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"Anleger sind in Panik verfallen" Börsen-Crash oder Korrektur?

Ein Börsenhändler an der New Yorker Börse Quelle: REUTERS

Der Absturz war heftig. Doch die überhitzte US-Börse brauchte eine Korrektur. Was gegen eine Trendwende zur Baisse spricht - und wie der mittlerweile dominante Computerhandel damit zusammenhängt.

Nach dem Kurssturz an der Wall Street rauschen am Dienstag auch die Börsen in Europa in die Tiefe. Der Dax sackte um bis zu 3,6 Prozent auf 12.235 Punkte ab und verzeichnete das größte Minus seit eineinhalb Jahren. Der EuroStoxx50 verlor ebenfalls zeitweise mehr als drei Prozent.

Jetzt fragen sich viele Anleger, ob das nur eine besonders heftige Korrektur des bereits überteuerten US-Aktienmarktes war, die in alle Welt ausstrahlt, oder ob nun die Aktienblase geplatzt ist und ihnen eine lange Phase abwärtsgerichteter Börsen bevorsteht. Dann wäre der Kursverlust vom Montag nur der Auftakt einer lang erwarteten Börsenbaisse.

Der US-Leitindex Dow Jones war am Montag um 4,6 Prozent auf 24.346 Punkte eingebrochen. Zeitweise stürzte er um fast 1600 Punkte ab. Sogleich gab es einen Aufschrei: Der höchste Tagesverlust aller Zeiten! "Viele Anleger sind in Panik verfallen. Alle wollen durch die gleiche Tür", sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners.

Nach Jahren neuer Börsenrekorde ist das aber nur die halbe Wahrheit. Seit Anfang 2009 ging es mit dem Dow Jones fast nur nach oben, bis auf 26.616 Punkte Ende Januar. Der Dax gewann 2017 12,5 Prozent. Trotzdem reagierten Anleger auf den Kursverlust mit raschen Verkäufen. Zulange waren sie von den geringen Schwankungen an den Aktienmärkten verwöhnt gewesen. "Wir haben in den vergangenen 14 oder 15 Monaten keine größeren Kurseinbrüche gesehen, deshalb tut es jetzt umso mehr weh", so Portfoliomanager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview Asset Management.

Zudem war der Tagesverlust im Dow Jones lediglich gemessen in Punkten der höchste jemals verzeichnete. Relativ betrachtet lag der Verlust, gemessen in Prozent zum Vortagesschluss, nur auf Platz 94 der 100 größten seit es den Index in seiner jetzigen Form gibt.

Computer bewegen die Kurse

Doch es mehren sich auch Zweifel an dem Bild panischer Anleger. Verstärkt wurde die Verkaufswelle an der Wall Street nach Einschätzung von Börsianern durch den Boom des Computerhandels - das sogenannte Algo-Trading. Offenbar hätten ausgeklügelte Programme eigenständig Aktien ver- und Staatsanleihen gekauft, sagt Chefhändler Larry Milstein vom Broker R.W. Pressprich. Wenn bestimmte Kurse über- oder unterschritten werden, kann sich der Trend nach oben oder unten verstärken.

Die Computer der Algo-Trader tun aber noch viel mehr, als nur der Anlegerherde hinterherzurennen. Sie werten quasi in Echtzeit Konjunkturdaten aus, analysieren die Nachrichtenlage und blicken tief in die Orderbücher der Börse. Durch die schnelle Informationsverarbeitung nutzen die Algorithmen kleinste Kursunterschiede an verschiedenen Handelsplätzen und setzen Konjunktur- und Unternehmensmeldungen in Mikrosekunden in Tausende Trades um. Ist etwa eine große Verkaufsorder an der einen Börse eingegangen, kaufen die Systeme der Algo-Trader die gewünschten Wertpapiere günstiger an einer anderen Börse – und erhöhen so die Kurse für andere Investoren.

Binnen Mikrosekunden stoßen die Computer die Wertpapiere wieder ab, die Kurse fallen wieder. Ist aber die große Order bedient und sind weitere Algo-Trader mit der gleichen Handelstaktik im Markt unterwegs, verstärken sich die Kursbewegungen nach unten.

In den USA sind inzwischen nach Schätzungen von Accenture für 70 bis 80 Prozent aller Transaktionen automatisierte Computer-Handelssysteme verantwortlich, hierzulande dürften es etwa 60 Prozent sein. Für die Börsenmakler, Banken und Vermögensverwalter hat das unbestreitbare Vorteile: Die Systeme sind weniger fehleranfällig als der Handel von Menschenhand. Sie sind deutlich kostengünstiger. Und sie sind in der Lage, auch aus winzigen Kursnuancen Handelsgewinne zu generieren. Die größten Gefahren gehen hingegen von Programmierfehlern, Hackerangriffen und eben der Verstärkung von Börsenschwankungen aus.

Damit wäre auch erklärbar, warum die Sorge um Leitzinserhöhungen und steigende Inflationsraten so schnell um sich greifen konnte. Verfällt ein großer Investor in Verkaufspanik, breitet sich diese Sorge über die Algo-Trader in Sekundenbruchteilen weltweit aus. Leider ist solch ein Ansteckungsprozess kaum sofort erkennbar. Während in Deutschland automatisierte Orders zumindest als solche gekennzeichnet werden, ist das an anderen Börsen noch nicht Pflicht. Die Auswertung des Handelsgeschehens dauert daher deutlich länger als die Mikrosekunden-Trades der Algorithmen.

Zumindest in den vergangenen Jahren haben sich die Börsen von den durch den Hochfrequenzhandel verursachten Flash-Crashs nach wenigen Tagen erholt. Erinnert sei an den Flash-Crash an der US-Börse 2010 und die dramatischen Kursverluste im Dax im Herbst 2015 und Frühjahr 2016. Danach haben sich die Kurse vergleichsweise schnell erholt. Die Trendwende blieb aus.

Die Frage, ob der Kurssturz am Montag nun Korrektur oder Trendwende zur Baisse war, ist somit erst in der Rückschau klar zu beantworten. Zumindest an den Fundamentaldaten hinsichtlich der Konjunktur hat sich seit Montag nichts geändert. Wenn aber der fundamentale Anlass für eine Trendwende fehlt - wie etwa eine überraschende, deutliche Erhöhung der Zinsen durch die Notenbank - kehren die Märkte binnen kurzer Zeit wieder zu den alten Bewertungsniveaus zurück. Dann wäre der Kurssturz offenbar nur die von Experten lang erwartete Korrektur gewesen.

Bis sich das besser beurteilen lässt, ist es weiterhin zu früh für einen Ausverkauf. Anleger sollten lieber mit Bedacht ihr Depot justieren und sich auf fortgesetzte Kursverluste ebenso vorbereiten wie auf eine zügige Erholung. Panik ist an der Börse jedenfalls ein schlechter Ratgeber.

Mit Material von Reuters.

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