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Bitcoin „Die perfekte Spekulationsblase“

Willem H. Buiter ist Gastprofessor für internationale und öffentliche Angelegenheiten an der Columbia University. Bis 2019 arbeitete er für die Citigroup, zuletzt als Chefvolkswirt und Berater. Quelle: imago images

Der Bitcoin ist ohne inneren Wert, sein Marktwert kann alles oder nichts sein. Auch wenn seine Anhänger das Gegenteil behaupten: Seine Menge ist nicht limitiert, sondern beliebig ausweitbar, warnt der ehemalige Chefvolkswirt der Citibank: durch Ausgabe eines Bitcoin 2 und Bitcoin 3. Ein Gastbeitrag.

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Am 8. Februar verkündete Elon Musks Elektroautohersteller Tesla, er habe im Januar 1,5 Milliarden Dollar aus seinen Barreserven in Bitcoin angelegt. Die Nachricht trug dazu bei, den ohnehin schon steil in die Höhe geschossenen Kurs der Kryptowährung um weitere 10% auf einen Rekordstand von mehr als 44.000 Dollar nach oben zu treiben. Doch im Falle Bitcoins gilt ganz besonders: Was steigt, kann genauso leicht auch wieder abstürzen.

Bitcoin wurde 2008 erfunden und nahm 2009 den Handel auf. In 2010 stieg der Wert eines Bitcoin von rund acht Hundertsteln eines US-Cents auf acht Cents. Im April 2011 wurde der Bitcoin mit 67 Cents gehandelt, bevor er dann bis November 2015 auf 327 Dollar stieg. Noch am 20. März letzten Jahres wurde der Bitcoin mit ca. 6.200 Dollar gehandelt, doch inzwischen ist sein Kurs um mehr als das Siebenfache gestiegen.

Heute ist der Bitcoin eine perfekte, zwölf Jahre alte Spekulationsblase. Ich habe Gold einmal als „funkelnden Bitcoin“ beschrieben und den Preis des Metalls als 6000 Jahre alte Blase charakterisiert. Das war ein bisschen unfair gegenüber dem Gold, dem in der Vergangenheit ein innerer Wert als Industrierohstoff innwohnte (das trifft heute kaum noch zu) und das als langlebiges Konsumgut noch immer weithin im Schmuck zu Einsatz kommt. Der Bitcoin dagegen hat keinen inneren Wert und wird auch nie einen haben. Er ist ein rein spekulativer Vermögenswert – eine private Fiatwährung –, die immer gerade den Wert hat, den der Markt ihr zuschreibt.

Doch ist der Bitcoin zudem ein sozial verschwenderischer spekulativer Vermögenswert, weil er in der Herstellung so teuer ist. Die Kosten des „Minings“ eines zusätzlichen Bitcoin – durch Lösung von Rechenrätseln mittels energieintensiver digitaler Ausrüstung – nehmen derzeit in solchem Tempo zu, dass der Gesamtbestand an der Kryptowährung auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist.

Natürlich lässt sich, selbst wenn Bitcoins Protokoll nicht geändert wird, um ein größeres Mengenangebot zu ermöglichen, die Übung insgesamt durch Ausgabe eines Bitcoin 2, Bitcoin 3 usw. wiederholen. Die realen Kosten des Minings werden damit ebenfalls repliziert. Darüber hinaus gibt es bereits weitere etablierte Kryptowährungen – zum Beispiel Ether –, die parallel zu Bitcoin operieren.

Doch wie der Erfolg staatlich ausgegebener Fiatwährungen zeigt, ist das Universum spekulativer Blasen durchaus nicht auf Kryptowährungen wie Bitcoin beschränkt. Schließlich gibt es in einer Welt flexibler Preise immer einen Gleichgewichtszustand, bei dem alle glauben, dass die offizielle Fiatwährung wertlos sei – in welchem Falls sie dann folgerichtig auch wertlos ist. Und es gibt unendlich viele „nicht fundamentale“ Gleichgewichtszustände, in denen das allgemeine Preisniveau – der Kehrwert des Kurses der Fiatwährung – entweder explosionsartig steigt und gegen unendlich geht oder implodiert und auf null fällt, selbst wenn die Geldmenge relativ stabil bleibt oder sich gar nicht ändert.

Und schließlich gibt es jenes einzigartige „fundamentale“ Gleichgewicht, bei dem das Preisniveau (und der Wert der Währung) positiv ist und weder explodiert noch implodiert. Die meisten staatlichen Fiatwährungen scheinen in diesen fundamentalen Gleichgewichtszustand hineingestolpert und dort geblieben zu sein. Die Keynesianer ignorieren diese multiplen Gleichgewichtszustände und betrachten das Preisniveau (und also den Preis des Geldes) als allein geschichtlich bestimmt; es würde allmählich durch einen Mechanismus wie die Phillips-Kurve aktualisiert, die eine stabile, inverse Beziehung zwischen (unerwarteter) Inflation und Arbeitslosigkeit postuliert.

Unabhängig davon, welche Perspektive man sich zu eigen macht: Realweltliche Hyperinflationen – man denke an die Weimarer Republik oder die jüngsten Fälle in Venezuela und Simbabwe –, bei denen sich der Wert des Geldes effektiv auf null verringert, sind keine Beispiele nicht fundamentaler Gleichgewichtszustände, sondern vielmehr fundamentaler Gleichgewichtszustände, die eine schlechte Entwicklung genommen haben. In diesen Fällen ist die Geldmenge explosionsartig angestiegen, und das Preisniveau hat entsprechend reagiert.

Private Kryptowährungen und öffentliche Fiatwährungen weisen dieselbe infinite Spanne möglicher Gleichgewichtszustände auf. Das Nullpreis-Gleichgewicht ist immer eine Möglichkeit, und dasselbe gilt für das einzigartige, manierliche fundamentale Gleichgewicht.

Der Bitcoin lässt derzeit eindeutig keinen dieser Gleichgewichtszustände erkennen. Stattdessen haben wir es anscheinend mit einer Variante eines nicht fundamentalen explosiven Preisgleichgewichts zu tun. Eine Variante deshalb, weil sie den möglichen, wenn auch unerwarteten Sprung des Bitcoin von seiner aktuellen explosiven Preisentwicklung entweder hin zu einem angenehmen fundamentalen Gleichgewicht oder dem nicht so angenehmen Nullpreis-Szenario zulassen muss. Diese Perspektive multipler Gleichgewichtszustände lässt es zweifellos riskant erscheinen, in Vermögensgegenstände ohne inneren Wert wie den Bitcoin und andere private Kryptowährungen zu investieren.

Die reale Welt ist natürlich nicht auf das hier skizzierte, von der etablierten Wirtschaftstheorie unterstützte Spektrum möglicher Gleichgewichtszustände beschränkt. Aber das macht den Bitcoin als Investition sogar noch riskanter.

Teslas jüngster Bitcoin-Kauf zeigt, dass ein großer zusätzlicher Käufer, der in den Markt einsteigt, den Preis der Kryptowährung deutlich in die Höhe treiben kann, und zwar sowohl direkt (bei illiquiden Märkten) als auch indirekt durch Demonstrations- und Emulationseffekte. Doch hätte ein Ausstieg eines einzigen wichtigen Marktakteurs vermutlich eine ähnliche Auswirkung in die andere Richtung. Positive oder negative Meinungsäußerungen durch Eigenhändler werden erhebliche Auswirkungen auf den Preis des Bitcoin haben.

Die atemberaubende Preisvolatilität der Kryptowährung überrascht nicht. Zutiefst irrationale Marktbewegungen wie die, die den Aktienkurs von GameStop im Januar auf nie gekannte Höhen trieb (gefolgt von einer deutlichen Korrektur), sollten als Erinnerung dienen, dass der Bitcoin ohne offensichtlichen fundamentalen Wertanker ein Lehrbuchbeispiel exzessiver Volatilität bleiben dürfte.

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Dies wird sich auch mit der Zeit nicht ändern. Der Bitcoin bleibt ein Vermögensgegenstand ohne inneren Wert, dessen Marktwert alles oder nichts sein kann. Nur Akteure mit erheblicher Risikobereitschaft und einer robusten Fähigkeit, Verluste aufzufangen, sollten Bitcoin-Investments in Betracht ziehen.

Project Syndicate /Aus dem Englischen von Jan Doolan

Mehr zum Thema: Nach dem Rekordhoch verliert der Bitcoin massiv an Wert. Ist das ein nachhaltiger Einbruch – oder nur eine kleine Kurskorrektur der Kryptowährung?

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