WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Anleihen Brasilien bittet IWF um Gnade

Die Krise in Brasilien spitzt sich zu. Der Staat vergibt mittlerweile mehr Kredite als die Banken. Das Land möchte die Herabstufung durch die Ratingagenturen mit ungewöhnlichen Mitteln verhindern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Christus-Statue auf dem Zuckerhut in Rio de Janeiro: Mehr als 50 Prozent der ausstehenden Kredite in Brasilien entfallen auf staatlich kontrollierte Banken. Quelle: dpa

Brasilien droht ein neuer Rückschlag. Weil die Kreditvergabe durch staatliche Banken die Ausleihungen privater Banken übertrifft, droht dem südamerikanischen Land eine Herabstufung seines Ratings durch Standard & Poor's. Brasilien bittet deshalb um Gnade – das Land fragt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) an, ob die Institution seine Schuldenberechnung anpassen könnte.

Auf staatlich kontrollierte Banken entfielen im Juni in Brasilien 50,3 Prozent der ausstehenden Kredite - der Anteil übertraf damit laut Nachrichtenagentur Bloomberg erstmals seit mindestens zehn Jahren die Kreditvergabe aller anderen Kreditinstitute. Das Dilemma: Die Ausleihungen staatlicher Banken wuchsen im ersten Halbjahr 2013 sechsmal so schnell wie die privater Banken und ausländischer Kreditinstitute.

Das lässt die Kreditwürdigkeit des Landes auf dem Markt für Kreditausfall-Swaps so stark schwinden, wie bei keinem anderen BRIC-Land, wozu neben Brasilien auch Russland, Indien und China zählen.

Brasilien hat die Kreditvergabe verstärkt, um auf das flauere Wirtschaftswachstum und die geringeren Ausgaben von Privathaushalten zu reagieren. Die Bruttoverschuldung des Landes ist damit auf 68,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angestiegen - laut IWF die höchste Quote unter den BRIC-Ländern. Finanzminister Guido Mantega sagte, die Berechnungen der Washingtoner Organisation wiesen die Verschuldung Brasiliens übertrieben hoch aus.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Unverdrossen erklärte die Ratingagentur Standard & Poor's im Juni, sie werde das “BBB“-Kreditrating des Landes senken, wenn sich die Regierung weiterhin auf staatliche Banken verlasse, um das Wachstum zu stützen.

    „Die Regierung geht steigende Risiken ein”, sagte Klaus Spielkamp, Anleihehändler bei Bulltick Securities. “Der Markt macht sich Sorgen um Brasilien, wegen den Infrastrukturinvestitionen, dem Mangel an Kapazität für mehr Wachstum, das die Regierung so dringend fördern will. Wir sehen, dass all diese Dinge nicht passieren, und daher ist der Markt besorgt.”


    Milliardenausgaben für die Konjunktur

    Mantega hatte am 25. Juli den IWF gebeten, Staatsanleihen, die von der Zentralbank gehalten werden, aus der Ermittlung der Bruttoverschuldung herauszurechnen, berichtet Mansueto Almeida, Ökonom am staatlichen Institut für angewandte Wirtschaftswissenschaften IPEA in Brasilia. Der brasilianische Fiskus hat in den vergangenen fünf Jahren Kredite im Volumen von 413 Milliarden Real (135,6 Milliarden Euro) an staatliche Banken vergeben. Die Regierung beziffert ihre Bruttoverschuldung mit nur 59 Prozent vom BIP und fürchtet, die IWF-Berechnung von 68,5 Prozent könnte zu einer Fehleinschätzung ihrer finanziellen Lage führen. Das schrieb Mantega in einem Brief an IWF-Chefin Christine Lagarde.

    Die Organisation werde Mantega nach Prüfung der Angelegenheit antworten, erwiderte IWF-Sprecher Raphael Anspach. Das Pressebüro des Finanzministeriums wollte sich nicht äußern.

    S&P drohte im Juni, die Kreditwürdigkeit Brasiliens zu senken - auch deshalb, weil sich Brasiliens Haushaltslage nicht verbessere. Die Bewertung Brasiliens entspricht der von Russland und liegt eine Stufe über der von Indien mit “BBB-”.

    „Eine Strategie, die sich auf Fiskalpolitik oder der Kreditvergabe durch staatliche Banken stützt, um eine wichtigere antizyklische Rolle bei der Förderung der wirtschaftlichen Aktivität zu spielen, könnte zu einem derartigen Anstieg der Verschuldung führen, dass sie nicht mehr mit unserem derzeitigen Rating vereinbar ist”, schrieben S&P-Analyst Sebastian Briozzo und seine Kollegen in einer Bewertung des Ratingausblicks für Brasilien.

    Mit einer vom IWF gemessenen Quote von 68,5 Prozent hat die Bruttoverschuldung Brasiliens im vergangenen Jahr die von Indien überholt und ist damit die höchste unter den BRIC-Ländern. Indiens Bruttoverschuldung lag bei 66,8 Prozent, die von Mexiko bei 43,5 Prozent und die von Brasiliens Nachbar Argentinien bei 44,9 Prozent.


    Staatliche Banken drehen Kredithahn auf

    „Auch mit Mantegas Methodik würde sich nichts an der Tatsache ändern, dass Brasiliens Bruttoverschuldung gemessen am BIP eine der höchsten unter Schwellenländern weltweit ist“, sagte Almeida.

    Staatliche Banken wie Caixa Economica Federal und Banco do Brasil haben in diesem Jahr ihre Kreditvergabe verstärkt, da das Wirtschaftswachstum Abkühlungsanzeichen zeigt. Das BIP stieg in den ersten drei Monaten 2013 gegenüber dem Vorjahr um 1,9 Prozent, nachdem die Ausgaben der privaten Haushalte auf den tiefsten Stand seit 2011 gefallen waren, und verfehlte damit die Medianschätzung von Analysten von 2,3 Prozent.

    „Die Regierung hat ihr Engagement verstärkt, weil sie sich um die Finanzierung des Wachstums sorgt”, sagte Spielkamp von Bulltick Securities in einem Telefoninterview aus Miami. „Wenn der Privatsektor nicht bereit ist die Finanzierung zu leisten, dann wird die Regierung sie selbst zur Verfügung stellen.”

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%