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Banca Monte dei Paschi Warum das die gefährlichste Bank Europas ist

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Großteil der Stadt-Elite ist angeklagt

Der Staat schickte zwar Geld, aber nur unter der Prämisse, den Filz aus Stiftung und Bank zu zerschlagen, den alten Vorstand abzusetzen. Beim Blick in die Bücher stieß das neue Management auf allerlei unschönes, weswegen sich noch heute ein Großteil der Stadt-Elite mit juristischen Ärgernissen herumschlägt: Bürgermeister und Bankmanager sind genauso angeklagt wie ehemalige Stiftungsfunktionäre. Beim örtlichen Basketball-Manager fand man 1,2 Millionen Euro in bar, der ehemalige Pressechef der Bank brachte sich mit einem Sprung aus dem Fenster selbst ums Leben.

Seitdem ist in Siena wenig, wie es war: Die Universität hat ein Drittel der Studenten verloren, das von der Stiftung bezahlte Siena Biotech-Centre meldete Insolvenz an, statt mehr als 100 Millionen Euro schüttete die Stiftung zwischen 2013 und 2015 gar kein Geld mehr aus.

"Großes Rachebedürfnis"

Das war die Lage, die Usai vorfand, als er seinen Dienst antrat. Er, ein Mann von außen. Unbelastet, ohne Netzwerk in Stiftung, Bank und Stadt.

Er versucht nun, aufzuräumen in Siena. „Es gibt hier ein großes Rachebedürfnis in der Region“, sagt Usai und reiht jedes Wort so bedächtig an das vorangegangene, dass erst gar keine weiteren Emotionen aufkommen. „Auch dieses müssen wir eindämmen.“  Die Stiftung hat deswegen Klagen über drei Milliarden Euro gegen ehemalige Manager, Geschäftspartner und andere Banken laufen. Zu den Geschäftspartnern von einst zählten etwa JP Morgan oder Credit Suisse. Ob sie heute noch zu den Beklagten gehören, dazu äußert sich in Siena niemand. Überhaupt versucht man derzeit, auf dem Vergleichswege Lösungen zu finden. „Sonst beschäftige ich mich damit in zehn Jahren noch, falls man mich dann noch lässt“, sagt Usai.

Ende Juni sickerte ein Brief der Europäischen Zentralbank an die Bank durch: Die Bank solle ihre faulen Kredite über etwa 47 Milliarden Euro (von 111 Milliarden Euro Gesamtkreditvolumen) bis 2018 um 30 Prozent abbauen. Die Bank war bis dahin von 3,5 Milliarden Euro ausgegangen. Das Problem ist: Markt und Bank haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel die Kredite noch wert sind. Die Anlagegesellschaft Bernstein veröffentlichte Anfang Juli eine Schätzung, dass die 40 Prozent der MPS-Kredite, die als notleidend einzustufen seien, eigentlich nur ein Viertel des bilanzierten Wertes wert seien. Stimmt das, verlöre die Bank eine weitere Milliarde. Das Kernkapital der Bank würde unter die Grenze sinken, die die EZB als Minimum definiert hat.

Die Ersparnisse der Bürger von Siena sind in Gefahr

Zwar hat die Bank seit dem Höhepunkt der Krise dank staatlichen und privaten Kapitals bis zu zehn Milliarden Euro an Eigenkapital hinzugewonnen. So recht will sich das aber nicht in der Bilanz bemerkbar machen. Und so braucht das Institut nun, rechnen Analysten der Großbank Morgan Stanley, bis zu sechs Milliarden Euro frisches Kapital.

Das mindestens genauso große Problem aber: Die Menschen aus Siena haben nicht nur über Jahre von den Ausschüttungen der Bank profitiert – sie haben ihr auch über Jahre Obligationen abgekauft; nachrangige Anleihen, die hübsch verzinst waren. Das Volk von Siena hätte so doppelt profitiert: Von den Ausschüttungen der Stiftung und von den Zinsen der Anleihen. Papiere im Wert von fünf Milliarden Euro halten die Sieneser auf diese Art etwa. Es sind die Papiere, die als erstes Wert verlören, wenn die Bank ihre Kredite nun abschriebe, ohne dass der Staat weiteres Geld hinzugibt.

Und der Volkswille äußert sich entsprechend.

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