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Aktien Der große Bilanz-Bluff

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Von Voodoo und Bluffs

Die EU-Unternehmen mit den höchsten noch nicht bilanzierten Leasingschulden Quelle: (*) Barwerte; Quelle: FAS AG/Stuttgart

Statt sich den Gewinn schönzurechnen, sollten Anleger bei Bayer lieber einen Risikozuschlag auf das KGV einkalkulieren. Denn auch Bayer schleppt einen hohen Goodwill mit sich herum, in erster Linie aus der Übernahme von Schering 2006. Die Leverkusener schreiben darauf aber kaum etwas ab.

Unterstellt, der Goodwill würde wie früher über 15 Jahre abgeschrieben, stiege das KGV gleich auf einen Wert von knapp 16.

Derartige Berechnungen sind kein Voodoo, sondern könnten schnell wieder Realität werden. Denn mit der aktuellen Abschreibungspraxis sind weder Analysten noch Bilanzexperten zufrieden – selbst die Londoner Regelsetzer des IASB nicht. So » » könnte jederzeit ein neuer Standard die Unternehmen wieder zu jährlichen Goodwill-Abschreibungen verpflichten.

Eine weitere Lücke, die die Unternehmen weltweit in der Vergangenheit weidlich nutzen, betrifft spezielle Miet- und Mietkaufverträge (Leasing). Unternehmen mussten bisher in einem komplexen Verfahren prüfen, ob sie ein geleastes Gut in der Bilanz aufführen müssen oder nicht. Sehr vereinfacht gesagt, mussten das Leasingobjekt und die mit ihm verbundenen Schulden nur bilanziert werden, wenn das Unternehmen den größten Teil der wirtschaftlichen Chancen und Risiken aus dem Leasingvertrag trägt.

Bonität unter Druck

 Lagen die Risiken bei dem Leasinggeber, konnten Leasingobjekt und -schulden außerhalb der Bilanz geführt werden. Es kam, was kommen musste: Gemeinsam mit Leasinggesellschaften und Banken konstruierten die Unternehmen ihre Verträge möglichst so, dass die Schulden aus den Mietverträgen nicht in der Bilanz landeten. Die Schweizer Credit Suisse schätzte vor Jahresfrist, dass weltweit so insgesamt 1700 Milliarden Dollar an Schulden außerhalb der Bilanzen geführt wurden. Allein für die 249 größten Unternehmen in Europa ermittelte die Stuttgarter Unternehmensberatung FAS, dass rund 80 Prozent aller Leasingverpflichtungen bisher nicht in der Bilanz erscheinen. Deren heutiger Gegenwert liegt bei 250 Milliarden Euro.

Die Regelsetzer vom IASB reagierten. Nach langen Diskussionen sollen diese Schulden, abgesehen von Leasingverträgen mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr, nun in die Bilanz. Der Zeitpunkt für die Bilanzierungspflicht ist zwar noch einmal nach hinten verlegt worden. Stichtag ist jetzt der 1. Januar 2015. „Dennoch sollten sich Aktionäre mit dem Thema schon jetzt beschäftigen, schließlich sind die Schulden ja jetzt auch schon vorhanden“, sagt FAS-Partner Peter Adolph. Denn „mit den neuen Regeln zum Leasing wird sich die Verschuldung erhöhen, und auch andere wichtige Kennzahlen verändern sich. Klar ist etwa, dass die Bilanzsumme der betroffenen Unternehmen steigt.“

Pokerface

Die FAS hat exklusiv für die WirtschaftsWoche ausgerechnet, wie stark Unternehmen von der Neuregelung betroffen sein werden. Das Ergebnis für die 30 Dax-Unternehmen: Wenigstens 67 Milliarden Euro neue Schulden kommen ans Tageslicht.

Spitze in Europa ist die Deutsche Telekom mit einem Zuwachs von fast 20 Milliarden Euro. Besonders stark erhöht sich auch die Verschuldung von Metro, Deutscher Post und Lufthansa. „Damit verschlechtern sich wichtige Kerngrößen für die Bonitätsbewertung, wie der Verschuldungsgrad, also das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital“, sagt Adolph.

Allerdings ergeben sich über die neuen Bilanzregeln auch positive Effekte. So wird sich etwa das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) verbessern. Der Grund: Während sich bisher Belastungen aus dem Leasinggeschäft in der Regel voll im Ebit niederschlugen, wird sich dort demnächst nur noch ein Teil davon finden.

Und: Bis 2015 dürften die Unternehmen wiederum Wege gefunden haben, nicht alle Karten auf den Tisch legen zu müssen, sprich: einen Teil der Schulden wiederum zu verstecken.

Bluffs zu durchschauen wird sich für Anleger auch dann noch lohnen.

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