Bankaktien: „Wer Shortselling verbietet, der verbietet die Wahrheit“
Eine Fernsehmoderatorin berichtet von der Deutschen Börse, während in Frankfurt auf einem Bildschirm die Grafik des Deutschen Aktienindex DAX gezeigt wird.
Foto: REUTERSIn den vergangenen zwei Monaten sind vier große Banken gescheitert, weil sie das Vertrauen ihrer Kunden verloren haben. Die Kunden haben ihre Einlagen dann woanders angelegt. Viele Banken dachten, die Zinssätze würden für immer bei Null liegen. Sie haben lang laufende Kredite vergeben, um zumindest niedrige Renditen zu erzielen. Nun sind sie nicht mehr in der Lage, einen marktüblichen Zinssatz für ihre Einlagen zu zahlen, was bedeutet, dass sie ihre Vermögenswerte nicht rentabel finanzieren können.
Jetzt, nachdem sie das Geld ihrer Kunden verloren haben, wollen die zuvor so optimistischen Banker Shortseller verbieten. (Anm. der Red.: Shortseller verkaufen Aktien, die sie zuvor geliehen haben, und profitieren so von fallenden Kursen. Solche Leerverkäufe können die Kurse angeschlagener Aktien weiter nach unten drücken.) Skeptische Stimmen, die es gewagt haben, ihre Bedenken gegenüber diesem Geschäftsmodell der Banken öffentlich zu machen, wollen sie verfolgen und zum Schweigen bringen.
Wilde Spekulation, hohle Geschäftsmodelle
Bis vor kurzem befanden wir uns in einem Bullenmarkt der wilden Spekulation mit hohlen Geschäftsmodellen, angetrieben durch die Flut des kostenlosen Geldes. Jetzt, da das Geld teuer geworden ist, ist es plötzlich unfair, dass Aktienkurse nicht nur steigen, sondern auch fallen können. Es ist viel einfacher, die Schuld daran den Leerverkäufern, die auf fallende Kurse setzen, in die Schuhe zu schieben, als zu seiner eigenen Dummheit zu stehen.
Jedes Unternehmen an der Börse hat sich dazu entschlossen, sich der öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen. Zu dieser Öffentlichkeit gehören auch Anleger, die Aktien leerverkaufen. Um ihr Marktrisiko abzusichern und ihre Rendite von der der meisten Fonds zu unterscheiden, deren Performance ausschließlich davon abhängt, in welche Richtung sich der Markt bewegt. Dabei sind die von Leerverkäufern kontrollierten Vermögenswerte im Vergleich zu denen der traditionellen Anleger winzig. Aktien der gescheiterten Banken waren nicht einmal besonders beliebte Ziele der Leerverkäufer. Die Unterstellung, deren Aktienkurse würden unter dem Gewicht der Leerverkäufe zusammenbrechen, ist nur ein bequemer Mythos.
Noch viele Banken werden scheitern
Unternehmen scheitern nicht, wenn ihr Aktienkurs sinkt, sondern wenn ihnen das Geld ausgeht. Keine Regierung wird den Sparern verbieten, einen marktüblichen Zinssatz für ihre Einlagen zu erhalten. In den kommenden Monaten werden viele weitere Banken scheitern, die nur für eine Welt der Nullzinsen ausgelegt sind – unabhängig von den Aktionen der Investoren, die die Zukunft vorausgesehen haben.
Die wenigen professionellen Leerverkäufer sind in einzigartiger Weise motiviert, einige Aktien scheitern zu sehen, aber ebenso sind die viel zahlreicheren traditionellen Anleger ausschließlich an steigenden Aktienkurse interessiert. Das possierliche Marketing von Banken und Analysten, das oft als Research getarnt ist und dummes Kapital in Luftschlösser von Geschäftsmodellen lockt, wird nicht kritisiert. Dabei stammt das einzige Research, das einer professionelle Due-Diligence-Prüfung nahekommt, heutzutage oft von Leerverkäufern. Ein Marktpreis spiegelt nur die durchschnittliche Meinung über eine Aktie wieder.
Die Wahrheit aber setzt sich fast immer durch, auch wenn sie nur von einer Minderheit vertreten wird. Wer Leerverkäufe verbietet, der verbietet die Wahrheit.
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