WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Achterbahn-Aktie Commerzbank droht Verlust der Unabhängigkeit

Die Commerzbank-Aktie ist noch ein Schatten ihrer selbst. Der Dax-Wert hat alle Merkmale eines Börsenschwergewichts verloren. Für Anleger gibt es kaum noch Hoffnung, denn der zweitgrößten Bank Deutschlands droht noch mehr Ungemach.

Martin Blessing (l), Vorstandsvorsitzender der Commerzbank AG, und der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus-Peter Müller blicken zu Beginn der Hauptversammlung in die Runde Quelle: dpa

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die illustre Investorengruppe Cobra die Commerzbank übernehmen wollte. Zu Beginn des Einstiegs wurden damals 40 Euro je Aktie bezahlt. Wer heute einen erneuten Übernahmeversuch nach dem Cobra-Vorbild wagen würde, könnte wesentlich billiger einsteigen. Die Commerzbank-Papiere kosteten in dieser Woche nur noch 5,60 Euro. Dabei hatte die Bank erst im April, kurz vor der milliardenschweren Kapitalerhöhung, zehn Aktien zu einer zusammengelegt und damit verhindert, dass ihre Anteilsscheine zu Pennystocks werden. Der Kurs lag danach bei knapp über zehn Euro. Doch von dieser Marke ist die Aktie inzwischen weit entfernt. An der Börse ist die Bank nur noch sieben Milliarden Euro wert.

Offenbar sind die Commerzbank-Aktionäre mittlerweile so pessimistisch, dass jeder Wermutstropfen gleich massive Aktienverkäufe auslöst. In dieser Woche ging es für die Papiere von Deutschlands zweitgrößter Privatbank nochmal massiv abwärts. Hätte nicht Mario Draghi, Präsident der Europäischen Notenbank, am Donnerstag dauerhaft niedrige Leitzinsen versprochen und so die Aktienmärkte insgesamt beflügelt, läge das Wochenminus für die Commerzbank-Aktie nicht bei knapp sechs Prozent (Freitag, 11 Uhr), sondern bereits bei rund zwölf Prozent. Seit dem Wochentief kurz vor der Draghi-Rede hat sich der Kurs wieder um 0,75 Cent auf 6,35 Euro erholt. Allerdings beruhte der Aufstieg ausschließlich auf den bessern Aussichten für die Bankenbranche in Europa und ist nicht primär ein Erfolg der Commerzbank. Lediglich Finanzchef Stephan Engels war am Donnerstag anhaltenden Marktspekulationen über eine weitere Verschlechterung der Lage im Schiffsportfolio entgegen getreten, nachdem Spekulationen um neue Belastungen in diesem Geschäftsbereich den Kurs zuvor deutlich gedrückt hatten. Vielmehr war es die Aussicht auf weitere Liquiditätsspritzen der Notenbank, die den den Markt frohlocken ließ, die Kurse der europäischen Staatsanleihen zogen wieder an. Traditionell profitieren Finanztitel am stärksten von den Beruhigungspillen durch die EZB, da sie als Staatsfinanzierer die Bonds in ihren Bilanzen haben.

Chronik der Commerzbank seit der Krise 2008

Derart stimmungsbedingte Hochs kennzeichnen die Commerzbank-Aktie einmal mehr als Zockerpapier. Die Commerzbank-Aktie ist schon länger Spielball von Hedgefonds, die auf schnelle Kursausschläge spekulieren. Risikogeneigte Investoren könnten die Kursverluste in den Morgenstunden zum Kauf ausnutzen, um anschließend in solchen Aufschwungphasen Gewinne mitzunehmen. Für Privatanleger bedeutet das lediglich, dass sie mit noch stärkeren Schwankungen rechnen müssen. Auch wenn sich die Aktie zuletzt erholt hat: Allein in den vergangenen beiden Wochen verlor die Commerzbank knapp ein Viertel ihres Börsenwertes - mehr als jeder andere Dax-Konzern. Es war der stärkste Kursverlust seit November 2011. "Der Kursrückgang ist fundamental in keiner Weise gerechtfertigt", sagte Finanzchef Engels in einem im Intranet der Bank veröffentlichten Interview, das Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Äußerungen eines Vorstands zum eigenen Aktienkurs sind eher ungewöhnlich. Aber offenbar erachtet er das langsam als dringend notwendig. Wer das Bankpapier bereits seit drei Jahren im Depot hat, steht nämlich vor einem Scherbenhaufen: Verglichen mit dem Kursniveau von 2010 ist der Börsenwert um mehr als 80 Prozent abgestürzt.

"Wir haben uns klare Ziele für 2016 gesetzt, immer aber auch gesagt, dass 2013 ein Übergangsjahr wird", machte Engels deutlich. Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus fährt derzeit einen radikalen Sanierungskurs inklusive Stellenabbau. Der unter Erfolgsdruck stehende Vorstandschef Martin Blessing will die Bank auf Privatkunden und den Mittelstand ausrichten. Weniger lukrative Randbereiche und Altlasten stößt er ab. Der Markt wartet noch schon lange auf durchschlagende Erfolgsmeldungen.

Zukunft der Aktie

Bad Banks in Deutschland und Europa
Laut einem Bericht der französischen Zeitung "Les Echos" sitzen die europäischen Bad Banks auf Schrottpapieren im Wert von mehr als 1.000 Milliarden Euro. Alleine die Bad Bank der belgisch-französischen Bank Dexia besäße faule Kredite und andere Giftpapiere im Wert von 266 Milliarden Euro – Rekord in Europa. Auch die französische Natixis halte immer noch faule Papiere im Wert von 13,5 Milliarden Euro. Doch nicht nur die französischen Bad Banks sitzen immer noch auf Müllbergen.... Quelle: AP
CommerzbankInterne Bad Bank: Portfolio Restructing UnitZum 30. September 2009 sammelte die Commerzbank 44 Milliarden Euro an Schrottpapieren in einer firmeninternen Bad Bank. 2012 schrumpfte das Portfolio der internen "Bad Bank" um 17 Prozent auf 151 Milliarden Euro. Dabei fokussierte sich die Commerzbank vor allem auf die gewerbliche Immobilien- und Staatsfinanzierung. Bis 2016 soll das Portfolio dieser Abbaueinheit NCA auf gut 90 Milliarden Euro abschmelzen - vorzugsweise wertschonend über Fälligkeiten, in Einzelfällen werden nach früheren Angaben durch den Verkauf von Papieren aber auch Verluste in Kauf genommen. In der Bad Bank lagert der Immobilien- und Staatsfinanzierer Eurohypo, inzwischen umbenannt in Hypothekenbank Frankfurt, sowie die Schiffsbank. Aus all diesen Geschäftsbereichen zieht sich die Commerzbank komplett zurück. Auch einige Uraltlasten aus der Investmentbank von der Finanzkrise 2008 sind dabei. Quelle: dpa
Hypo Real Estate - FMS WertmanagementDie Bad Bank der verstaatlichten Münchener Immobilien Bank besaß bei ihrer Gründung zum 1. Oktober 2010 Schrottpapiere im Wert von 175,6 Milliarden Euro. Zum 30. Juni 2011 hat sie den Bestand auf 160,5 Milliarden Euro reduziert. 2012 konnte die Abwicklungsbank FMS einen Überschuss von 37 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Trend hatte sich bereits im ersten Halbjahr abgezeichnet. So hatte das Institut unterstützt von anziehenden Finanzmärkten von Januar bis Juni seinen Verlust auf 50 (Vorjahreszeitraum: 689) Millionen Euro reduziert. Auch in der zweiten Jahreshälfte hatte sich die Erholung an den Finanzmärkten weitgehend fortgesetzt. Dadurch hätten sich die Altlasten um 38 Milliarden Euro reduziert, sagte ein Insider. Quelle: dapd
HSH NordbankEine interne Bad Bank kümmerte sich um die Altlasten der Landesbank von Hamburg und Schleswig Holstein. Am 31. Dezember 2010 startete der Finanzfriedhof mit 69 Milliarden Euro. 2012 haben die Schifffahrtskrise und hohe Gebühren für Staatsgarantien der HSH Nordbank Verluste eingebrockt. Wegen der Lasten durch drohende Kreditausfälle in der internen Bad Bank und steigender Garantiekosten geht die Landesbank 2013 von einem weiteren Fehlbetrag aus. Erst 2014 ist ein Lichtstreif am Horizont in Sicht. Dann will das seit Jahren kriselnde Institut dank weiterer Fortschritte im Kerngeschäft „ein deutlich positives Konzernergebnis“ erwirtschaften. Im abgelaufenen Jahr musste die HSH, die nach wie vor in der Schiffsfinanzierung führend ist, erneut viel Geld für drohende Kreditausfälle zurücklegen. Hinzu kamen 473 Millionen Euro an künftigen Gebühren für Garantien, die bereits jetzt in der Bilanz verbucht wurden. Der Vorsteuerverlust verringerte sich dennoch leicht auf 185 (Vorjahresminus: 206) Millionen Euro, weil es im Kerngeschäft bereits besser lief. Quelle: dpa
WestLBDie vom übrigen Institut abgespaltene Bad Bank "Portigon", vormals "Erste Abwicklungsanstalt EAA" bündelte zum 1. Januar 2010 Schrottpapiere im Wert von 77,5 Milliarden Euro. Nach zwei herben Verlustjahren konnte die Bad Bank 2012 einen Minigewinn erzielen. Dank der Erholung der US-Immobilienmarktes weist die Portigon einen Jahresüberschuss von 6,6 Millionen Euro aus. 2011 hatte der Schuldenschnitt für Griechenland zu einem Verlust der Bad Bank von 878 Millionen Euro geführt. Der Vorstand betonte, dass die Abwicklung der WestLB-Papiere schneller als geplant vorankomme. Seit ihrer Gründung vor gut drei Jahren habe die Bad Bank in mehreren Schritten Bestände in der Größenordnung von rund 200 Milliarden Euro übernommen. Abgewickelt wurden bereits Kredit- und Wertpapiere im Gesamtvolumen von 68 Milliarden Euro. Quelle: dpa
BayernLBDie Bayern tauften ihre interne Bad Bank Projekt Herkules. Ein passender Name. Mit 67,2 Milliarden Euro Finanzschrott startete das Projekt am 1. Juli 2009. Zum Jahresende 2011 waren es nur noch 27 Milliarden Euro. Der Freistaat haftet mit einer Garantie von 4,8 Milliarden Euro für Verluste durch strukturierte Altkredite aus der Finanzkrise. Bislang reichte der Eigenanteil der Bank in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, die Lasten der Vergangenheit aufzufangen. Davon ist jedoch bereits die Hälfte aufgebraucht. Die Landesbanker verwalten ihre 27 Milliarden Euro schwere Bad Bank intern in der eigenen Bilanz. Gut 40 Prozent davon entfallen auf sogenannte ABS-Papiere. Das sind gebündelte und verbriefte Kleinkredite, von denen keiner weiß, ob und in welchem Umfang die Schuldner sie zurückzahlen können. Quelle: dpa
Bank of Ireland - NAMADie irische Regierung gründete im September 2009 die erste Bad Bank in Europa - die National Asset Management Agency (NAMA) Sie übernahm faule Kredite im Wert von 47 Milliarden Euro. Irland erhielt eine Finanzspritze des IWF über 67,5 Milliarden Euro und Gelder aus dem EU-Rettungsschirm, um den Bankensektor zu stabilisieren. Übrig blieben nur zwei von fünf Banken - die Bank of Ireland und die Allied Irish Banks. Bis zum 31. März 2012 wurden Immobilienverkäufe im Wert von insgesamt acht Milliarden Euro genehmigt – 90 Prozent davon betrafen Objekte im Ausland. Eingenommen hatte die NAMA (Stand September 2011) bis dato allerdings nur 2,7 Milliarden Euro. Quelle: dapd

Bei langfristig orientierten Investoren hat die Bank deshalb längst ihr Vertrauen verspielt. Die deutschen Fondshäuser winken regelmäßig ab, wenn sie nach der Commerzbank gefragt werden. Und auch die angelsächsischen Häuser sind mittlerweile skeptisch: "Die Commerzbank hat einen Ruf, immer auf jeder Bananenschale auszurutschen. Sie haben in den letzten fünf Jahren vier Mal ihr Kapital erhöht - und eine weitere Kapitalerhöhung wäre keine große Überraschung", sagte Fondsmanager Matthew Beesley, der das globale Aktiengeschäft bei Henderson Global Investors leitet. Das Fondshaus ist nur noch mit 0,3 Prozent in der Commerzbank investiert, das Engagement von Beesleys Fonds liegt bei null.

Nach seiner Einschätzung sind die Geschäftsaussichten für die Commerzbank ausgesprochen düster - was auch die Bemühungen um eine weitere Stärkung der Kapitaldecke erschweren dürfte. Ähnlich hatte sich zuletzt die Ratingagentur Moody's geäußert. Sie geht davon aus, dass der Umbau der Commerzbank frühestens 2015 Früchte tragen wird. Auch Analysten wie Stefan Bongardt sind skeptisch. Der Banken-Experte vom Analysehaus Independent Research senkte in dieser Woche das Kursziel von 7,00 auf 5,50 Euro und ließ das Papier weiter auf "verkaufen". Grund seien die im Branchenvergleich unterdurchschnittliche Kernkapitalquote sowie die eingetrübten Ertragsperspektiven.

Für Aktionäre bleibt es bis dahin bei der Achterbahnfahrt. Mit einem Minus von mehr als fünf Prozent war die Commerzbank der am meisten geprügelte Dax-Wert, als die europäischen Börsen am Mittwoch angesichts der Regierungskrise in Portugal einbrachen. Einen Tag später hat der Kurs immerhin schon wieder Sphären über sechs Euro erreicht. Die Erholung ändert nichts daran: Der Kurs wird auch weiterhin hochsensibel auf jede neue Krisennachricht von der Euro-Peripherie reagieren.

Hat die Aktie noch eine Zukunft?

Was soll aus der Aktie werden? Rutscht sie weiter ab, könnte im September der Ausschluss aus dem Dax drohen, weil der Marktwert zu niedrig für den Verbleib im Index wäre. Analysten sind ratlos bei der Bewertung des Papiers. So rechnen die Experten der NordLB nicht vor Ende des zweiten Quartals 2014 mit verbesserten Geschäftsergebnissen, durch die sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis aufhellen könnte. Zudem rangiere der Marktwert der Commerzbank schon seit langem unterhalb der Buchwerte des Bilanzvermögens. „Vor einer Bodenbildung erwarten wir eine deutliche Kursübertreibung nach unten, da sich das Klima derart einseitig eingetrübt hat, dass nur noch das Negativpotential für den Wert im Vordergrund steht“, schreiben die NordLB-Analysten.

Druck auf die Commerzbank übt auch der im kommenden Jahr bevorstehende Stresstest durch die EZB aus, die vor Übernahme der Aufsicht über die Banken der Eurozone die von ihr neu zu überwachenden Kreditinstitute auf Altlasten durchleuchtet. „Die EZB könnte weitere Aufstockungen des Eigenkapitals fordern, da zum Beispiel im 18 Milliarden Euro großen Schiffsfinanzierungsportfolio Risiken in Milliardenhöhe schlummern“, sagt Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Goethe-Universität Frankfurt. 

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Was, wenn die Bank die Kapitaldecke im Fall eines erneuten Finanzbedarfs nicht aus eigener Kraft schließen könnte? Falls die Commerzbank etwa den EZB-Stresstest nicht aus eigener Kraft und der Hilfe ihrer Aktionäre schaffen sollte, droht dem Unternehmen der Verlust der Unabhängigkeit. Für das Finanzsystem unverzichtbare Teile des Geschäfts könnten dann auf eine Brückenbank übertragen und der Rest abgewickelt werden. 

Dieses Szenario erscheint weniger unrealistisch als die Übernahme durch einen Investor. Selbst der ehemalige Cobra-Mitgründer Clemens Vedder würde sich dem Vernehmen nach derzeit lieber eine Parkbank kaufen als die Commerzbank. Kein Konkurrent dürfte sich trauen, die Commerzbank mit ihren Altlasten aus der Staats- Schiffs- und Immobilienfinanzierung übernehmen. Weniger riskant aus Sicht eines potenziellen Investors wäre es wohl, auf eine mögliche Aufspaltung der Bank durch die Finanzaufseher zu warten, um sich dann die gesunden Teile wie das Mittelstandsgeschäft einzuverleiben.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%