richtig - BlackRock Inc. mit 5,35 Prozent. Zum aktuellen Kurs-Chart Quelle: dpa
Bayer Quelle: dpa
Beiersdorf Quelle: AP
BMW Quelle: dpa

Stumpfes Schwert

Selbst wenn die Rebellen eine Mehrheit auf der Hauptversammlung organisieren könnten, wäre dies für Börsig & Co. ein schmerzhaftes öffentliches Misstrauensvotum – rechtliche Konsequenzen hätte dies nicht. „Wenn man die Entlastung verweigert, hat das zwar keine direkten Auswirkungen, aber es ist eine gelbe Karte“, sagt Hirt. Um einen Aufsichtsrat zu feuern, brauchen Aktionäre auf der HV eine Dreiviertelmehrheit. Und auch wenn eine Vorstandsvergütung von Aktionären mehrheitlich abgelehnt wird, können die Manager kassieren: Vorstandsgehälter sind Sache des Aufsichtsrats. Weil der wiederum den Begehrlichkeiten der von ihm berufenen Manager wohlwollend gegenübersteht, kassieren viele Vorstände mehr, als ihnen nach Leistung eigentlich zustehen würde.

In Deutschland regten deshalb Klaus-Peter Müller, Commerzbank-Aufsichtsratschef und Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission, sowie Manfred Gentz, noch Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, in einem Brief an die Aufsichtsratschefs der 30 Dax-Konzerne an, die Vorstandsvergütungen zu deckeln. „Es steht zu befürchten, dass ansonsten Politiker schon aus populistischem Impuls an gesetzgeberische Maßnahmen denken“, heißt es in dem Brief, den das „Handelsblatt“ vergangene Woche veröffentlichte.

In Großbritannien denkt Wirtschaftsminister Vince Cable bereits darüber nach, den Aktionären künftig ein bindendes Votum in der Vergütungsfrage einzuräumen. Doch der Teufel steckt im Detail: „Wo liegt die Schwelle? Müssen 75 Prozent des Aktienkapitals zustimmen, damit ein Beschluss wirksam wird?“, fragt Tom Powdrill von der britischen Pirc. „Und was ist mit den vertraglich garantierten Abfindungen für scheidende Chefs? Wir sind dafür, diese Abfindungen auf maximal ein Jahresgehalt zu beschränken.“

Pirc opponiert auch dagegen, geschassten Managern üppig dotierte Pensionstöpfe zu garantieren. So wird dem 53-jährigen Ex-Chef der Royal Bank of Scotland, Fred Goodwin, dessen Bank 2008 vom Staat gerettet wurde, nun bis ans Lebensende eine jährliche Betriebsrente von 342.500 Pfund ausgezahlt. Manche Fonds hoffen, dass es auch ohne bindende Voten gelingen wird, Gehaltsexzesse einzudämmen: „Der öffentliche Druck selbst hat schon zu großen Veränderungen geführt – nach dem, was bei Barclays passiert ist, glaube ich nicht, dass andere Banken Ähnliches vorschlagen werden“, sagt Wagstaff.

Boni statt Dividenden

Ferdinand und Ursula Piech Quelle: dpa

Doch obwohl sich unter dem Druck der Politik und der Aufsichtsbehörden gerade bei den Auszahlungsmodalitäten der Boni vieles verbessert hat, so wurde doch bisher kaum an der Konvention gerüttelt, dass Investmentbanken immer noch rund 40 Prozent ihrer Erträge an die Mitarbeiter ausschütten. Bei Goldman Sachs wurden zum Beispiel im ersten Quartal diesen Jahres 44 Prozent der Erträge für Gehälter und Leistungsprämien ausgezahlt – das war fast genauso viel wie vor Beginn der Finanzkrise. Deshalb sollte man sich durch die derzeit geringeren Boni auch nicht täuschen lassen (siehe Grafik), denn schließlich ist der gesamte Gewinn-Kuchen in der Krise geschrumpft.

Bonuszahlungen in der Londoner City Quelle: Centre for Economics and Business Research

Dennoch wollen einige Investoren auch hier ein Umdenken anstoßen. Alison Kennedy von Standard Life Investments meint vorsichtig: „Eine feste Kennzahl zu nennen ist schwierig, weil die Banken ja alle ganz unterschiedlich sind“, sagt aber immerhin, dass der Anteil der in den letzten Jahren für die Vergütung der Mitarbeiter ausgeschüttet wurde, „zu hoch“ war.

Auch Hermes „hinterfragt“ die immer noch hohe Ausschüttung von etwa 40 Prozent der Bank-Erträge an die Mitarbeiter: „Was zum Beispiel wären die Konsequenzen einer maximalen Quote von 30 Prozent?“ Dass den Banken dann die Mitarbeiter in Scharen davonlaufen würden, scheint doch eher unwahrscheinlich.

Ohnmacht bei VW

Sind die Stammaktien und damit die Stimmrechte einer Aktiengesellschaft weitgehend in festen Händen, kämpfen die Aktionäre gänzlich auf verlorenem Posten. So wie bei VW. Vor der Hauptversammlung am 19. April hatte Hirt in einem Brief die Berufung von Ursula Piëch, der Ehefrau von Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch, in den VW-Aufsichtsrat kritisiert und auch Zweifel an der hohen Vergütung von VW-Chef Martin Winterkorn geäußert: Nach der Neubesetzung des Aufsichtsrats könne „nun wirklich nicht mehr von einer Unabhängigkeit des Gremiums im Sinne des Deutschen Corporate Governance Kodex die Rede sein“, so Hirt.

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Ihn störte auch, dass Aktionäre nicht mehr nachvollziehen könnten, „wie die variable Vergütung des Vorstandes ermittelt wird“. Sie sei wohl „angemessen, wenn sie sicherstellt, dass Herr Winterkorn Volkswagen erhalten bleibt und für die tägliche Arbeit motiviert ist. Hat sich der Aufsichtsrat davon überzeugt, dass für diesen Zweck fast 20 Millionen Euro nötig sind?“

Hermes und namhafte Fondsgesellschaften wie die Deutsche-Bank-Tochter DWS, Allianz Global Investors und Union Investment wollten gegen Ursula Piëch stimmen. Am Ende der HV wurde sie dann gewählt – mit sozialistisch anmutenden knapp 98,5 Prozent der Stimmen.

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