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Börse Aktien für Einsteiger

Natürlich können die Kurse weiter fallen. Aber: Gute Unternehmen sind heute 30 bis 70 Prozent billiger als vor drei Monaten. Und: Mit Tagesgeld und Immobilien allein ist der Geldentwertung nicht beizukommen. Ein Depot aus abgestürzten Aktien wäre ein Anfang – auch für viele, die seit Jahren einen Bogen um die Börse machen.

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Die ersten Schritte an der Börse wagen: Viele Aktien sind aktuell besonders günstig Quelle: Fotos: Getty Images, Palpf Orlowski, Frank Beer für Wirtschaftswoche (Montage)

Spekulation! Vermögensvernichtung! Für mehr als 90 Prozent der Deutschen sind Aktien Teufelszeug. Zugleich befürchtet die Hälfte der Privatanleger fünf Prozent Inflation oder mehr; mit Tagesgeld wäre die kaum auszugleichen. Kein Grund, Geld von dort in Aktien umzuschichten, lieber in teure Immobilien: In den Metropolen klettern die Preise zwar zweistellig, aus Vermietung ist wegen der hohen Kaufpreise kaum noch eine positive Rendite zu erzielen. Egal, gekauft wird weiter. Immobilien, das klingt nach Wertbeständigkeit.

Nur eine kleine Minderheit denkt darüber nach, dass das auch für viele Aktien gilt: Gut geführte und solide finanzierte Firmen mit Patenten, Maschinen, Grundstücken, Gebäuden und gut ausgebildeten Mitarbeitern, die Dinge verkaufen, die auch in Krisenzeiten nachgefragt werden, sind eine Wertanlage – und, im Gegensatz zu Häusern, liquide handelbar.

Schwankungen aushalten

Viele Anleger halten jedoch die Schwankungen von Aktien kaum aus. Wie stehen die Kurse? Für Einsteiger oft die wichtigste Frage des Morgens: Ob die Zahlen rot oder grün sind, entscheidet darüber, ob der Tag ein guter oder ein schlechter wird. „Anleger müssen lernen, dass eine Aktie einen Preis hat und einen Wert“, sagt Matthias Krapp, ein Ex-Banker, der heute Anleger gegen Honorar berät. Der Preis an der Börse und der Wert der Unternehmensbeteiligung klaffen eben zuweilen auseinander. Besonders in turbulenten Börsenphasen brauchen Hedgefonds oder Fonds oft von jetzt auf gleich Geld, wenn etwa klamme Banken Kredite zurückfordern oder Mittel abfließen. In ihrer Not verhökern sie dann auch Qualität. Viele Aktienkurse fallen in solchen Phasen ungerechtfertigt stark.

Aktien-Neulingen sollte das Mut machen, nicht Angst. Wer Geld hat, das er mittelfristig entbehren kann, darf anfangen, kleine Positionen aufzubauen. 5000 Euro, in drei bis fünf ausgebombte Werte investiert, wären ein Anfang. Wer noch unsicher ist, wann der richtige Zeitpunkt für den Einstieg ist, kauft schrittweise. Der Zeitpunkt könnte besser sein, als viele denken. Der Dax verlor seit Ende Juni rund 30 Prozent an Wert; das dritte Quartal 2011 war damit das schlechteste an der Börse seit Herbst 2002.

Freier Fall

Der Dax drehte damals erst bei 2200 Punkten im darauffolgenden Winter. Aber wer beherzt zugriff, ist heute noch im Plus. Aktien aus konjunktursensiblen Branchen wie Bau, Chemie, Maschinenbau haben in wenigen Wochen mehr als die Hälfte Börsenwert eingebüßt. Und das, ohne dass sich ihr Geschäft groß verschlechtert hätte. Sicher, das kann noch kommen, aber die Auftragsbücher sind gut gefüllt, und nichts deutet auf einen drastischen Einbruch der Geschäfte hin.

Viele Aktien, auch die von Qualitätsunternehmen und Marktführern, sind für einstellige Kurs-Gewinn-Verhältnisse zu haben (Verhältnis erwarteter Gewinn je Aktie zum Aktienkurs). Die Sorge vor dem Übergreifen der griechischen Schuldenkrise auf Italien, Spanien, sogar Frankreich und am Ende Deutschland liegt seit Monaten „wie Mehltau über den Märkten“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Hauptproblem sind marode Bankbilanzen. Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte vor einer neuen Bankenkrise wie nach dem Zusammenbruch von Lehman 2008, wenn die Schuldenkrise eskaliert. Dann wären die Börsen wieder in freiem Fall, egal, ob schon günstig bewertet oder nicht.

Wundersame Heilung

Dax Quelle: Bloomberg/ Thomson Financial

Auch das Wachstum der Weltwirtschaft schwächt sich wieder ab, viel schneller als noch vor wenigen Wochen befürchtet. „Konkret geht die Angst um, dass mit China die letzte noch intakte Konjunkturlokomotive ausfallen könnte“, sagt Gerald Kichler, Leiter Portfoliomanagement bei Flossbach & von Storch.

Vor diesem Hintergrund Aktien zu kaufen ist natürlich mutig. Dennoch ist die Chance, als antizyklisch agierender Anleger jetzt langfristig günstige Aktien einzuheimsen, nicht schlecht. Jedenfalls ist sie besser als vor einem halben Jahr, als nahezu alle Volkswirte und Anlagestrategen noch von der wundersamen Schnell-Genesung der Weltwirtschaft schwärmten und die Aktien im Schnitt gut ein Viertel teurer waren. „Vor allem Unternehmen, deren Geschäft auch dann funktionierte, wenn die Weltwirtschaft erneut in die Rezession fiele und der Euro abgeschafft würde, kauft man in der Tat besser in Phasen wie jetzt und nicht, wenn alle Welt euphorisch ist“, sagt Heino Ruland, Gründer von Ruland Research in Eppstein.

Ist der Boden in Sicht?

Ob Aktien wirklich schon günstig sind, hängt natürlich davon ab, wie viel die Unternehmen künftig verdienen werden. Hier ist, gelinde gesagt, die Prognosefähigkeit der Analysten getrübt. Die meisten haben ihre Gewinnschätzungen für 2012 leicht nach unten angepasst, sie rechnen aber im Schnitt noch immer mit einem Gewinnplus. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass sie ihre Erwartungen in den nächsten Monaten noch kräftig herunterschrauben werden. Aus früheren Abschwüngen wissen Anleger, dass die Analysten träge sind, wenn sie sich korrigieren müssen.

Gewinnwarnungen werden in den nächsten Wochen also keine Seltenheit sein. Die Frage ist aber, wie stark die Börsen nach den Kursverlusten der vergangenen Monate darauf noch reagieren werden. Zuletzt häuften sich die Anzeichen, der Dax könnte sich bei 5000 Punkten langsam auspendeln. Auf die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens durch die Ratingagentur Moody’s reagierte die Börse nicht mehr; vor einigen Monaten hätte diese Nachricht noch ein Kursbeben ausgelöst.

Hoffnungsschimmer

„Schon jetzt hat die Börse mit den starken Verlusten einen Gewinnrückgang der Unternehmen um 50 Prozent 2012 einkalkuliert“, sagt Ruland, „das entspräche einer schweren Rezession. Davon ist aber in den Auftragsbüchern der Unternehmen nichts zu sehen; für die nächsten sieben bis neun Monate ist die Auftragslage noch sehr gut, und so weit rennt die Börse der wirtschaftlichen Realität nun auch wieder nicht vorweg.“ Ruland hält die Verluste daher für „übertrieben; auch wenn die Wirtschaft sich 2012 abkühlen dürfte: Der Markt tut so, als seien ein Rückfall in die Rezession und ein böses Ende der Schuldenkrise schon sicher“. Beides müsse aber nicht so kommen, sagt Ruland.

Vorsicht

In this May 2, 2009 file Quelle: AP

Aus den USA etwa kommen positive Daten: Die US-Exporte der deutschen Industrie stiegen in den ersten fünf Monaten 2011 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2010 um 18,9 Prozent – ein Hoffnungsschimmer, dass es den USA gelingen könnte, sich zu re-industrialisieren. Dazu passt eine Meldung von vergangener Woche; Ford will bis 2015 12 000 neue Stellen in den USA schaffen. Und noch ist Chinas Wachstum auch nicht null, sondern dürfte sich von 14 Prozent in der Spitze auf 6 oder 7 Prozent einbremsen. Dabei ist zu bedenken, dass auch die Basis, von der aus Chinas Wirtschaft wächst, jedes Jahr größer wird.

Der Auftragseingang im deutschen Maschinenbau jedenfalls konnte im August dank anhaltend guter Orders aus China gegenüber dem bereits starken Vorjahresmonat um 14 Prozent zulegen.

„Ihr sollt vorsichtig werden, wenn die Masse gierig ist, und gierig, wenn die anderen vorsichtig sind“, gab Börsenguru Warren Buffett seinen Anhängern mit auf den Weg. Dann müsste deren Zeit jetzt da sein.

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