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Börse als Druckmittel Schweizer Aktien fliegen aus EU-Handel – das müssen Anleger jetzt wissen

Nationalflagge der Schweiz Quelle: dpa

Im Streit der Schweiz mit der EU über einen Rahmenvertrag dient der Börsenhandel als Knebel. Die Konsequenz: Ab Montag sind Schweizer Aktien wahrscheinlich nur noch in der Schweiz handelbar. Was das für Anleger bedeutet.

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Der Streit zwischen der EU und der Schweiz um ein neues Partnerschaftsabkommen hat Konsequenzen für den Börsenhandel mit Schweizer Aktien. Weil sich die Schweizer Regierung wegen innenpolitischer Widerstände weigert, dem bereits ausgehandelten Vertrag zuzustimmen, will die EU die Schweizer Börse als Druckmittel einsetzen. Sollte es an diesem Freitag nicht doch noch eine rasche Einigung oder zumindest Fortschritte in den Vertragsverhandlungen geben, will die EU am Sonntag die Anerkennung der Schweizer Börsenregulierung auslaufen lassen. Das würde bedeuten, dass Aktienhändler aus den 28 Mitgliedstaaten der EU an der Schweizer Börse nicht mehr uneingeschränkt mit Aktien von schweizerischen Unternehmen handeln dürfen, die auch in der EU gehandelt werden.

Als unabhängiger Staat will sich die Schweiz das aber nicht gefallen lassen und will ihrerseits den Handel mit Schweizer Aktien beschränken. Deshalb soll ab dem 1. Juli eine Anerkennungspflicht für ausländische Handelsplätze gelten, die Wertpapiere von Schweizer Unternehmen anbieten wollen. Handelsplätze in der EU sollen diese Anerkennung nicht erhalten und können dann nicht mehr mit Schweizer Papieren handeln.

Die Konsequenz: Der Kauf und Verkauf von Schweizer Aktien wie etwa den dividendenstarken Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis wird zumindest umständlicher und womöglich teurer. Konkret ist aber noch nichts.

Sollten EU und Schweiz ihre Drohungen wahr machen, hieße das zunächst, dass Aktien aus der Schweiz auch nur an Börsenplätzen in der Schweiz handelbar wären, also vor allem an der SIX in Zürich. Für institutionelle Investoren, die gemäß ihren Anlagestatuten an einen regulierten Markt gebunden sind, könnte das ein Problem darstellen, da die SIXx dann nicht mehr dazu zählen würde.

Eine große deutsche Fondsgesellschaft räumte gegenüber der WirtschaftsWoche jedoch ein, dass sie sich nicht unmittelbar betroffen sieht, weil sie Aktien nicht über die Börse kauft und verkauft, sondern Broker damit beauftragt. Der Großinvestor rechnet damit, dass die Liquidität von Schweizer Aktien etwas zurückgehen dürfte und die Transaktionen vielleicht etwas teurer werden, wenn sie nicht mehr am heimischen Markt getätigt werden können.

Privatanleger handeln jedoch nicht über Broker, sondern über Depotbanken. Die Aktionärsschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) haben deshalb viele Anfragen von Anlegern erhalten, die verunsichert sind. Christiane Hölz, Landesgeschäftsführerin des DSW in Nordrhein-Westfalen, rät Anlegern zunächst, die eigene Depotbank anzusprechen, ob sie den Handel mit Schweizer Aktien weiter ermöglichen. „Grundsätzlich sind Anleger in der Wahl der Börse frei. Allerdings muss die Depotbank die gewünschte Börse auch anbieten“, sagt Hölz gegenüber der WirtschaftsWoche. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen sind aber Dividendenzahlungen der Schweizer Unternehmen ebenso wenig betroffen, wie abgeleitete Produkte wie ADRs, ETFs, Fonds und Zertifikate.“

Aktienfonds und ETFs mit Schwerpunkt Schweiz

Wie die Depotbanken reagieren, ist allerdings auch noch nicht klar. Auf Anfrage teilt etwa die Comdirect mit, man befinde sich noch in der Warteposition und wolle noch keine Handlungsempfehlung geben. Grundsätzlich sei bei Comdirect jedoch eine Order an der SIX in Zürich möglich, eventuell müssten Aktien von der Verwahr- und Clearingstelle in Luxemburg auf eine Direktverwahrung in der Schweiz übertragen werden. Das könnte für Anleger bedeuten, dass ihre Transaktionskosten steigen.

In der Schweiz hoffen Politiker und Börsenexperten indessen, dass das Handelsvolumen an der Börse in Zürich letztlich sogar wachsen könnte, wenn der Handel, der mit Schweizer Papieren in der EU nicht mehr möglich ist, in die Schweiz wandert. Ob die EU europäischen Händlern das wiederum erschweren will, ist noch unklar. Auf jeden Fall dürften die Handelsplätze in der EU den Umsatz verlieren, den sie bislang durch Geschäfte mit Wertpapieren von Schweizer Unternehmen machten.

Noch kann sie die vermeintliche Bedrohung für Liebhaber von Nestlé-, Roche- und Novartis-Aktien in Luft auslösen. Der Schweizer Außenminister Ingazio Cassis etwa hat sich zuversichtlich gezeigt, dass der festgefahrene Börsenstreit seines Landes mit der EU nicht von Dauer sein werde. „Wir hoffen, dass dies nur eine vorübergehende Lösung sein wird“, sagte er am vergangenen Donnerstag dem Sender SRF mit Blick auf die gegenseitigen Blockaden. Auch eine schnelle Einigung noch an diesem Freitag sei möglich, sagen Kenner der EU-Politik.

Mit Material der dpa.

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