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Berichtssaison an der Börse Wie Anleger eine Bilanz entschlüsseln

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Die Bilanz - Unternehmenswert zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Unter den Aktiva einer Bilanz finden sich die Vermögenswerte eines Unternehmens. Einige Positionen sich jedoch schnell als Seifenblasen entpuppen, wenn die Geschäfte nicht wie geplant laufen.

Wo stehen die Vermögenswerte?

Die Bilanz soll Aufschluss über den Wert eines Unternehmens geben, indem sie alle kurz- und langfristigen Vermögensbestandteile (Aktiva) der Kapitalisierung des Unternehmens, also der Summe aus Eigenkapital und Schulden (Passiva) gegenüberstellt. Die Summe aller Aktiva muss der Summe der Passiva entsprechen. Anders ausgedrückt: Auf der Aktiva-Seite einer Bilanz steht alles für das Unternehmen werthaltige, auf der Passiva-Seite ist aufgelistet, in welchem Umfang diese Vermögenswerte aus dem Eigenkapital oder durch Schulden finanziert wurden. Zum Leidwesen der Investoren stecken in einer Konzernbilanz zahlreiche Schätzungen, Prognosen und Annahmen über die Zukunft.

Was sind die Aktiva?

Auf der Aktiva-Seite sind sowohl das langfristige Anlagevermögen, etwa Maschinen und Produktionsanlagen, Gebäude oder Grundstücke (Sachanlagen) sowie Beteiligungen, vergebene Kredite oder strategische Wertpapierbestände (Finanzanlagen) aufgeführt. Besitzt ein Unternehmen Markenrechte oder Patente, so sind diese unter „immaterielle Vermögensgegenstände“ mit ihrem Wert aufgeführt. Während immaterielle Vermögensgegenstände, Sachanlagen und Finanzanlagen zu den langfristigen Vermögensgegenständen zählen, gehören zum kurzfristigen Umlaufvermögen Posten wie bevorratetes Material, Forderungen (offenen Kundenrechnungen), schnell veräußerbare Wertpapiere und Bankguthaben.

Welche Zahlen sind für Anleger wichtig?

Gerade die langfristigen Vermögensgegenstände sollten sich Anleger genauer ansehen. Denn viele davon sind mit erheblichen Unsicherheiten verbunden, weil es für die einzelnen Posten oftmals keinen klaren Marktpreis gibt. Dann wird der Wert dieser Positionen anhand eines Finanzplans, den das Management aufstellt, geschätzt. Dabei wird auch weit in die Zukunft kalkuliert und anschließend auf den heutigen Zeitwert zurückgerechnet - finanzmathematisch spricht man von abgezinst oder diskontierten Werten. Besonderes Augenmerk verdienen die immateriellen Vermögensgegenstände, die finanziellen Vermögenswerte und die aktiven latenten Steuern - denn sie sind mit großen Unsicherheiten verbunden.


Der große Bilanzcheck

Worauf Anleger achten sollten

Bei den Bewertungen des Vermögens auf der Aktiva-Seite können die Unternehmen oftmals unter alternativen Methoden auswählen. Einige Posten unter Sachanlagen werden zum Beispiel nur mit ihrem Anschaffungspreis gebucht und dann über ihre Nutzungsdauer abgeschrieben. Fahrzeuge werden deshalb oft nach fünf Jahren bilanziell wertlos, weil steuerlich nur eine Nutzungsdauer von fünf Jahren unterstellt wird. Damit sinkt ihr bilanzieller Wert jedes Jahr um ein Fünftel, dann spielen sie keine Rolle mehr, obwohl sie noch für etliche tausend Euro verkauft werden könnten.

Andere Posten werden aber mit dem sogenannten „Fair value“, also ihrem fairen Wert, in der Bilanz verbucht werden. Das soll zu realistischen Bilanzgrößen führen, weil die Fair-value-Methode versucht, sich einem Marktpreis anzunähern. Problematisch ist das aber zum Beispiel bei den immateriellen Vermögensgegenständen, zu denen unter anderem werthaltige Rechte und Patente gehören können, aber auch Firmenwerte von zugekauften Tochtergesellschaften. Solange ein Konzern seine Rechte - zum Beispiel Markenrechte - nicht verkauft, kann es nur schätzen, wie viel diese wert sind. Und sind sie unverkäuflich, wären sie eigentlich auch bilanziell nichts wert. Erhöht ihr Besitz jedoch den Ertrag eines Unternehmens jetzt oder in der Zukunft, können hier erhebliche Summen stehen, die mit Prognoseunsicherheiten behaftet sind. Das können auch Ausgaben für Forschung und Entwicklung sein, die noch nicht zu marktreifen Produkten geführt haben. Derlei Aufwendungen sind insbesondere in der Automobil- und Pharmabranche sehr hoch, ihr Wert ist aber an Erfolge in der Zukunft geknüpft.

Beispiele für Aktivposten

In der Bilanz von ThyssenKrupp erläutert etwa der Anhang zur Bilanzposition der immateriellen Vermögenswerte, was sich dahinter verbirgt. Zum Ende des Geschäftsjahres am 30. September 2013 fanden sich dort Konzessionen, Rechte und Lizenzen im Wert von rund 1,4 Milliarden Euro, Entwicklungskosten nebst selbstentwickelter Software und Internetseite im Wert von 580 Millionen Euro und schließlich Firmenwerte im Volumen von mehr als vier Milliarden Euro. Insgesamt hat ThyssenKrupp damit mehr als sechs Milliarden Euro an immateriellen - also nicht greifbaren - Vermögenswerten in seiner rund 35 Milliarden Euro schweren Bilanz. Insbesondere hohe Firmenwerte, auch Goodwill genannt, sollten Anleger kritisch hinterfragen. Sie beziffern den fiktiven Wert von Tochtergesellschaften für den Mutterkonzern.

Wie sich ihre Bewertungen unter Aktiva im Vergleich zum Vorjahr durch Abschreibungen verändert hat, ist in den Anhängen zu den einzelnen Posten auf der Aktivseite dargestellt. So ist etwa dem Anhang "05 Sachanlagen" zur ThyssenKrupp-Bilanz zu entnehmen, dass Sachanlagen im Wert von 979 Millionen Euro abgeschrieben wurden. Die Vermögensseite des Konzern schrumpfte so in nur einem Jahr um knapp eine Milliarde Euro.

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