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Banca Monte dei Paschi Warum das die gefährlichste Bank Europas ist

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Die Sieneser tun, als sei nichts gewesen

„Der Geist hier“, sagt Davide Usai, „ist an vielen Stellen noch der alte, auch wenn die Menschen neu sind.“ Das Telefon klingelt, er muss abnehmen, es ist wichtig. Der Bürgermeister. Man hat ein gutes Verhältnis, gegenseitiges Verständnis. Es geht mal wieder um Kultur, eine Ausstellung. Am Ende aber kommt doch wieder die gleiche Frage des Bürgermeisters an Usai: „Können Sie nicht etwas dazu geben?“

In diesen Momenten stockt dem Mann, der in seiner Ruhe durch wenig zu erschüttern wirkt, der Atem. „Wir haben allein seit 2009 als Stiftung sechs Milliarden verloren.“ Statt wie früher mehr als 50 Prozent hält man heute noch 1,5 Prozent der Anteile an der Bank. Das jährliche Budget ist von im Schnitt 150 Millionen auf 2,5 Millionen Euro zusammengefallen. Das Jahr 2016 ist das erste nach drei Jahren, in dem die Stiftung überhaupt wieder Geld ausgeben kann.

Das Modell der Symbiose aus Bank, Politik und Gesellschaft wankt

Und dennoch tun viele Sieneser so, als sei nichts gewesen. „Viele in der Kommune und im gesellschaftlichen Leben hier wollen einfach nicht verstehen, dass das Geld weg ist – und nie wieder kommt“, sagt Usai. Jeder hat mitbekommen, dass es der Bank nicht gut geht; aber niemand mag sich eingestehen, dass man hier ein Jahrzehnt lang über dem eigenen Niveau gelebt hat. Einer Stadt, die von 544 Jahren 539 Jahre lang sehr vieles richtig gemacht hat, ihren Selbstbetrug beizubringen. Wie soll das gehen?

Wissenswertes über Italien

Womöglich mit Hilfe einer Realität, die nicht mehr zu leugnen ist. Siena mag das schillerndste, größte, tragischste Beispiel aus der Krise des italienischen Staatskapitalismus sein -  es ist nicht das einzige. Und überall in Italien wankt dieses Modell einer Symbiose aus Banken, Politik und Gesellschaft in diesen Wochen. Weil die Wirtschaft des Landes seit Jahren stagniert, steigt die Zahl der faulen Unternehmenskredite in den Bankenbüchern. Sollen sie diese abschreiben, geht das fast immer auf Kosten des gesellschaftlichen Lebens vor Ort.

Stiftung plant Rückzug aus der Banca

Die Konstruktion aus Bank, Bevölkerung und Stiftung ist in Siena nämlich keine Ausnahme. Landesweit haben sich die Italiener mit 31 Milliarden Euro über nachrangige Anleihen an ihren Banken beteiligt. 30 Prozent der Anteile an Italiens Banken werden laut einer Regierungseinschätzung von Stiftungen gehalten, die damit mehr oder weniger das Gemeinwohl fördern. Und wie in Siena wankt dieses System überall, sobald die jeweilige Bank kriselt. 20 Milliarden Euro sind so seit 2008 an Stiftungsvermögen in Italien verpufft.

In Siena versuchen sie es jetzt deswegen mit einem radikalen Schnitt: dem Komplettrückzug aus der Bank. „Warum sollte ich interessiert sein, eine Bank zu kontrollieren?“, fragt Usai. Und der Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass dies eine rhetorische Frage ist. „Am besten wäre es, die Bank fände jemanden, der einen Mehrheitsanteil kauft.“ Freilich ist das keine ganz einfache Sache. Zum einen: Wer außer dem staatlichen Rettungsfonds Atlante bindet sich eine solche Bank ans Bein? Und: Selbst wenn sich ein Käufer findet, was passiert mit der Stadt? 2000 Menschen in Siena arbeiten für die Bank. Der Verkauf ist wie die dritte Stufe einer Katastrophe: Erst versiegte das Geld der Stiftung, dann verlieren die Anleihen der Bürger ihren Wert und schließlich 2000 gut bezahlte Bankmitarbeiter einer Mittelstadt ihren Arbeitsplatz. Nun diskutiert man, ob der private Rettungsfond Atlante einen Teil der faulen Kredite kauft.

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