Aktien Jetzt die Börsenneulinge scouten

Mit Covestro, Scout24 und Schaeffler wollen gleich drei bekannte Namen aufs Parkett. Was die Aktienfrischlinge taugen, wenn ihnen der VW-Skandal und die schlechte Börsenstimmung nicht das Debüt vermasseln.

In den Startblöcken für den Börsengang

Um den Nutzen seiner Produkte zu beweisen, zückt Patrick Thomas gern mal seinen Reisepass. Viele Komponenten der Ausweiskarte sowie des Hologramms stammen von Covestro, erklärt der Chef der Bayer-Tochter stolz. Als Nächstes zieht Thomas an schwarzem Kunstleder – der Stoff färbt sich rot. Die Modeindustrie hat bereits Interesse an der Covestro-Entwicklung, etwa für Lederjacken, sagt Thomas. Und schließlich präsentiert der 57-jährige Brite noch eine Carbonplatte: Die soll Autos leichter machen und enthält, natürlich, Kunststoffe des Leverkusener Unternehmens. Mit solchen Schaustücken im Koffer schien Thomas für die nun laufende Roadshow vor Investoren in Europa und Nordamerika gut gerüstet.

Bis zu 2,5 Milliarden Euro soll Covestro einspielen, das wäre der größte Börsengang seit 15 Jahren, als die Deutsche Post ihr Debüt gab. Geld, das dem Leverkusener Bayer-Konzern zufließt, der seine Sparte Material Science unter dem Kunstnamen Covestro bündelte und nun ein Drittel abgibt. Covestro hat noch Schulden in Höhe von 2,37 Milliarden Euro bei der Mutter.

Covestro im Börsenneulingscheck

Die Kapitalbeschaffung könnte nicht nur der wackligen Börsen wegen nicht ganz einfach sein. Zwei Tage vor dem geplanten Börsenstart am 2. Oktober war das Orderbuch laut Insidern noch nicht gefüllt. Üblich wäre eine mehrfache Überzeichnung des Aktienangebots, bei dem vor dem Börsengang mehr der neuen Aktien nachgefragt werden, als der Emittent anbietet. Die starken Kursschwankungen am Aktienmarkt und die Verunsicherung durch den VW-Abgasskandal bescheren allen Börsenaspiranten ein problematisches Timing für eine Aktienneuemission. Am Donnerstag zollte Covestro den schwachen Märkten Tribut: Das angepeilte Börsenvolumen werde deutlich auf 1,5 Milliarden Euro gesenkt, teilte Covestro mit. Die Zeichnungsfrist wurde zudem bis Freitag verlängert, das ursprünglich für Donnerstag geplante Börsendebüt auf den 6. Oktober verschoben.

Die Produkte von Thomas’ Unternehmen gelten von Natur aus nicht unbedingt als sexy: Covestro stellt vor allem Kunststoffe für die Auto-, Bau-, Elektronik- und Möbelindustrie her, hinzu kommen Lackrohstoffe, Kleb- und Dichtmittel. Die Gehäuse von Laptops und Smartphones bestehen häufig aus Covestro-Material; spezielle Lackstoffe sollen den Glanz von Autos länger erhalten. Zudem war es in der Vergangenheit erfolgversprechender, lieber die Bayer-Aktie statt das Papier einer ungeliebten Tochter zu kaufen: Die 2005 abgespaltene Tochter Lanxess jedenfalls läuft im Kurs schlechter als die Mutter (siehe Chart); vor einer Woche musste sie den Dax verlassen.

Für Covestro spricht, dass sie mit ihren wichtigen Geschäftsbereichen weltweit vorne liegt. Im Geschäft mit Polyurethanen (Rohstoffe für Schaumstoffe) hält Covestro die Poleposition; die nächsten Wettbewerber sind BASF und der US-Konzern Dow Chemical. Bei Poycarbonaten (thermoplastische Kunststoffe) liegt Covestro mit der saudi-arabischen Sabic gleichauf. Auf beiden Feldern, die für drei Viertel des Covestro-Jahresumsatzes von zuletzt knapp zwölf Milliarden Euro stehen, belasten allerdings zunehmende Konkurrenz, Überkapazitäten und damit Preisdruck das Geschäft.

Neulinge auf dem Parkett: Wer jetzt an die Börse geht

Immerhin verspricht Thomas den Anlegern, dass das Covestro-Geschäft künftig wieder stärker wächst. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: In wichtigen Abnehmerbranchen wie der Bauindustrie zieht die Nachfrage wieder an. Wachstum wäre für die Aktie wichtig. Denn ein Unternehmen im Raketenmodus ist Covestro bisher nicht. In den vergangenen drei Jahren pendelte der Umsatz zwischen 11,4 Milliarden und 11,8 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr stimmte die Richtung. Der Umsatz kletterte um 9,5 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür waren das höhere Verkaufsvolumen und günstige Währungseffekte durch den schwachen Euro.

Covestro kommt mit seiner angepeilten Marktkapitalisierung (je nach Aktienzahl und Ausgabepreis zwischen 6,2 bis 7,5 Milliarden Euro) auf eine Umsatzbewertung von 0,5 bis 0,6. Die läge deutlich unter der Bewertung von Marktführer BASF, für den Anleger den 0,8-fachen Jahresumsatz zahlen, und allenfalls leicht über der 0,5-fachen Bewertung von Spezialchemiker Lanxess. Überteuert ist das nicht. Im ersten Halbjahr kletterte die Ebitda-Marge (Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation in Prozent vom Umsatz) von 10 auf 15 Prozent – im Branchenvergleich eher durchschnittlich. Covestro profitierte von niedrigeren Rohstoffpreisen, die nicht gleich an die Kunden weitergegeben wurden. Zugleich war die Produktion besser ausgelastet, das drückt die anteiligen Kosten.

Die heißesten Börsenneulinge
ABN AmroDie Privatisierung der niederländischen Großbank ABN Amro droht zum Verlustgeschäft für die Regierung zu werden. Sie teilte am Dienstag mit, 23 Prozent der Anteile an den Markt bringen zu wollen. Die Aktien würden dabei Investoren für jeweils 16 bis 20 Euro angeboten. Auf Basis dieser Preisspanne hat die Bank einen Wert von 15 bis 18,8 Milliarden Euro. Auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise 2008 wurde ABN Amro allerdings mit Steuergeldern in Höhe von mehr als 22 Milliarden Euro verstaatlicht. Quelle: AP
Scout24 Schon vergangenes Jahr liebäugelte die Scout24-Gruppe, zu der Immobilienscout24, AutoScout24, die Datingseite FriendScout24 und das Finanzvergleichs-Portal FinanceScout24 gehören, mit dem Börsengang. Nachdem jedoch die Papiere von Zalando und RocketInternet ins Rutschen geraten waren, wurde es still um die IPO-Pläne. Nun hat das Handelsblatt aus Bankkreisen erfahren, dass Scout24 Anfang September konkretere Börsenpläne bekannt geben will. Den Informationen zufolge soll das IPO ein Volumen maximal einer Milliarde Euro haben - das wären 200 Millionen Euro mehr als bei den Börsenplänen 2014. Damals war die Rede davon, 25 Prozent der Aktien an die Börse zu bringen. Dass Scout24 trotz der China-Angst und sehr volatiler Märkte einen neuen Vorstoß wagen könnte, dürfte von den Eigentümern forciert werden. Die Private-Equity-Unternehmen Hellman & Friedman und Blackstone hatten sich vor eineinhalb Jahren für 1,5 Milliarden Euro zusammen 70 Prozent an Scout24 gesichert.. Quelle: Screenshot
PayPalDer Online-Bezahldienst wurde erst im Juli von der Muttergesellschaft Ebay abgespalten und eigenständig an die Börse gebracht. Getrennt voneinander sollen beide Unternehmen noch erfolgreicher werden. Die Aktien wurden jedoch ausschließlich Ebay-Aktionären zugeteilt bekommen. Nach der Erstnotiz an der Börse am 20. Juli ging es mit dem PayPal-Kurs allerdings kräftig auf und ab und notiert an der Nasdaq unter dem Ausgabepreis. Der Bezahl-Service brachte zuletzt rund die Hälfte der Konzernumsätze ein. Im ersten Quartal dieses Jahres wuchsen die Erlöse von Paypal im Jahresvergleich um 14 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. In der Handelsplattform-Sparte mit der Auktions-Website ging es dagegen um vier Prozent abwärts auf 2,07 Milliarden Dollar. Paypal war 2002 bereits kurze Zeit an der Börse notiert, bevor der Bezahlservice von Ebay übernommen wurde. Der Dienst hat 165 Millionen aktive Kunden. Quelle: REUTERS
CBR Fashion Holding Quelle: Screenshot
ADO Properties Quelle: Screenshot
Chorus Clean Energy Quelle: Presse
Tinder & Co.InteractiveCorp will seine Dating-Sparte - unter anderem mit den Plattformen Tinder, Match.com und in Deutschland mit Neu.de, Friendscout und Partner.de an die Börse bringen. Der New Yorker Medienkonzern kündigte einen Börsengang der Tochter Match Group an, in der die Dating-Sites gebündelt sind. Allerdings sollen zunächst nur 20 Prozent der Anteilsscheine in den öffentlichen Handel gebracht werden. Investoren dürften vor allem auf Tinder scharf sein, dessen Nutzerzahlen kräftig wachsen. Dem letzten Finanzbericht nach machte die Match Group im ersten Vierteljahr 2015 einen Umsatz von 239,2 Millionen Dollar (213,5 Mio Euro). Das waren 13 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Börsengang soll im vierten Quartal stattfinden. Tinder und andere Dating-Apps wirbeln mit ihrer einfachen Benutzung auf dem Handy den Markt der Partnerbörsen auf. Quelle: dpa

Selbst wenn die Marge in den nächsten Monaten wieder etwas geringer ausfällt und, aufs Jahr gerechnet, 13 Prozent bleiben, wären das bei zwölf Milliarden Euro Umsatz rund 1,6 Milliarden Euro operativer Gewinn. Die Schulden inklusive Pensionslasten werden nach dem Börsengang immer noch bei vier Milliarden Euro liegen. Das ist etwa das Zweieinhalbfache des operativen Gewinns und verkraftbar. Covestro hat damit gute Chancen auf das bei Anlegern geschätzte Investmentgrade als Bonitätseinstufung.

Netto verdiente Covestro im ersten Halbjahr 272 Millionen Euro. Sollte sich die Chemiekonjunktur im zweiten Halbjahr etwas abkühlen, könnten 2015 insgesamt rund 450 Millionen Euro bleiben. Je nach Aktienanzahl wären das etwa zwei Euro anteiliger Reingewinn. Gesteht man Covestro das gleiche Kurs-Gewinn-Verhältnis wie BASF zu, entspräche das fast genau einem Kurs am unteren Ende der geplanten Preisspanne von 26,50 Euro.

Begriffe zum Börsengang

Viel mehr sollten kaufwillige Anleger auch nicht bezahlen. Es kommt der neuen Aktie zwar zugute, dass Covestro in Zukunft 30 bis 50 Prozent des Nettogewinns ausschütten will und damit etwa drei Prozent Dividendenrendite abwirft. Als Risiken bleiben die Konjunkturabhängigkeit der Chemiebranche und die Aussicht auf allenfalls einstellige Wachstumsraten.

Scout24 mit imposanter Börsenstory

Die Geschichte, die das Vorstandsteam von Scout24 den Investoren auf der Roadshow präsentiert, klingt imposant: Mit den Onlineanzeigenportalen Immobilienscout24 und Autoscout24 besetzt die Scout24 AG zwei der sechs wichtigsten Momente im Leben: den Kauf eines Hauses und den eines Autos. Scout24 profitiert da mit: Über Mitgliedsbeiträge für professionelle Kunden wie Autohändler und Makler nimmt Scout auf den Immobilien- und Autoportalen Geld ein und kassiert dazu auch noch Werbegelder.

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