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Aktienrückkauf Wie Konzerne sich für die Börse dopen

Ob Exxon, IBM oder Apple: Großkonzerne kaufen für Milliarden eigene Aktien zurück, zum Teil schuldenfinanziert. Das treibt die Kurse und nutzt den Managern – auf Kosten von Forschung und Entwicklung.

Doping für die Börse: Großkonzerne kaufen für Milliarden eigene Aktien zurück. Quelle: Getty Images, Montage

Ein Wettrennen um die Position der Nummer eins trägt oft bizarre Züge. Rex Tillerson, Chef des weltgrößten privaten Ölförderers und lange Zeit auch wertvollsten Unternehmens der Welt, kämpfte sich auch noch in einer Nebenkategorie nach vorn: Der Chef von ExxonMobil konnte IBM in der Rolle des weltgrößten Käufers eigener Aktien ablösen.

Dazu brauchte er viel Geld, sehr viel Geld: In den fünf Jahren 2010 bis 2014 kaufte Tillerson für 85,5 Milliarden Dollar Aktien des eigenen Unternehmens an der Börse zurück (zum Vergleich: SAP, das aktuell teuerste deutsche Unternehmen, ist derzeit insgesamt 93 Milliarden Dollar wert). IBM konnte mit Tillersons Tempo nicht ganz mithalten. Über die fünf Jahre ließ sich der Techriese die Investitionen in eigene Papiere 83,8 Milliarden Dollar kosten. Das zeigt eine Auswertung der Düsseldorfer Investmentboutique Arx Value für die WirtschaftsWoche.

Wenn Unternehmen ihre eigenen Aktien kaufen und damit vom Markt nehmen, poliert das die wichtigste Börsenkennzahl auf, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Denn durch den Rückkauf sinkt die Zahl der ausstehenden Aktien. Entsprechend steigt der Gewinn, der pro Aktie erzielt wird; das KGV sinkt, das Unternehmen erscheint günstiger bewertet, was Käufer anlockt. Zudem dürfen die neuen Anteilseigner höhere Dividenden erwarten, denn künftige Ausschüttungen verteilen sich fortan auf weniger Papiere als zuvor. Auch dies macht die Aktie attraktiver und lockt neue Käufer.

Ausgaben für Ausschüttungen und Rückkäufe der S&P-500-Unternehmen.

„Es wäre zu einfach, zu sagen, Aktienrückkäufe sind per se schlecht oder per se gut. Vielmehr hängt dies von der Solidität des Geschäftsmodells, dem vorhandenen Expansionspotenzial und somit dem Kapitalbedarf des Unternehmens ab“, sagt Christian Exner, Geschäftsführer von Arx Value. In vielen Fällen sollten Aktienrückkäufe (Buybacks) nur eine Randerscheinung sein, eine Möglichkeit, überschüssige Mittel indirekt – über steigende Kurse – an die Aktionäre zu geben. Tatsächlich aber sind sie weit verbreitet, vor allem in den USA. So steckten allein die 50 Unternehmen mit den meisten Rückkäufen über fünf Jahre fast 1100 Milliarden Dollar in eigene Aktien. Erst diese Woche verkündete der Techkonzern Oracle ein Rückkaufprogramm über zehn Milliarden Dollar.

Die Sache hat allerdings zwei Haken

- Die größten Rückkäufer haben gar nicht genügend Geld, um üppig eigene Aktien zu shoppen und auch noch Dividenden auszuschütten. Nach Berechnungen von Arx Value fehlten etwa ExxonMobil für Rückkäufe 44,4 Milliarden Dollar an freiem Cashflow. IBM, geschäftlich in den vergangenen Jahren mit erheblichen Problemen, fehlten 29 Milliarden; auch andere bekannte Namen wie Procter & Gamble oder Philip Morris schütteten über Rückkäufe und Dividende binnen fünf Jahren zweistellige Milliardenbeträge aus, die sie frei gar nicht zur Verfügung hatten. Sie verschuldeten sich dafür oder kürzten Investitionen.

- Womit das zweite Problem genannt wäre: Zum Kapitalismus gehört ja, dass ein Konzern sein Kapital nutzt, um damit zukünftige Werte zu schaffen. Indem er in Forschung investiert, in neue Geschäftsfelder oder Mitarbeiter. Dafür aber bleibt bei gigantischen Aktienrückkäufen, zumal wenn sie auf Schulden basieren, kaum Geld. Es profitieren so vor allem das gegenwärtige Management und die gegenwärtigen Aktionäre – auf Kosten der Zukunft. Bonifikation der Vorstände tritt an die Stelle von Innovation.

Aktienrückkäufe auf Pump erheblich erleichtert haben die Notenbanken. Dank der von ihnen künstlich gedrückten Zinsen ist nicht nur die Staatsverschuldung, sondern auch die Verschuldung der Unternehmen weltweit steil gestiegen, nach Daten des McKinsey Global Institute zwischen Ende 2007 und dem zweiten Quartal 2014 von 38.000 auf 56.000 Milliarden Dollar. US-Unternehmen brachten es zuletzt auf die Rekordschuld von rund 14.000 Milliarden Dollar. Ihre Verschuldung wuchs in den vergangenen Jahren zeitweise mit einer Jahresrate von gut zehn Prozent.

Teuer kaufen, billig verkaufen

Das Geld, das ihnen über Kredite in die Kassen kam, haben Manager oft in die falschen Kanäle geleitet. So etwa bei der Ölgesellschaft Hess Corporation. 2013 kaufte Hess für im Schnitt 80 Dollar, 2014 sogar für knapp 86 Dollar eigene Aktien zurück.

Mit dem sinkenden Ölpreis, der das Geschäft empfindlich traf, drehte das Spiel auf einmal. Nun gab Hess Anfang Februar bekannt, plötzlich Kapital zu brauchen. 25 Millionen neue Aktien sollen zu einem Kurs von 39 Dollar ausgegeben werden – weniger als die Hälfte von dem, was der Rückkauf kostete. Teuer kaufen, billig verkaufen – jedem ehrbaren Kaufmann wird da schummrig.

Wie viel Prozent ihres Nettogewinns Konzerne im Aktienindex S&P 500 für Rückkäufe aufwenden.

Zumal Hess die ganze Zeit über nicht einmal annähernd in der Lage war, auch nur eine Aktie zurückzukaufen: Der freie Mittelzufluss binnen fünf Jahren war mit minus 6,8 Milliarden tiefrot. Trotzdem verschleuderte Chef John Hess 5,3 Milliarden Dollar für Rückkäufe.

Laut einer Untersuchung der Société Générale verändern sich die Schulden bei US-Unternehmen nahezu deckungsgleich mit der Höhe von Aktienrückkäufen. „Diese unnötige Verschuldung ist extrem schädlich für Investoren und rächt sich in unruhigen Zeiten – wie sie uns bevorstehen“, sagt Jürgen Flaskamp, Gesellschafter und Mitglied des Verwaltungsrates der Luxemburger Kapitalanlagegesellschaft Flaskamp Invest.

Zu den größten Siegern in diesem Perpetuum mobile des Geldes gehören die Manager. Philippe Dauman etwa, Chef des Medienkonzerns Viacom (MTV, Nickelodeon), kassierte zwischen 2011 und 2015 rund 425 Millionen Dollar Gehalt, davon drei Viertel aus Aktienoptionen. Dabei ist Viacom alles andere als ein Star am Unternehmenshimmel: Die Umsätze sind fünf Jahre in Folge gefallen, der Gewinn 2015 lag nur knapp über dem von 2007. Das hat sich in einem gegenüber Ende 2013 fast gedrittelten Börsenkurs niedergeschlagen – obwohl Viacom binnen eines Jahrzehnts über die Hälfte seiner Aktien zurückgekauft hat.

Schulden, um die Aktionäre zu erfreuen

Aktionäre verloren so 2015 rund 30 Prozent. Das Management kassierte dagegen allein 101 Million Dollar Boni aus Optionen. Ohne die langjährigen Rückkäufe jedoch läge der Kurs vermutlich noch viel niedriger: Die bisherigen Rückkäufe haben das KGV unabhängig vom Kurs schon mehr als halbiert. Im vierten Quartal 2014 etwa spendierte sich das Management 104 Millionen Dollar aus Aktienoptionen, für 754 Millionen Dollar kaufte Viacom Aktien zurück, 137 Millionen Dollar gab es für Dividenden aus. Das Ganze finanzierte Viacom zeitgleich nahezu eins zu eins über neue Anleihen für 990 Millionen Dollar.

Derartige Kurspflege betreiben auch augenfällig viele Unternehmen aus der IT-Branche, etwa Microsoft oder Apple. Es ist paradox: Apple zählt zu den reichsten Unternehmen der Welt. Dennoch macht der i-Konzern Schulden, um seine Aktionäre zu erfreuen. Die bestens verdienende Firma hat Barreserven von 216 Milliarden Dollar angehäuft.

S&P-500-Buyback-Index.

Das Geld liegt jedoch größtenteils in Steueroasen. Würde Apple die Mittel in die USA transferieren, wären enorme Nachzahlungen von bis zu 40 Prozent an den Fiskus fällig. Um dies zu vermeiden, nahm der Konzern erst im Februar wieder eine Anleihe über zwölf Milliarden Dollar auf. Die Gelder sollen in erster Linie zum Rückkauf von eigenen Aktien verwendet werden. Apple und Microsoft, beide aus der Wiege des als innovationsfreundlich geltenden Silicon Valley, kauften allein in den Jahren 2010 bis 2014 zusammen Aktien für mehr als 105 Milliarden Dollar zurück und schütten dazu noch knapp 57 Milliarden an Dividenden aus. 2012 hatte Apple noch keine Schulden auf den Büchern, heute liegen sie bei 63 Milliarden Dollar. Bei Microsoft stiegen sie seither von 12 auf 44 Milliarden Dollar. Inklusive der extrem hohen Barreserven ist Apple aber nach wie vor topliquide. Apple habe „ein seltenes Luxusproblem“, sagt Exner. In der Regel sei freie Liquidität ein knappes Gut. Vielfach würden über Rückkäufe „operative Probleme maskiert, um Investoren bei Laune zu halten“, sagt Exner, der dies etwa bei Yahoo oder Hewlett-Packard vermutet.

Gemessen an amerikanischen Konzernen, kaufen deutsche Unternehmen Aktien allenfalls in homöopathischen Dosen zurück. Viele Manager geben an, dass sie aus schlechten Erfahrungen in der Finanzkrise gelernt hätten. Denn im Boom vor der Krise hatten viele Konzerne zunächst teuer eigene Aktien erworben, was sie kurz darauf bereuen sollten: Aufträge und Gewinne brachen weg, die Banken hielten ihr Geld zusammen, Kredite oder Kapitalerhöhungen wurden nötig. Zur Sicherheit halten daher viele deutsche Unternehmen lieber hohe Liquiditätsreserven vor.

Ergebnis: Seit 2009 haben 18 Unternehmen aus dem Dax, dem MDax und dem TecDax eigene Aktien aufgekauft. Besonders häufig nutzten den Rückkauf die Deutsche Börse, die Münchener Rück und United Internet. Zu den wenigen nennenswerten Rückkäufern zählt Siemens. Die Münchner erwarben zwischen Mai 2014 und Oktober 2015 für vier Milliarden Euro Aktien. Im November kündigte Siemens neue Rückkäufe von bis zu drei Milliarden Euro an. Die Münchener Rück gibt für ein Aktienrückkaufprogramm jährlich eine Milliarde Euro aus. Neu dazu kommt die Deutsche Post. Die Bonner gaben gerade bekannt, binnen eines Jahres für maximal eine Milliarde Euro Aktien zurückzuerwerben. Die erworbenen Papiere würden entweder eingezogen oder für die Bedienung von langfristigen Vergütungsprogrammen eingesetzt.

Alles in allem hatten die Rückkaufprogramme von 2009 bis 2015 in Deutschland ein Volumen von 16,5 Milliarden Euro – das schaffte IBM alleine schon mal binnen eines Jahres. Die 16,5 Milliarden ergeben sich aus Pflichtmitteilungen der Unternehmen und Zahlen des Datenanbieters Dealogic. Investoren bevorzugen meist eine direkte Ausschüttung. „Bei einer Bardividende können Anleger selbst entscheiden, wie sie die Mittel verwenden – ob für den Zukauf weiterer Aktien oder für andere Investments“, sagt Ingo Speich, Fondsmanager von Union Investment, der „Aktienrückkäufe grundsätzlich ablehnt“.

Keine Kritik an der Wall Street

Da allerdings verläuft ein atlantischer Graben: Schlechte Nachrichten haben die Händler an der Wall Street in den vergangenen Wochen wahrlich genug gehört. Und so werden kritische Fragen zu den massiven Aktienrückkäufen der US-Unternehmen mit bösem Blick bestraft. „Die Buybacks haben das geschafft, was weder die Notenbank noch die ordentlichen Wirtschaftsdaten erreicht haben. Sie haben den Negativtrend am US-Aktienmarkt beendet“, sagt Binky Chadha, globaler Chefstratege der Deutschen Bank, mit Blick auf den Crash zum Jahresbeginn und die dann einsetzende heftige Rückkaufwelle. An den Börsen gelte wie in der freien Wirtschaft: Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Die Nachfrage nach US-Aktien hat zuletzt stark nachgelassen, also seien die börsennotierten Unternehmen eingesprungen und hätten ihre eigenen Papiere gekauft.

„Das ist eine altbekannte Strategie, um die Kurse zu stützen, und das hat erneut funktioniert“, sagt Chadha. Die heftigen Schwankungen seien aus dem Markt genommen worden. Ohne die Aktienrückkaufe „hätte sich nicht so schnell ein Boden gebildet“. Tatsächlich haben US-Unternehmen in den turbulenten ersten vier Wochen dieses Jahres deutlich mehr eigene Papiere gekauft als etwa im Vorjahreszeitraum. Beinahe jede fünfte gehandelte Aktie ging von Investoren auf die Bücher der Unternehmen.

Auch bei Goldman Sachs sieht man die Buybacks als „treibende Kraft“ der letzten Markterholung. Vor allem Hedgefonds hätten sich von vielen Titeln getrennt und konzentrierten sich nur noch auf wenige Werte. „Die einzige echte Nachfrage nach vielen US-Aktien stammt derzeit von den eigenen Konzernen“, bilanziert David Kostin, leitender US-Aktienstratege bei Goldman. „Die Aktienrückkäufe sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Chadha.

Gesund klingt das nicht. Aber kritische Stimmen an der Wall Street zu Aktienrückkäufen? Fehlanzeige.

Probleme vertagt und vergrößert

William Lazonick, Wirtschaftsprofessor an der University of Massachusetts Lowell, hält diese Einstellung für fatal. „Hier werden Kurse künstlich aufgebläht – und Probleme einzig vertagt und vergrößert.“ Statt in Aktienrückkäufe sollten die Konzerne ihre Gewinne verwenden, um weiteres Wachstum zu generieren, findet Lazonick. Investitionen in Forschung oder Maschinen, höhere Löhne für die Mitarbeiter oder das Anbieten von Aus- und Fortbildungen sichere langfristige Gewinne – und dadurch auch einen steigenden Aktienkurs.

Was Dax-Konzerne an ihre Anleger ausschütten

Buybacks hingegen würden Erwartungen wecken, die die Konzerne niemals erfüllen könnten – außer, sie blähen die Kurse durch immer voluminösere Aktienrückkäufe auf. „Die Programme werden zu einer Sucht. Immer mehr, immer größer“, sagt Lazonick. „Zynisch wird das Prozedere, wenn Mitarbeiter entlassen werden und Investitionen gestrichen werden, um die Kosten der Buybacks zu finanzieren.“ ExxonMobil oder die Biokette WholeFoods seien solche Negativbeispiele. „Da bleibt nicht mehr viel Geld übrig, um Zukunftsinvestitionen zu tätigen“, sagt Lazonick.

Das gilt selbst für diejenigen Konzerne, die aufgrund ihrer Geschäftsmodelle einem noch stärkeren Wandel unterliegen als klassische Industrieunternehmen, etwa aus der Ölbranche. Der Techindustrie müsste eigentlich mehr an Innovationen als Treiber für den Aktienkurs als an Rückkäufen gelegen sein. „Ihr verspracht mir Kolonien auf dem Mars. Stattdessen bekam ich Facebook“, ätzte der US-Astronaut Buzz Aldrin, der als zweiter Mensch den Mond betrat, schon im November 2012 auf dem Titelblatt des US-Technologiemagazins „MIT Technology Review“. Seitdem hat sich wenig geändert, was auch an der Börsenkultur liegt.

IBM und Apple

Beispiel IBM: Der amerikanische Technologiekonzern, der der Welt einst den Personalcomputer bescherte, knausert beim Forschungsbudget. 2015 stellte Big Blue dafür 5,2 Milliarden Dollar bereit, etwa 6,4 Prozent seines Jahresumsatzes. Zehn Jahre zuvor waren es noch 5,8 Milliarden Dollar. Inflationsbereinigt ist der Rotstift sogar noch dicker, die Summe von 2005 entspricht etwa 7,1 Milliarden Dollar in heutigen Dollar. Mit dem Abschmelzen des Forschungsbudgets fielen die Umsätze. Dort verteidigt IBM kontinuierlich seinen traurigen Negativrekord. Seit fast vier Jahren sinkt bei Big Blue der Umsatz. 2015 setzte der Konzern nur noch 81,7 Milliarden Dollar um, 25 Milliarden Dollar weniger als im Spitzenjahr 2011.

Würden Forschungsausgaben und geschäftlicher Erfolg allerdings kausal zusammenhängen, müsste auch Apple schon seit Jahren im freien Fall sein. Der Unterhaltungselektronikkonzern aus Cupertino, der ja ebenfalls fleißig seine Aktien zurückkauft, ist für sein besonders mickriges Forschungsbudget bekannt. Jahrelang stellte Apple nur zwei Prozent seines Umsatzes dafür bereit. Im vergangenen Jahr waren es immerhin schon 3,4 Prozent, bei einem Rekordumsatz von 234 Milliarden Dollar waren das acht Milliarden Dollar. Apple gehört damit absolut gesehen wie IBM, Google und Intel zu den weltweiten Spitzenreitern bei Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

Alle Dax-Aktien im Check für 2016

Doch die Summen sind nur auf den ersten Blick beeindruckend, sie entsprechen selbst bei Apple nur gut der Hälfte des durchschnittlichen Geldeinsatzes für jährliche Rückkäufe, bei IBM sogar nur 30 Prozent. Anders herum: Bei Verzicht darauf, alte Aktien zu kaufen, könnte IBM Jahr für Jahr 22 Milliarden statt nur fünf Milliarden Dollar in die Zukunft investieren.

Apple ist in Sachen Forschung auch nicht revolutionär, investiert seine Forschungsgelder vor allem in die Verbesserung bestehender Produkte, vorweg in das iPhone. Eine Strategie, mit der CEO Tim Cook Apple als wertvollsten Konzern der Welt etabliert hat.

Einfluss der Notenbanken auf die Börsen seit 2008*
Entwicklung des US-Aktienindex S&P 500 und Bilanzsumme der US-Notenbank Fed seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 *reine Kursentwicklung ohne Dividenden; logarithmische Darstellung;Quelle: Bloomberg
Die expansive Geldpolitik Japans im Vergleich zum japanischen Aktienindex Nikkei seit 2008 *reine Kursentwicklung ohne Dividenden; logarithmische Darstellung;Quelle: Bloomberg
Der Deutsche Aktienindex Dax im Vergleich zur Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB) seit 2008 *reine Kursentwicklung ohne Dividenden; logarithmische Darstellung;Quelle: Bloomberg

Immerhin setzt er dem Anschein nach inzwischen mehr auf Risiko. Seit eineinhalb Jahren wird darüber spekuliert, dass Apple Milliarden von Dollar in die Entwicklung eines eigenen Autos steckt. Je nach Perspektive markierte dies den Einstieg in einen neuen Zukunftsmarkt, in dem Autos noch stärker zum rollenden Computer werden. Oder es ist ein weiteres Zeichen der Ideenlosigkeit unter Cook – schließlich gibt es das Automobil schon seit über 100 Jahren.

Buffet stärkt IBM den Rücken

Der Unterschied zwischen IBM und Apple liegt darin, wofür die Mittel ausgegeben werden. Und so könnte es sein, dass die umstrittene IBM-Chefin Ginni Rometty im Rückblick weitaus innovativer als Apple-Konzernchef Tim Cook sein könnte. Denn Rometty fokussiert ihre Forschungsgelder auf potenzielle Wachstumsmärkte für IBM – beispielsweise auf künstliche Intelligenz beim Auswerten von Daten oder die Informationstechnik-Infrastruktur der Städte von morgen. Darauf hat sie große Wetten abgeschlossen. Sie sind der Grund dafür, dass ihr Investorenlegende Warren Buffett trotz Wachstumsschwäche den Rücken stärkt. „IBM wird prosperieren“, predigt Buffett Geduld. Auf der Aktionärstagung seines Konzerns durfte IBM seine große Hoffnung präsentieren, den Prognoseservice Watson.

Kaum Rücksicht auf Anlegerwünsche

Wenn Konzernchefs richtig kühne Ideen finanzieren wollen, statt zu versuchen, ihren Kurs über Rückkäufe zu pflegen, machen sie sich angreifbar. So wie es die Google-Holding Alphabet, die in Summe keine Aktien zurückkauft, beispielsweise bei ihren „Moonshots“ macht: Projekte, die wie die Mondlandung die Welt verändern und Geschichte schreiben sollen.

Dass Alphabet-Chef Larry Page und Mitgründer Sergey Brin in Projekte wie das Verlangsamen des Alterns oder die Simulation des menschlichen Gehirns investieren, wird von Analysten seit Jahren heftig kritisiert. „Larry kann das durchsetzen, weil er und Sergey das Unternehmen kontrollieren“, sagt Marc Andreessen, einer der bekanntesten Risikokapitalgeber. Ähnlich ist es bei Jeff Bezos von Amazon und Elon Musk von Tesla, die den Weltraum erobern wollen – beides Gründer, die auf die Anlegerwünsche kaum Rücksicht nehmen. Für angestellte Manager grenzt es dagegen an Selbstmord, wenn sie Dinge finanzieren, die als Grundlagenforschung ausgelegt werden könnten.

Hier schlummert die große Gefahr. Denn um nachhaltig zu wachsen, benötigt die Wirtschaft einen modernen Kapitalstock. Ohne Investitionen in neue Maschinen und Anlagen veraltet dieser. Schon seit Jahren hapert es in Amerika an der Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Legten die Ausrüstungsinvestitionen zwischen 2010 und 2012 pro Jahr noch mit zweistelligen Raten zu, geht es seither bergab.

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US-Ökonom Robert Gordon von der Northwestern University in Illinois erklärt dies durch einen strukturellen Mangel an rentablen Investitionsprojekten. Die wachstumsstimulierenden Wirkungen des Computerzeitalters liefen aus, sagt Gordon. Unternehmen hätten die wichtigsten Potenziale für Produktivitätszuwächse, die ihnen das Internet, die Computer und die Digitalisierung bieten, bereits ausgeschöpft. Soll sich das ändern, müssen neue Ideen her.

Und dennoch: Laut Compustat und Goldman Sachs werden die im Index S&P 500 versammelten US-Unternehmen 2016 elf Prozent ihres erwirtschafteten Cash in Forschung und Entwicklung stecken sowie weitere 29 Prozent in längerfristige Investitionen. 1999 waren es noch 12 und 42 Prozent. Wäre diese Entwicklung durchbrochen worden – die Welt wäre um das ein oder andere tolle Produkt reicher.

Wer am meisten Geld für Rückkäufe ausgegeben hat

Die größten Verschwender
Top-50 der S&P-500-Unternehmen, gemessen am größten Mittelverbrauch für Aktienrückkäufe und Dividenden
Unternehmenfreier Cashflow
(in Mrd. $) 
Aktienrückkäufe
(in Mrd. $) 
Dividenden
(in Mrd. $) 
Mehrausgabe
(in Mrd. $) 
Exxon Mobil91–50–85–44
Chesapeake Energy

–34

–20–36
IBM74–19–84–29
Chevron27–34–20–27
ConocoPhillips16–17–20–21
Devon Energy–14–2–4–20
Health Care Reit–13–40–17
Hess –7–1–5–13
Procter&Gamble53–31–34–12
Dominion Resources–5–6–1–12
Yahoo20–13–11
Philip Morris42–26–27–11
Wal-Mart59–25–43–9
Deere & Co2–3–8–9
American Airline–70–1–8
Duke Energy1–90–8
EOG Resources–7–10–8
Travelers11–4–15–8
Southern1–90–8
CBS7–1–14–8
PG&E–4–40–8
Edison–4–2–1–7
Williams–3–40–7
McDonald's21–14–14–7
Southwestern Energy–700–7
Sempra Energy–4–30–7
Motorola Solutions3–1–8–6
PPL–2–40–6
State Street2–2–6–6
Exelon1–70–6
Vicaom10–2–13–5
Illionois Tool8–3–10–5
Prologis–3–20–5
Anthem 11–2–14–5
Apache–2–1–2–5
Reality Income–3–20–5
Avalonbay Communications–3–20–5
Ventas–1–30–4
Nike10–3–11–4
Xcel Energy–2–20–4
Simon Property2–60–4
United Rentals–10–3–4
Noble Energy–3–10–4
Lowe's 13–3–14–4
Intel50–21–33–4
Pepsico31–16–19–4
Equity Residential–1–30–4
3M21–9–16–4
Halliburton3–2–5–4
Ryder System–4–0,3–0,2–4
Gesamt438–368–543–473
Zeitraum 2010 bis 2014; Zahlen auf/abgerundet; Quelle: ARX Value
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