Börse Erster Warnschuss für die Haussiers

Tokio verbucht den schärfsten Kurseinbruch seit Fukushima. Aus den heiß gelaufenen Aktienmärkten entweicht nun die erste Luft.

Tokio verbucht den schärfsten Kurseinbruch seit Fukushima. Quelle: REUTERS

Tokio am Ende minus 7,3 Prozent, Frankfurt am Morgen minus 2,7 Prozent, die Wall Street am Vorabend schon mit leichten Abschlägen - die Aktienmärkte zeigen sich am Donnerstag nach ihrer Rekordjagd in schwacher Verfassung. Die Gründe sind schnell herbeigezaubert, aber wenig überraschend: Chinas Wirtschaft kommt weiterhin nicht richtig in Fahrt, in den USA gibt es erste leise Andeutungen, die Druckerpresse der Notenbank etwas langsamer rotieren zu lassen. Das verschreckt die Spekulanten, die bisher unverdrossen auf die Droge Billig-Geld setzen.

Welche Börsen an ihren Hochs kratzen
Dax, DeutschlandDer Deutsche Leitindex erreichte seinen Höchststand von 8.151,57 Punkten im Handelsverlauf am 13. Juli 2007. Obwohl sich die Krise am US-Immobilienmarkt bereits abzeichnete, schaffte der Dax 2007 ein Jahresplus von 23 Prozent. Momentan ist der Index ein gutes Stück vom Rekord entfernt – es fehlen über 450 Punkte. Beim Dax handelt es sich im Gegensatz zu den anderen großen Indizes wie dem Dow Jones um einen Performance-Index – in diesen werden die Dividenden der enthaltenen Unternehmen mit eingerechnet. Der Dow-Jones als Kursindex dagegen bildet nur die Kursentwicklung der Einzelwerte ab. Quelle: dapd
Dow Jones, USADas wichtigste Börsenbarometer der Welt ist an der New York Stock Exchange gelistet. Die Marktkapitalisierung aller im Dow Jones gelisteten Aktien beträgt mehr als drei Billionen Euro. Zum Vergleich: Im Dax beträgt die Marktkapitalisierung aller Aktien fast 880 Milliarden Euro. Der Dow Jones hat seinen Höchststand von 14.716,46 Punkten auf Verlaufsbasis am 09. April 2013 erreicht. Vor allem das billige Geld der Notenbanken treibe Anleger in Aktien, urteilen Analysten. Doch erste Anzeichen für ein baldiges Ende der lockeren Geldpolitik könnten den Dow Jones schnell wieder fallen lassen. Momentan notiert der Dow knapp unter seinem Hoch. Quelle: REUTERS
Nikkei 225, JapanAm 29. Dezember 1989 erreichte der Nikkei mit 38.957,44 Punkten im Handelsverlauf seinen Allzeithöchststand. Im April 2003 erreichte der wichtigste japanische Index den Tiefststand von 7.607 Punkten. Innerhalb von etwa viereinhalb Jahren hatte der Nikkei damit mehr als 80 Prozent eingebüßt. Schuld war unter anderem auch das Platzen der Spekulationsblase im Technologiesektor (Dotcom-Blase). Die Grenze von 30.000 Punkten fiel zum ersten Mal am 7. Dezember 1988 – davon ist trotz eines guten Kurses derzeit nicht einmal die Hälfte erreicht. Genauso wie der Dow-Jones-Index ist der Nikkei 225 kein Performance-Index, sondern ein preisgewichteter Kursindex. Quelle: dpa
Nasdaq 100, USADas amerikanische Pendant zum TecDax ist der Nasdaq 100, der die 100 größten Technologieunternehmen der Nasdaq enthält. Der Index listet unter anderem Börsenschwergewichte wie Apple, Google und Amazon. Seit Mai 2012 auch Facebook. Das Allzeithoch von 4.816,35 Punkten erreichte der Nasdaq 100 im Handelsverlauf des 24. März 2000. Dies verwundert wenig, da Technologieaktien um 2000 herum deutlich überbewertet waren, die sogenannte Dotcom-Blase. Deshalb notiert der Nasdaq in der vergangenen Zeit auch um rund 2000 Punkte niedriger. Quelle: REUTERS
S&P 500, USADer dritte wichtige Index aus den USA ist der S&P 500. Der von Standard & Poor's zusammengestellte Index umfasst die 500 größten US-Unternehmen und gehört damit zu den meistbeachtesten Indizes der Welt. Der klassische S&P, der auch in den Medien die meiste Beachtung findet, ist ein Kursindex. Er erreichte sein Allzeithoch von 1.576,09 Punkten im Handelsverlauf des 11. Oktober 2007. Momentan ist der Index nur wenige Punkte von seinem Rekord entfernt. Möchte man den Dax mit dem S&P vergleichen, so kann man auf den S&P 500 Total Return zurückgreifen, der wie der Dax ein Performance-Index ist. Seit dem 1. Januar 2000 hat sich der S&P 500 TR mit einer durchschnittlichen Jahresrendite von 9,7 Prozent besser entwickelt als der Dax (8,5 Prozent). Quelle: REUTERS
Euro Stoxx 50, EuropaDer wohl wichtigste Index für Europa ist der noch recht junge Euro Stoxx 50, der die größten Unternehmen aus der Euro-Zone listet. Der erst 1998 eingeführte Index erreichte sein Handelsallzeithoch von 5.495,18 Punkten am 6. März 2000. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase ging es für den Euro Stoxx 50 deutlich nach unten. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, belastete ab 2007 die weltweite Finanzkrise und das Schuldenchaos in Europa den Kurs. Zurzeit notiert der Euro Stoxx in der Nähe von 2600 Punkten. Quelle: dapd
FTSE 100, GroßbritannienDer „Footsie“, wie er umgangssprachlich genannt wird, repräsentiert 80 Prozent der Marktkapitalisierung aller Aktien, die an der Börse in London gelistet sind. Sein Allzeithoch von 6.950,60 Punkten erreicht der Index am 30. Dezember 1999 – also wenige Monate vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Erst acht Jahre später sollte der Kurs in ähnliche Höhen kommen, dann brach die Finanzkrise aus. Aktuell fehlen zum Höchststand etwa 500 Punkte. Quelle: AP
SMI, SchweizIm wichtigsten Schweizer Index sind Großkonzerne wie Novartis, UBS, Swiss RE und Nestlé vertreten. Im Gegensatz zum Dax ist der SMI allerdings ein Kursindex, Dividenden fließen nicht in die Berechnung ein. Der bis dato höchste Kurs liegt bei 9.548,09 Punkten, erreicht am 4. Juni 2007. Dann brach die Finanzkrise aus und es ging abwärts. Davon hat sich der Kurs bis heute nicht vollständig erholt – der Kurs pendelt unterhalb von 8000 Punkten. Quelle: AP
CAC 40, FrankreichDer Leitindex der Pariser Börse ist ebenfalls ein Kursindex und umfasst, wie der Name schon sagt, die 40 umsatzstärksten französischen Aktiengesellschaften, darunter Branchengrößen wie das Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis, den Erdölkonzern Total oder das Finanzinstitut BNP Paribas. Seinen Höchststand erreicht der Index am 4. September 2000 mit 6.944,77 Punkten. An diese Marke kommt die Börse seitdem nicht mal annähernd heran – der Index liegt gerade bei rund 3.700 Punkten. Quelle: AP
Ibex 35, SpanienDen spanischen Ibex 35 wurde vor gut 20 Jahren eingeführt. Seinen Höhepunkt erreicht der Kurs am 9. November 2007 bei 16.040,40 Punkten. Seitdem hat sich der Stand zwischenzeitlich mehr als halbiert. Spanien leidet mehr als andere Länder unter den Folgen der Krise. Die Wirtschaft schwächelt, die Arbeitslosigkeit dürfte nach Angaben der Notenbank in diesem Jahr auf 27 Prozent steigen – ein Rekordhoch. Für den Anleger sind das keine guten Nachrichten – derzeit notiert der Kurs um die 8000er Marke. Quelle: dpa
RTS, RusslandDie Handelsumsätze an der Moskauer Börse sind zwar relativ gering; an schlechten Tagen liegen diese unter einer Million Dollar. Zum Vergleich: An der Deutschen Börse sind es täglich mehrere Milliarden. Dennoch befinden sich im Russian Trading System Index, kurz RTS, einige Unternehmen mit Weltformat. Die Zusammensetzung ist jedoch ein bisschen einseitig: Die Hälfte davon sind Energieunternehmen, etwa Gazprom und Lukoil, die zusammengenommen mit 27 Prozent gewichtet sind. Der Höchststand ist vom 19. Mai 2008, damals lag der Kurs bei 2.498,10 Zählern. Momentan muss der RTS mit rund 1000 Punkten weniger auskommen. Quelle: REUTERS
Bovespa, BrasilienDer Bovespa-Index – der Name ist zusammengesetzt aus Bolsa de Valores de São Paulo, also Wertpapierbörse von São Paulo – hat am selben Tag sein Allzeithoch erreicht, also am 19. Mai 2008. Punktestand: 73.794,13. Damals konnte noch niemand ahnend, wie schwerwiegend die aufkommende Krise werden würde. Bei der aktuellen Erholung macht die Börse jedoch nicht mit, die Kurse fallen. In den vergangenen Jahren hat sich das Wirtschafswachstum des Landes deutlich abgeschwächt, 2012 es nur noch ein Prozent. Viel mehr als 56.000 Punkte sind aktuell nicht erreichbar. Quelle: REUTERS

Wer nicht wild rumspekuliert, sondern ein strategisch orientierter Anleger ist, der sollte sich einfach die Fundamentaldaten  orientieren. Der Nikkei 225 kostet die 27-fachen laufenden und gut 20-fachen geschätzten Gewinne bei einer Dividendenrendite von 1,4 Prozent - das ist je nach Lesart 30 bis 50 Prozent teurer als zu Tiefpunkten in Tokio. Der S&P 500 kostet den 16-fachen Jahresertrag 2013, falls denn die Schätzungen nicht zu optimistisch sein sollten, was aber die Regel ist; die Dividendenrendite liegt bei nur noch zwei Prozent. Auch in den USA wären Rückschläge im zweistelligen Prozentbereich deshalb keine Überraschung. Der Dax mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis um zwölf bei Dividenden, die gut drei Prozent Rendite versprechen, ist da noch relativ günstig. Allerdings sind die Zugpferde wie Bayer, Adidas oder Fresenius völlig überhitzt und die dividendenstarken Papiere wie Deutsche Telekom oder E.On Kursrohrkrepierer.

Trotz der massiven Verluste hat aber etwa der Nikkei den Mai über noch zugelegt. Damit verbucht Japans Leitindex bisher den zehnten Monat in Folge mit Zuwächsen. Das ist die längste Gewinnstrecke seit 1972. Die Daten aus China verstärkten aber die Sorgen, dass der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zunehmend die Puste ausgeht. Der vorläufige Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC für die chinesische Industrie fiel auf 49,6 Punkte und damit unter die Marke von 50 Punkten, ab der Wachstum signalisiert wird. China ist für Japan einer der wichtigsten Exportmärkte.

Deshalb verloren vor allem Exportwerte, die in den vergangenen Wochen besonders von der Yen-Schwäche profitiert hatten. So gaben die Papiere des Elektronikriesen Sony 5,7 Prozent nach. Die Titel des Rivalen Panasonic verloren 6,8 Prozent. Der Autobauer Suzuki büßte 8,7 Prozent ein. Und Anteilseigner der  Großbank Mitsubishi UFJ rutschen um 9,3 Prozent ab.

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In Frankfurt verloren ThyssenKrupp, Daimler, Deutsche Bank und Commerzbank jeweils um 3,5 Prozent und zählten damit zu den schwächsten Werten. Nachdem es nun wochenlang bergauf ging, ist eine Korrektur aber keine große Überraschung. Und für aktive Verkäufe ist es noch zu früh. Die Märkte insgesamt dürften nach einer zwischenzeitlichen Schwäche noch einmal Anlauf auf neue Höchstmarken nehmen. Engagierte Anleger legen zur Sicherheit Stoppkurse bei 7600 Dax-Punkten. Absicherungsstrategien über Verkaufsoptionen etwa bieten sich dann an, sollte der Dax  mehr als 9.000 Zähler erreichen.

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