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Barron's Roundtable 2018 "Aktien sind so teuer, dass es wehtut"

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"Inzwischen macht sich Irrationalität breit"

Das zweite große Risiko?
Ellenbogen: Es gibt strukturelle Argumente für weniger Inflation, aber auch konjunkturelle Gründe für mehr Inflation – ebenfalls mit Technologiebezug. Uber und Lyft beschäftigen in den USA gemeinsam rund 1,3 Millionen Fahrer. Binnen zwei Jahren werden mehr Leute für diese beiden Plattformen arbeiten als für Wal-Mart. Ein Fahrer dort verdient etwa 17 Dollar pro Stunde, das ist überdurchschnittlich viel.

Gundlach: Nach manchen Berechnungen liegt die Lohninflation bei 3,5 Prozent. Außerdem: Wenn tiefere Steuern die Unternehmen dazu bringen, ihr US-Geschäft auszuweiten, sollte das nicht auch die Inflation anschieben?

Cohen: Das ist möglich.

Scott Black: Wegen der Steuerreform könnten rund 600 Milliarden Dollar zurückgeführt werden. Aber das Kapital wird sicher nicht voll in Sachinvestitionen fließen. Techfirmen in Singapur oder Malaysia sind praktisch steuerbefreit: Für sie gelten Steuersätze von null bis vier Prozent. Sie werden keine Fabriken in die USA verlegen, wenn sie in Asien Steuerfreiheit genießen. Ich sehe nicht, wie die Steuerreform das Wachstum ankurbeln soll. Es mag zynisch klingen, aber ein Großteil des Geldes wird auf den Konten des Managements landen.

Gabelli: Stopp! Das neue Steuergesetz sieht vor, dass ein Unternehmen für den CEO maximal eine Million Dollar Gehalt von der Steuer absetzen kann. Bisher galt die Grenze nur für Fixgehälter, nicht für Boni. Das heißt, die Entgeltstruktur für Manager wird sich komplett ändern.

Was Anlegern 2018 die Partylaune verderben könnte
Aggressive Zinserhöhungen der US-NotenbankenWegen des kräftigen US-Wachstums könnte die US-Notenbank die Zinsen schneller anheben als gedacht. Analysten rechnen bislang meist damit, dass die Fed den Schlüsselsatz 2018 wie von ihr signalisiert drei Mal anhebt. Eine aggressivere Straffung der Geldpolitik würde die Renditen der Staatsanleihen nach oben treiben, sagt Portfolio-Manager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview. Dadurch würden Bonds zu einer ernstzunehmenden Anlage-Alternative zu Aktien. Quelle: REUTERS
Anstieg der InflationAls möglichen Auslöser für eine raschere Straffung der Geldpolitik sehen Experten einen kräftigen Anstieg der Inflation. "Dies könnte für die Aktien- und Anleihemärkte zu einem Wendepunkt werden", betonen die Analysten der Bank of America Merrill Lynch. In Europa könnte die anziehende Teuerung die Diskussion um einen raschen Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus ihrem Anleihe-Ankaufprogramm befeuern. Quelle: dapd
WahlenDie für März erwartete Parlamentswahl in Italien ist für Raphael Chemla, Leiter Finanz- und Hochzinsanleihen beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild, das größte politische Risiko in Europa. Ein Sieg der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung würde Anleger nervös machen. In den USA werden im Herbst Teile des Kongresses neu gewählt. "Sollten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus, im Senat oder in beiden Kammern verlieren, wäre das ein großer Belastungsfaktor für die Märkte", warnt John Praveen, Chef-Anleger des Vermögensberaters Prudential. Denn damit werde es für US-Präsident Donald Trump schwerer, seine Wahlversprechen umzusetzen. Quelle: dpa
Politische SpannungenWiederaufflammende Spannungen zwischen den USA und Nordkorea sowie im Nahen Osten sind nach Ansicht von Keith Leiner, Chef-Analyst des Vermögensverwalters SunTrust, ebenfalls große politische Risikofaktoren für die Aktienmärkte. "Außerdem schwingt das Pendel weltweit in Richtung Populismus und Nationalismus." Quelle: dpa
Überzogene BewertungenViele Firmen erhoffen sich zwar durch die jüngst beschlossenen US-Steuersenkungen zusätzliche Gewinne im kommenden Jahr. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass der Anstieg ausreicht, um die bereits hohen Aktienbewertungen zu rechtfertigen. Im US-Index S&P 500 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 18,5. Das bedeutet, dass der Aktienkurs den Gewinn je Aktie um das 18,5-fache übertrifft. Das ist der höchste Wert seit 2002. Im Dax liegt das KGV mit 16,2 ebenfalls über dem langjährigen Mittel von rund 15. Das Risikobarometer der Citigroup signalisiere eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Aktienkurse 2018, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege für die USA bei der Großbank. Quelle: AP
Turbulenzen bei Bitcoin & Co.Die große Unbekannte für die Aktienmärkte ist die Entwicklung des Bitcoin. Der Kurs der Cyber-Devise stieg bis Mitte Dezember 2017 auf fast 20.000 Dollar. Diese Aufwärtsdynamik verpuffte jedoch im neuen Jahr, der Bitcoin fiel wieder auf rund 7000 Dollar. Mitte Februar notierte die Kryptowährung wieder um die 10.000 Dollar. Die Schwankungen spiegeln wider, dass große Unsicherheit unter den Anlegern herrscht und immer mehr professionelle Anleger auf dem engen Markt mitmischen, die ihr Portfolio jenseits des Aktienmarktes breiter aufstellen wollen. Quelle: REUTERS

Black: Okay, dann geht das Geld eben in Dividenden und Aktienrückkäufe.

Cohen: Die Verlagerung von Forschung und Entwicklung ins Ausland war teilweise steuerlich motiviert. Aber auch Änderungen in der Einwanderungspolitik haben dazu beigetragen. An US-Universitäten besaßen zeitweise zwei Drittel der Doktoranden in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern nicht die US-Staatsbürgerschaft. Wir bilden diese Leute immer noch aus, aber sie gehen zurück in ihre Heimatländer oder dorthin, wo US-Konzerne Forschungszentren errichtet haben.

Paul Wick: Henry hat über den Deflationseffekt im Techsektor gesprochen. Aber in der Halbleiterindustrie springen die Preise an. Auch Smartphones werden teurer. Wenn Inflation und Zinsen anziehen, haben Aktien wie Netflix und Tesla ein Problem.

Die Investmentideen von Anlageguru Henry Ellenbogen

Priest: Da hat Paul recht. Wenn die Zinsen steigen, wirkt sich das negativ auf Wertpapiere mit langer Restlaufzeit aus. Das gilt für die Techbranche und den Anleihemarkt, aber auch für Aktien. Aktien wie Netflix und Tesla sind eigentlich Optionen, Wetten auf eine ferne Zukunft. Wenn die Zinsen in den Optionsmodellen steigen, geht der Gegenwartswert der Erwartungen nach unten.

Zurück zur Wirtschaft: Mario, was erwarten Sie für 2018?
Gabelli: Ich bin optimistisch für die US-Wirtschaft. Niedrigere Steuern treiben das Wachstum. Zwei Problembereiche gibt es: Auto- und Studentenkredite. Zahlungsausfälle bei Autokrediten werden den Autoabsatz bremsen, Studentenkredite sind ein großes soziales Problem.

Das Steuergesetz ist jetzt durch, kommt Donald Trump als Nächstes mit einem Infrastrukturgesetz?
Gabelli: Es könnte bald ankündigt werden. Das hätte einen stark stimulierenden Effekt für Branchen wie Schifffahrt, Eisenbahn, Straßenbau und Flughäfen.

Die Investmentideen von Anlageguru Mario Gabelli

Oscar, Sie sind so still. Was erwarten Sie?
Oscar Schafer: Ich nehme an, die Wirtschaft wird schneller wachsen, als weithin erwartet wird. Die Unternehmen werden Kapital in die USA zurückführen. Das stimuliert das Wachstum. Die Inflation wird niedriger sein als angenommen. Sogar die Gesundheitskosten steigen nicht mehr so stark. Die Fed fürchtet seit Jahren höhere Inflation, doch sie kommt nicht. Aber inzwischen macht sich Irrationalität breit.

Gabelli: Apropos Irrationalität – wollen Sie vielleicht meine Bitcoins?

Gundlach: Als an den Terminbörsen Futures eingeführt wurden, mit denen man auf die künftige Entwicklung des Uranpreises wetten kann, gab es zuvor eine unglaubliche Hausse. Seither ist der Uranpreis nicht mehr an die damaligen Spitzenwerte herangekommen. Auch bei Bitcoin ist der Kurs nach Einführung der Futures eingebrochen. Das Muster scheint sich zu wiederholen.

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