Athen lässt Börsen beben Ist der Griechenland-Börsencrash nur verschoben?

Die Börsen haben sich von ihrem Einbruch am Morgen etwas erholt, der vorläufige Crash hat sich zu mittleren Kursverlusten gemausert. Nun heißt es für Anleger abwarten. Dabei könnten sich Einstiegschancen ergeben.

DAX fällt wegen Griechenland um 4 Prozent. Quelle: dpa Picture-Alliance

Die Spannung am Wochenende war groß: wie würden die Börsen auf das sich zuspitzende Griechenland-Drama reagieren? Kommt der große Crash, oder wird es nur ein sanfter Sinkflug ein bis zwei Börsenetagen nach unten? Zunächst standen alle Uhren auf Crash. Die roten Felder auf den Computerbildschirmen der Börsenhändler blitzen in Sekundenschnelle auf.

An vielen europäischen Handelsplätzen hat das Drama um den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone die Kurse kräftig abrutschen lassen, teilweise so stark wie seit Jahren nicht mehr. Weil auch die Börsen in Asien deutlich einbrachen, war das Gewitter auf den Finanzmärkten vorerst perfekt. Dennoch wollen die meisten Analysten von einem nachhaltigen Crash nichts wissen, sie rechnen kurzfristig eher mit einer Crash-Pause. Warum?

Schon im Verlauf des Tages erholten sich viele Börsen wieder, auch die Frankfurter. Kurz nach der Eröffnung war der Dax noch um mehr als vier Prozent in die Tiefe gerauscht, rund 500 Punkte gab der Leitindex nach.

Börsianer erlebten den größten Kursrutsch seit dreieinhalb Jahren. Schon im Verlauf des Vormittags pendelten sich die Verluste bei einem Minus von etwas mehr als drei Prozent ein, am Nachmittag waren es zeitweise auch nur noch etwas mehr als zwei Prozent. Der Dax konnte also einen großen Teil seiner anfänglichen Verluste wieder gutmachen. Gut möglich, dass einige Anleger die gesunkenen Kurse zum Kauf genutzt haben. "Wir sehen Marktturbulenzen als Einstiegschancen", sagt Asoka Wöhrmann, Chef-Anleger der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank.

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

Entsprechend zwiegespalten ist die Stimmung an den Börsen. Viele Beobachter gehen weiter davon aus, dass es auch im Fall eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone nur zu einem kurzen Beben an den Börsen kommen wird. Auch der aktuelle Kursverlauf wird als Indiz dafür gesehen. "Ein Chaos sieht anders aus", sagt Anton Börner, Präsident des Handelsverbandes BGA. Er habe mit Rückgängen von rund 15 Prozent an den Börsen gerechnet. Auch Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erwartet weiterhin keinen Crash an den Börsen, auch nicht im Fall eines Grexits. „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft intakt“, sagte Tüngler. Der Rückschlag werde nicht von Dauer sein.

Die Mehrheit geht davon aus, dass die fundamentalen Folgen eines Austritts Griechenlands beherrschbar für die Wirtschaft wären. "Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland, aber für Deutschland spielt das keine Rolle", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Allerdings gibt es auch etwas vorsichtigere Stimmen. "Man muss abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen", sagt Johannes Mayr, Ökonom bei der BayernLB.

"So nah am Grexit waren wir noch nie", räumt auch NordLB-Analyst Bernd Krampen ein. In der Form sei das nicht eingepreist gewesen. Für die nächsten Tage rechnet Krampen allerdings nicht mehr mit vergleichbaren Rücksetzern. "Vieles deutet darauf hin, dass die endgültige Entscheidung erst nach dem nächsten Wochenende fällt", sagt Krampen. Auch wenn am Dienstag die Frist für den Hellas-Kredit beim Internationalen Währungsfonds (IWF) abläuft, dürften Börsianer also relativ ruhig bleiben.

Das liegt auch daran, dass mit den Kapitalverkehrskontrollen endlich die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt wurden. Griechen bekommen am Geldautomaten nur noch 60 Euro pro Tag, Banken und Börsen sind geschlossen und öffnen erst am kommenden Montag wieder. Sollte es noch zu einem richtigen Marktbeben kommen, droht das ebenfalls am Montag, wenn die Märkte möglicherweise mit dem Ergebnis des Referendums umgehen müssen. Zuvor wird es darum gehen, wie viele Fakten über das geplante Referendum vorab durchsickern. Wie sieht die Entscheidung konkret aus, welche Frage wird den Griechen gestellt, welche Antwortmöglichkeiten gibt es.

Vorerst dürfte also weiterhin die Unsicherheit die Oberhand an den Märkten haben. Da das Gift für die Börsen ist, hat die Berliner Wohnungsfirma ADO Properties ihren eigentlich für Dienstag geplanten Börsengang vorerst auf Eis gelegt. "Bis auf weiteres" sei die Emission verschoben, so das Unternehmen. Ein Börsengang in einem so unsicheren Kursumfeld ist riskant und nicht unbedingt erfolgversprechend.

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