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Bilanzexperte Peter Leibfried „Wenn jetzt nicht massiv abgewertet werden sollte, wann dann?“

Peter Leibfried ist Lehrstuhlinhaber für Audit und Accounting (Prüfung und Bilanzierung) an der Universität St. Gallen. Quelle: Presse

Wann kommt die Zeit der Abschreibungen? Bilanzexperte Peter Leibfried spricht im Interview mit der WirtschaftsWoche über Bilanzschocks, die auf die Coronakrise folgen werden.

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Peter Leibfried, 49, ist seit 15 Jahren Lehrstuhlinhaber für Audit und Accounting (Prüfung und Bilanzierung) an der Universität St. Gallen (HSG). Von 1997 bis 1999 arbeitete der Wirtschaftswissenschaftler und MBA-Absolvent bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen. Im Jahr 2000 gründete er in Stuttgart die FAS AG, eine Beratungsgesellschaft für Finanz- und Rechnungswesen, sowie die Akademie für Internationale Rechnungslegung.

WirtschaftsWoche: Herr Leibfried, die Coronakrise reißt die Wirtschaft in die Tiefe. In den Quartalsberichten der Unternehmen ist meist von herben Gewinneinbrüchen die Rede. Über die Auswirkungen auf ihre Bilanz reden die Vorstände dagegen bisher kaum. Warum?
Peter Leibfried: Ich gehe davon aus, dass man sich da noch sortiert. Niemand will mit einer großen Abschreibung vorpreschen, so hat man den Eindruck.

In den vergangenen Jahren hat es eine Einkaufsorgie zu Höchstpreisen gegeben. Lassen sich jetzt Abwertungen auf Tochtergesellschaften noch vermeiden?
Das ist zwar abhängig vom Geschäftsmodell, ein Pharmaunternehmen etwa kann ja noch gut dastehen, aber generell ist die Coronakrise ein mächtiger Trigger.

Das heißt?
Unternehmen müssen ihr gesamtes Vermögen unter die Lupe nehmen. Als erstes stehen da die einst gezahlten Aufschläge bei Übernahmen an, der sogenannte Goodwill, auch Firmen- oder Geschäftswerte genannt.

Mit welchen Folgen?
Das wird man im Laufe des Jahres sehen. Ich erwarte schon im laufenden zweiten Quartal die ein oder andere Abwertung. Das könnte Anleger auch überraschen.

Inwiefern?
Früher mussten Unternehmen auf den Goodwill regelmäßig abschreiben. Heute kommt es, wenn überhaupt, beim Goodwill mal ab und an zu Abschreibungen. Deshalb hat sich ein großer Stau aufgebaut. Weltweit geht der potenzielle Abwertungsbedarf in die Hunderte Milliarden.

Kritiker haben immer vor dieser sogenannten Goodwill-Blase gewarnt. Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo sie platzt?
Wenn jetzt nicht massiv abgewertet werden sollte, wann dann? In vielen Bereichen wird es zu nachhaltigen Veränderungen kommen. Aber unabhängig davon sollte sich Aktionäre fragen, in was sie investieren. Ein Unternehmen mit hohem Goodwill ist bilanziell immer riskanter als eines ohne.

Unternehmen behaupten bei Goodwill-Abwertungen regelmäßig, diese sei nicht so schlimm, da sie nicht cashwirksam sind. Wo liegt also das Problem?
Nun, eine Abwertung jetzt ist nicht cashwirksam. Nicht mehr, muss man sagen. Denn in der Vergangenheit ist ja Geld geflossen, Bayer etwa hat ja Monsanto nicht für heiße Luft, sondern für mehr als 60 Milliarden Dollar gekauft. Würde da abgewertet, wäre das ein Eingeständnis, dass man zu viel gezahlt hat. Was bedeutet, dass das Management treuhänderisch nicht gerade gut mit dem Aktionärskapital umgegangen ist. Zudem schneiden hohe Abschreibungen tief ins Eigenkapital, das oft ohnehin schon nicht besonders tragfähig ist. Das, was dem Aktionär am Unternehmen zusteht, verringert sich also bei einer Goodwill-Abwertung teils enorm.

Eine Goodwill-Abwertung ist also ein Eingeständnis des Managements, versagt zu haben?
In jedem Fall ist etwas nicht so gekommen, wie geplant.

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