Aktionärsrechte: Showdown bei Abo Wind
Trübe Aussichten für Aktionäre? Der Wind- und Solarparkentwickler Abo Wind will die Rechtsform wechseln.
Foto: dpaDie Aktionärsvertreter auf der außerordentlichen Hauptversammlung (HV) von Abo Wind sind auf Krawall gebürstet. „Mist“, „unanständig“, „Lügner“ sind nur einige der Worte, die in den offiziellen Reden fallen. Vorstand und Mehrheitsaktionäre des Wiesbadener Wind- und Solarparkentwicklers müssen sich am vergangenen Freitag einiges anhören.
Irgendwann während der Generaldebatte verlässt Unternehmensmitgründer Jochen Ahn den Saal. Man kann es ihm kaum verdenken. „Ich bin an meinem Geburtstag nicht mehr so belogen worden, seit meine Mutter mir vor 40 Jahren einen Rumkuchen gebacken und den Rum weggelassen hat“, wetterte kurz zuvor Dirk Hagemann, Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).
Was war passiert? Am 1. Juni (Hagemanns Geburtstag) hatte Abo Wind in einer Ad-hoc-Meldung angekündigt, einen Wechsel der Rechtsform zu prüfen: von der Aktiengesellschaft (AG) zu einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Für Freitag, den 27. Oktober, lud Abo Wind zur außerordentlichen HV in die Industrie- und Handelskammer in Wiesbaden, um über den Formwechsel abstimmen zu lassen.
Einfluss eingeschränkt
Die Vertreter der DSW und der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sehen die Rechtsform der KGaA – vorsichtig ausgedrückt – kritisch. Ebenso der aktivistische Investor Enkraft, der knapp fünf Prozent an Abo Wind hält. Grund: Im Vergleich zur AG sind die Rechte der Minderheitsaktionäre in einer KGaA deutlich eingeschränkt.
Eine KGaA hat persönlich und unbeschränkt haftende Gesellschafter, die Komplementäre. Sie haben deutlich mehr Macht als der Vorstand einer AG und können unter anderem die Beschlüsse der HV aushebeln. Als Komplementärin der Abo Energy KGaA – wie Abo Wind nun heißen soll – ist eine Gesellschaft vorgesehen, die kontrolliert wird von den Familien der Unternehmensgründer, den Familien Ahn und Bockholt. Diese halten derzeit rund 52 Prozent an Abo Wind.
Solange die Familien keine großen Aktienpakete verkaufen, haben sie in der künftigen Abo Energy KGaA laut Satzung das nicht entziehbare Recht auf die Geschäftsführung. Eine Funktion, die in Zukunft womöglich die Kinder der Gründer übernehmen könnten, wie es von Abo Wind mehr oder weniger deutlich heißt. Die Kinder seien „begabte, liebenswerte Menschen“, so Jochen Ahn auf der HV. Gut möglich. Aber sollte man als Aktionär auf das Wort eines stolzen Vaters vertrauen?
Der Formwechsel sei nötig, um das weitere Wachstum des Unternehmens sicherzustellen, argumentiert die Führung von Abo Wind. „Der komplette Vorstand sieht in einem Formwechsel große Chancen. Er wäre zum Wohl des Unternehmens und würde es uns ermöglichen, mehr und größere Wind-, Solar- und Batterieparks schlüsselfertig zu errichten“, sagte Vorstand Karsten Schlageter der WirtschaftsWoche im Juni.
Familien wollen Einfluss sichern
Um das Wachstum zu finanzieren, will Abo Wind weitere Kapitalerhöhungen vornehmen, also neue Aktien ausgeben. Dem wollen die Gründerfamilien aber ohne den Formwechsel nicht zustimmen. Grund: Durch Kapitalerhöhungen würde ihr Aktienanteil verwässert. Falls die Familien nicht selbst einen guten Teil der neuen Aktien zeichneten, was sie offenbar nicht planen, verlören sie an Einfluss. Außer eben in einer KGaA.
Abo Wind weist – nicht zu Unrecht – darauf hin, dass es diverse Unternehmen in der Rechtsform einer KGaA gibt, die an der Börse erfolgreich sind. Der Fotodienstleister Cewe zum Beispiel, oder der Ticketverkäufer Eventim. Mit der Thyssenkrupp-Abspaltung Nucera und Schott Pharma gingen in diesem Jahr zudem zwei Unternehmen in Form einer KGaA an die Börse. Bei Abo Wind stehen Minderheitsaktionäre dem Formwechsel allerdings kritisch gegenüber – nicht zuletzt, weil sie in eine AG investiert haben, nicht in eine KGaA.
Der Aktienkurs hat seit der Ad-Hoc-Meldung am 1. Juni um rund 30 Prozent nachgegeben. Vorstand Schlageter führt den Rückgang am Freitag auch auf die Ankündigung des Formwechsels zurück: „Ich verstehe, dass Sie wütend sind“, sagte er in Richtung der Aktionäre. Später wird auf Probleme der Windbranche und den Kurssturz bei Siemens Energy verwiesen – der allerdings erst deutlich nach dem Absturz der Abo-Wind-Aktie stattfand.
Wut allein reicht nicht aus, um Abstimmungen zu gewinnen. Nach einem regelrechten HV-Marathon bekommt der Antrag auf Wechsel der Rechtsform die nötige Mehrheit. Enkraft legt zwar Widerspruch ein. Fürs Erste sieht es aber so aus, als habe der Kapitalmarkt bald eine KGaA mehr.
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