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Aktienmarkt Kohle ist umstritten, aber nicht out

Kohlekonzerne haben es zunehmend schwerer in der Finanzwelt. Quelle: dpa

Der Norwegische Staatsfonds wird bei fossiler Energie noch strenger und wirft langfristig viele Kohle-, Öl- und Gasproduzenten aus dem Depot. Für RWE und Uniper wird das ungemütlich. Aber sie haben noch Unterstützer.

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Der Klimawandel zerstört manches Investment. Für Unternehmen, die als Verlierer oder Verursacher des Klimawandels abgestempelt werden, ist es bei der steigenden Schar der Nachhaltigkeits-Anleger immer schwieriger geworden, noch Investoren zu finden. Am 13. Juni verlor die RWE-Aktie zwischenzeitlich 0,8 Prozent, obwohl der deutsche Aktienindex Dax an dem Tag um 0,5 Prozent stieg. Einen Tag zuvor hatte das norwegische Parlament entschieden, dass der mit 1000 Milliarden Dollar gefüllte staatliche Ölfonds seine Investitionen aus Öl-, Gas- und Kohleunternehmen auf längere Sicht verkaufen soll. Geschätzt wird damit ein Volumen von zwölf Milliarden Dollar umverteilt. Bei Kohlekonzernen werden die die Ausschlusskriterien verschärft. Rausfliegen aus dem Fonds sollen alle Unternehmen, die im Jahr mehr als 20 Millionen Tonnen Kohle fördern und leistungsstarke Kohlekraftwerke betreiben.

Das träfe etwa Unternehmen wie die Schweizer Glencore oder Anglo American. In Gefahr sind auch die Position in Höhe von 1,39 Prozent, die die Norge Bank Investment Managers an RWE hält, sowie der Anteil an Uniper, der 1,03 Prozent beträgt. Über die frei werdenden Gelder wiederum könnten sich Unternehmen aus dem Geschäftsfeld erneuerbare Energien freuen. So hält der Fonds schon jetzt 2,67 Prozent am Rostocker Hersteller von Windkraftanlagen, Nordex, und 1,59 Prozent am Hersteller von Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen, SMA Solar, aus dem hessischen Niestetal.

Weiteres aktuelles Beispiel für ein so genanntes „Divestment“ bei Kohle: Für die gesamten 113 Milliarden Euro, die der belgische Vermögensverwalter Candriam steuert, sind Kohleunternehmen künftig tabu. Sobald sie mehr als zehn Prozent ihrer Wertschöpfung aus Kohle oder mit Maschinen für den Kohleabbau umsetzen oder auch nur ein neues Kohleabbauprojekt anbahnen, wird die Aktie nicht mehr in Candriam-Fonds aufgenommen. Candriam steht für Conviction and Responsibility In Asset Management, also Überzeugung und Verantwortung in der Vermögensverwaltung. Der Name ist Programm und die Regeln des Fondsmanagers sind entsprechend streng.

Die Abneigung gegen Kohle ließ sich von Fondshäusern lange gut vermarkten und einte mächtige Vermögensverwalter. Das setzte der Aktie des Energieversorgers RWE schwer zu. Sie verlor erst in der Finanzkrise, dann mit der eingeläuteten Energiewende in Deutschland massiv an Wert. 2008 kostet sie noch 100 Euro, fiel bis auf 10 Euro. In den vergangenen zwei Jahren allerding hat sie sich etwas erholt und liegt jetzt bei knapp 23 Euro. RWE gehört in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zu den Marktführern unter den Versorgern. Die Essener sind auf Öl, Gas und Braunkohle ausgerichtet, betreiben konventionelle Kraftwerke und haben ein großes Handelsbuch für Rohstoffe. Seit der Konzernumbau läuft und mit Konkurrent E.on Geschäftsaktivitäten getauscht werden, steigt aber auch der Anteil erneuerbarer Energien am Geschäft. Das hat dem Kurs wieder neuen Schwung gegeben. Sollte der Anteil erneuerbarer Energien künftig weiter deutlich steigen, hat RWE vielleicht doch noch Chancen, den großen Aktionär aus Norwegen zu halten oder zurückzugewinnen. Und andere Vermögensverwalter sind ohnehin bei der Nachhaltigkeit nicht so streng wie Candriam oder der norwegische Fonds.

Abhängigkeit vom Ausland

Mancher folgt auch der Argumentation von RWE-Chef Rolf-Martin Schmitz, der überzeugt ist, dass die Zeit der Braunkohle noch nicht zu Ende ist. In vielen Deutschland-Aktienfonds ist die RWE-Aktie vertreten. Die britisch-französische Fondsgesellschaft Alken Asset Management ist mit einem Anteil von über zwei Prozent an RWE einer der größten Einzelaktionäre hinter der Stadt Dortmund, BlackRock, Credit Suisse und der Stadt Essen. Der Grund für das Engagement von Fondsmanager Nicolas Walewski war die mit E.on getroffene Vereinbarung, die RWE von einem der größten Umweltverschmutzer Europas zu einem „soliden Erneuerbare-Energien-Betreiber“ mache, wie er es beschreibt. Dies habe seine Aktienbeurteilung grundlegend geändert. Aber nicht nur die grüne Seite ist für ihn interessant. Walewski glaubt, dass der Verzicht auf die Atomkraftwerke in Deutschland dazu führen wird, dass Kohle noch viel länger als erwartet als Brennstoff für Kraftwerke benötigt wird. Auch die spätere Verwertung großer Flächen, die heute noch für den Kohleabbau genutzt werden, könnte sich für RWE als lukrativ erweisen, mutmaßt Walewski.

Auch RWE könnte noch Klassenbester werden

Georg Oehm, Investor und Verwaltungsratsvorsitzender des Luxemburger Asset Managers Mellinckrodt glaubt, dass RWE zudem auch für Nachhaltigkeitsanleger investierbar sein könnte. „Nachhaltigkeit im Sinne von ‚Best in Class‘ kann RWE auch als Kohleproduzent erreichen.“ Heißt: Sobald die Kohle von RWE sauberer abgebaut wird als von der Konkurrenz und der CO2-Ausstoß bei der Stromproduktion verringert und RWE zudem auch Fortschritte bei den erneuerbaren Energien macht, könnten die Essener zu den Fortschrittlicheren der Branche zählen. Dahin allerdings ist es noch ein weiter Weg; momentan sind die Essener Europas größter CO2-Produzent. Aber auch Oehm ist überzeugt, dass für ein Industrieland wie Deutschland die Sicherheit der Stromversorgung von besonderer Bedeutung ist. Die Kohle sei weiterhin wichtig, um die Grundlast beim Energieverbrauch jederzeit zu decken und dies möglichst auch günstig. „Ob das hohe Energiekostenniveau, dass Deutschland sich derzeit leistet, angesichts des weltweiten Wettbewerbs der Unternehmen dauerhaft tragbar ist, darf zumindest bezweifelt werden“, so Oehm. Die Energiekonzerne der an Deutschland angrenzenden Länder bereiteten sich darauf vor, um davon zu profitieren, dass Deutschland seine Energieautonomie reduziert und noch mehr auf Importe angewiesen sein wird – sei es Flüssigerdgas, Wasserkraft oder Atomstrom. „Die meisten Länder in Europa sind da weniger dogmatisch als Deutschland und werden ihre Chancen nutzen.“ Der Einstieg der finnischen Forum bei der E.on-Abspaltung Uniper zeige, wohin die Reise gehe.

Amerikaner strafen nur Schwellenländer ab

In Essen ist aber auch die Sorge groß, neben den Aktionären die Anleihe-Investoren zu verlieren. Der hochverschuldete Konzern ist auf Anleihe-Investoren angewiesen, die das Geschäft finanzieren. Doch auch die wenden immer stärker Nachhaltigkeitskriterien bei der Auswahl der Zinspapiere an. Mächtige US-Vermögensverwalter wie BlackRock und J.P. Morgen basteln bereits Anleihenindizes, die auf Nachhaltigkeitskriterien besonders achten und Unternehmen ausschließen, die Kraftwerkskohle fördern. Auf diese Indizes haben die Anbieter Fonds aufgelegt, die bislang aber vor allem für Schwellenländer existieren. Sie auch für Industrieländer aufzusetzen, wäre allerdings ein Klacks.

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