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Börse für Einsteiger - Teil 2 Der mächtige Zinseszinseffekt – und sein gefährlicher Gegenspieler

Der Zinseszinseffekt lässt die Erträge einer Geldanlage mit den Jahren immer schneller wachsen. Quelle: Illustration

Wer langfristig ein Vermögen aufbauen will, kann auf den Zinseszinseffekt zählen. Der kann aber auch nach hinten losgehen. Gebühren schmälern den Ertrag doppelt: Weil sie das Kapital verringern und gleichzeitig über die Jahre weniger Kapital dann auch weniger Ertrag bringt.

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Viele Sparer in Deutschland machen aus Angst einen großen Bogen um die Börse. Das muss nicht sein, denn Börsengeschäfte sind gar nicht so kompliziert und bieten in Zeiten von Nullzinsen die besten Renditechancen. Karl Balz, Experte in der Anlegerschutz- und Investmentfirmen-Gruppe der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, legt selbst seit 20 Jahren an der Börse an und kennt die Irrtümer und Fallstricke. In seinem Börsen-1x1 für Privatanleger erklärt er leicht verständlich, was Sparer bei ihren ersten Schritten an der Börse wissen müssen und welche Fehler es zu vermeiden gilt. Sein Anlegerleitfaden erscheint in acht Teilen auf wiwo.de - und ist für Abonnenten hier auch vollständig als Dossier abrufbar.


Entscheidender Faktor beim Investieren ist die Zeit. Das liegt vor allem am Zinseszinseffekt. Er steht dafür, dass nicht nur Dein Ausgangskapital für Dich arbeitet und Dein Vermögen mehrt, indem es Zinsen, Dividenden oder Kursgewinne abwirft, sondern dass auch die erwirtschafteten Zinsen, Dividenden und Kursgewinne für Dich arbeiten und ihrerseits Zinsen, Dividenden und Kursgewinne für Dich erwirtschaften.

Diese an sich banale Erkenntnis hat enorme Auswirkung auf den Aufbau Deines Vermögens. Sie wird von vielen erfolgreichen Investoren als der größte Augenöffner beim Investieren genannt.

Lass mich das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen.

Beispielrechnung Zinseszinseffekt

Nimm an, dass Du 100 Euro Ausgangskapital hast und dass Deine Investition jährlich einen Ertrag in Höhe von zehn Prozent abwirft. Das kann eine Anleihe sein, die mit zehn Prozent verzinst wird, eine Aktie, die jedes Jahr zehn Prozent Dividende ausschüttet, oder eine Aktie, deren Kurs jedes Jahr um zehn Prozent steigt. Das spielt für die Veranschaulichung des Zinseszinseffekts keine Rolle. Ebenso wenig, dass zehn Prozent eine sehr stattliche Rendite sind, die über einen längeren Zeitraum nur schwer zu erzielen ist. Mit zehn lässt sich aber nun einmal gut rechnen. Schließlich sollen zur Verdeutlichung des Zinseszinseffekts Steuern außen vorgelassen werden. Auf die komme ich später zu sprechen.

Das Ganze sieht dann wie folgt aus:

ZeitAusgangsbetragJährlicher Ertrag in
Höhe von 10 % p.a
Jahr 1€100€10
Jahr €110€11
Jahr €121€12,10
Jahr €133,10€13,31
Jahr €146,41€14,64
Jahr €161,05€16,11
Jahr €177,16€17,72
Jahr €194,88€19,49
Jahr €214,37€21,44
Jahr €235,81€23,58

Erste wichtige Erkenntnis: Nach zehn Jahren hast Du nicht etwa Deine 100 Euro Ausgangskapital plus 10x 10 Euro (nämlich jedes Jahr zehn Prozent auf die 100 Euro) und damit in der Summe 200 Euro, sondern 259,39 Euro (235,81 Euro + 23,58 Euro). Die Differenz in Höhe von 59,39 Euro ist einzig darauf zurückzuführen, dass Du Deine jährlichen Erträge jedes Jahr wieder investiert hast (Voraussetzung ist natürlich, dass auch diese reinvestierten Erträge jedes Jahr wieder zehn Prozent erwirtschaften).

Zweite wichtige Erkenntnis: Im zehnten Jahr erwirtschaftest Du – auf Dein Ausgangskapital bezogen – bereits 23,58 Euro, also 23,58 Prozent!

Dritte wichtige Erkenntnis: Lass Dich nicht von den geringen Beträgen im Beispiel in die Irre führen. Stell Dir einfach vor, Dein Ausgangskapital wären nicht 100 Euro, sondern 100.000 Euro gewesen. Die 59.390 Euro, die dem Zinseszinseffekt geschuldet sind (siehe oben), klingen schon besser, oder?

Vierte wichtige Erkenntnis: Es ist wichtig, früh mit dem Investieren anzufangen und die Erträge immer wieder neu anzulegen. Nur so kannst Du den Zinseszinseffekt richtig für Deinen Vermögensaufbau ausspielen. Dein Vermögen wächst aufgrund des Zinseszinseffekts exponentiell. Je länger Du dabei bist, desto besser.

Mit anderen Worten: Der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor beim Investieren ist die Zeit, die Du mitbringst!



Gebühren, Gebühren, Gebühren - Spiegelbild zum Zinseszinseffekt

Für Deine Investitionen brauchst Du eine Bank, die Deine Transaktionen für Dich ausführt, Deine Wertpapiere für Dich verwahrt, Dir Steuerbescheinigungen erstellt usw. Falls Du einen Fonds kaufst, muss dieser verwaltet, müssen regulatorische Anforderungen erfüllt werden und vieles mehr.

Kurzum: Für Deine Investitionen bist Du auf Dienstleistungen Dritter (meist Banken) angewiesen. Und die nehmen dafür Geld. So ist das Leben. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass die Höhe der Kosten und Gebühren sich unmittelbar auf Deinen langfristigen Investmenterfolg auswirkt.

Auch für die Kosten und Gebühren gilt nämlich das Zinseszinsprinzip, nur eben mit anderen Vorzeichen. Der Betrag, der von Deinem Ausgangskapital oder Deinen Erträgen für Kosten und Gebühren draufgeht, ist nicht nur weg, sondern schmälert Deine Vermögensmasse unwiederbringlich und kann nicht für Dich arbeiten. Er ist damit das Spiegelbild zum Zinseszins. Aus diesem Grund machen über die Zeit auch schon kleine Gebührendifferenzen einen großen Unterschied für Deinen Investmenterfolg. Sei deshalb knauserig.

Wenn Du beispielsweise 1,5 Prozent Gebühren für einen Investmentfonds bezahlst (was für einen aktiv gemanagten Aktienfonds, wie ihn Dir Deine Hausbank anbietet, durchaus üblich ist), mag das zunächst nicht weltbewegend erscheinen. Ist Dir aber klar, dass Du in diesem Fall bei einer (für einen Aktienfonds realistischen) Rendite von sechs Prozent nach zehn Jahren (wegen des Zinseszinseffekts mehr) als ein Viertel Deines Ertrags für Kosten und Gebühren ausgegeben hast? Oder anders gesagt, dass Du 25 Prozent mehr Geld verdient hättest, wenn Du einen günstigen ETF oder Indexfonds (zu den Begriffen später) mit einer Gebühr von 0,1 Prozent gewählt hättest? Dies setzt natürlich voraus, dass der aktiv gemanagte Fonds nicht in der Lage war, den ETF oder Indexfonds zu schlagen. Auch dazu später mehr.

Das Problem mit Kosten und Gebühren ist, dass Dich kein Bank-, Versicherungs- oder anderer Berater auf die Auswirkungen der Kosten und Gebühren deutlich hinweisen wird. Die Berater leben nämlich von Kosten und Gebühren. So bekommt Deine Bank beziehungsweise Dein Versicherungsvertreter oder sonstiger Anlageberater bei Fonds den gesamten Ausgabeaufschlag (in der Regel fünf Prozent Deines Ausgangsbetrags – ¬solltest Du nie zahlen!!!) und dann noch jedes Jahr eine Bestandsgebühr („Kick-backs“) in Höhe der Hälfte der Verwaltungsgebühr (also bei einem Fonds mit einer Verwaltungsgebühr von 1,5 Prozent jedes Jahr noch einmal 0,75 Prozent des Anlagevolumens oben drauf).

Da ist doch klar, dass Dein „Berater“ oder besser Verkäufer schwach wird und Dir einen teuren Fonds und nicht einen günstigen ETF oder Indexfonds empfiehlt, selbst wenn er nicht davon überzeugt ist, dass sich der teurere Fonds besser schlagen wird.

Die Bank muss sagen, was Du an Gebühren zahlst

Meiner Ansicht nach sollten die jährlichen Gebühren für Deine Investitionen alles in allem nicht mehr als 0,5 Prozent Deines Depotwerts (also des Wertes aller Deiner Anlagen zusammen) ausmachen. Wenn Du mehr bezahlst, zahlst Du zu viel und solltest prüfen, ob Deine Fonds zu teuer oder die Transaktionskosten bei Deiner Bank zu hoch sind. Eine Depotgebühr solltest Du ohnehin nicht bezahlen.

Wie aber siehst Du, wie viel Du an Kosten und Gebühren bezahlst? Hier hat Dir der Gesetzgeber geholfen. Seit 2018 müssen Banken und andere Finanzdienstleister Dir einmal im Jahr einen sogenannten ex-post Kostenausweis zur Verfügung stellen. Darin ist sowohl der Gesamtbetrag aller Kosten und Gebühren als auch eine Aufschlüsselung auf die einzelnen Posten enthalten. Am Gesamtbetrag erkennst Du schnell, ob Du zu viel bezahlst. Anhand der Aufschlüsselung kannst Du sehen, woran es liegt. Außerdem zeigt sie Dir besonders teure Produkte auf, deren Austausch die Gebühren weiter senken kann.

Besonders interessant ist übrigens die Information, wie viel Deine Bank an Dir verdient. Der ex-post Kostenausweis muss auch diese Information enthalten. Neben den Transaktionsprovisionen, Depotgebühren (hoffentlich keine!) und Ausgabeaufschlägen siehst Du für jedes Produkt die Bestandsprovision („Kick-backs“), die Deine Bank jährlich dafür erhält, dass sie Dir das Produkt einmal vermittelt hat.

Diese Information finde ich zum einen besonders interessant, weil Du siehst, wie viel Du Deiner Bank jährlich für ihren Service zahlst und Dir selber ein Bild davon machen kannst, ob Du den Betrag angemessen findest, und zum anderen, weil sie Dir einen guten Eindruck von der Motivation Deines Beraters vermittelt.

Vermögensverwaltung lohnt sich nicht

Falls Dir 500.000 Euro oder mehr zur Anlage zur Verfügung stehen, wird Deine Bank versuchen, Dich in eine Vermögensverwaltung zu drängen. Der (vermeintliche) Vorteil einer Vermögensverwaltung ist, dass Du Dich um nichts mehr kümmern musst. Die Bank legt Dein Geld für Dich an, behält Dein Portfolio im Auge und tätigt Ver- und Zukäufe für Dich, ohne vorher mit Dir Rücksprache zu halten. Dafür erteilst Du der Bank eine Vollmacht, über die Vermögenswerte in Deinem Depot zu verfügen. Du erhältst lediglich in regelmäßigen Abständen eine Depotübersicht, die Dein Bankbetreuer ein paar Mal im Jahr bei einer Tasse Kaffee und Keksen mit Dir durchgeht. Dazu gibt es zum Ende des Jahres einen Kalender, einen Notizblock oder dergleichen.

Um aber nicht allzu zynisch zu werden: Eine Vermögensverwaltung ist in der Regel besser, als gar keine Investments zu tätigen. Und es gibt Menschen, die sich Vermögensentscheidungen selber einfach nicht zutrauen und vor lauter Angst in Starre verfallen. Für solche Menschen mag eine Vermögensverwaltung sinnvoll sein, wenngleich ich auch in diesen Fällen zumindest ein Beratungsdepot (dazu unten) vorziehen würde. Im Übrigen sollte man den Bankbetreuer dann ehrlicherweise eher als (kostenpflichtige) psychologische Betreuung denn als Vermögensberatung betrachten.

Eine Vermögensverwaltung ist teuer (je nach Vermögen zwischen 0,75 Prozent und 2 Prozent). Transaktionsgebühren und Depotgebühren sind dabei in aller Regel inbegriffen. Die Bank lässt sich das „Rundum-sorglos-Paket“ und Händchenhalten fürstlich vergüten. Deshalb ist die Vermögensverwaltung aus Sicht des Anbieters auch so attraktiv.

Wie oben dargestellt, fallen Gebühren in dieser Höhe ins Gewicht und mindern Deinen Investmentertrag und damit -erfolg erheblich. Wenn man davon ausgeht, dass Du je nach Anlageverhalten (konservativ oder mutiger) jährlich zwischen fünf bis sieben Prozent erzielen kannst, gehen bei einer Vermögensverwaltung zu zwei Prozent Gebühr ein Drittel Deiner Erträge für die Verwaltung Deines Vermögens drauf. Das ist zu viel! Und wenn Du Dir jetzt noch den Zinseszinseffekt mit anderen Vorzeichen von Gebühren vor Augen hältst, merkst Du, dass eine Vermögensverwaltung auf die Dauer richtig ins Geld geht. Deshalb kann ich von einer Vermögensverwaltung nur abraten.

Banken empfehlen Vermögensverwaltungen gerne mit dem Hinweis auf MiFID II/MiFIR. Das ist ein europäisches Gesetzeswerk, das viele verbraucherschützende Regeln enthält. Dazu zählt beispielsweise, dass der Anlageberater vor jeder Empfehlung überprüfen muss, ob die konkrete Anlage für Dich geeignet ist, dass er Dir vor dem Kauf einen Kostenausweis (dazu unten) geben muss und vieles mehr. Das dient Deinem Schutz, führt aber zu viel Papierkram. In der Vermögensverwaltung entfällt das alles wegen der Vollmacht. Aber selbst wenn Du das Zeug nicht liest, solltest Du das viele Papier auf keinen Fall zum Anlass nehmen, Dich in eine teure Vermögensverwaltung zu begeben. Wirf das Papier im Zweifel einfach weg (wenngleich ich Dir die Lektüre insbesondere von Kostenausweisen ans Herz legen möchte).

Bei einer Vermögensverwaltung hast Du keine Kontrolle mehr (schlechte, teure Produkte)

Ein weiteres Problem der Vermögensverwaltung ist, dass Du jegliche Kontrolle über Dein Depot abgibst. Das kann die Bank dazu verleiten, im Rahmen der Vermögensverwaltung unverhältnismäßig viele hauseigene Produkte zu kaufen, um so noch mehr an Dir zu verdienen. So ist es beispielsweise denkbar, dass eine Vermögensverwaltung der Deutschen Bank Dir Fonds der DWS (auch nach dem Börsengang der DWS noch eine Tochter der Deutschen Bank) ins Depot legt, obwohl ein konzernfremder ETF oder Indexfonds ebenso geeignet und viel günstiger wäre. Kauft die Deutsche Bank Dir nämlich einen DWS Fonds, verdient sie doppelt an Dir. Einmal an der Vermögensverwaltung und einmal am Fonds.

Ärgernis Depotgebühren

Manche Banken verlangen für Dein Depot eine Depotgebühr. Dabei handelt es sich um eine Gebühr, die letztlich für die Verwahrung Deiner Wertpapiere und Fonds sowie die Erstellung von Übersichten, Steuerbescheiden (manchmal werden diese noch extra berechnet), Porto und den Zugang zu einem Berater anfallen. Depotgebühren sind Verhandlungssache. Depotgebühren von 1 Prozent oder mehr sind schlichtweg unverschämt, Gebühren von 0,5 Prozent zu hoch und Gebühren von 0,25 Prozent oder weniger Geschmacksache.

Ich persönlich lehne Depotgebühren ab. Wenn es schlicht um die Erstattung von Aufwendungen für Porto, die Erstellung von Übersichten und Steuerbescheinigungen geht, bezahle ich die gerne gesondert. Aber dass jemand Jahr für Jahr einen Prozentsatz meines Vermögens für die schlichte, heutzutage vollautomatisierte Verwahrung erhält, finde ich nicht richtig. Es gibt genug Anbieter, die keine Depotgebühr erheben. Im Zweifel würde ich meine „Fixkosten“ geringhalten und lieber für die einzelne Transaktion und sonstige Leistungen etwas mehr zahlen.

Einfach vermeiden lassen sich Depotgebühren durch Direktbank- oder Online-Depots. Ich habe ein MaxBlue-Depot bei der Deutschen Bank. Es gibt sicher, was die Transaktionsgebühren betrifft, noch billigere Anbieter. Das ist mir in Anbetracht der nun doch relativ geringen Beträge aber egal. An dieser Stelle überwiegen bei mir die Trägheit und das Prinzip „bekannt und bewährt“. Wer von Grund auf anfängt und sich erstmals ein Depot anlegt, kann sich in Fachpublikationen und im Internet über die Konditionen informieren. Abraten möchte ich allerdings davon, an dieser Stelle nur nach dem Preis zu gehen. Bevor ich bei einem dubiosen Anbieter lande oder bei jemandem, der nicht in der Lage ist, mir meine Steuerbescheinigungen ordentlich zu erstellen, oder bei dem ich im Fall der Fälle keinen Ansprechpartner habe, zahle ich lieber ein wenig mehr. Ich würde deshalb einen der Marktführer wählen. MaxBlue (Deutsche Bank), Comdirect (Commerzbank), ING DiBa (ING Bank) und Consors (BNP Paribas) sind sicher alle okay.

Transaktionsgebühren weiter auf dem Rückzug

Mit Blick auf die Transaktionsgebühren, also die Gebühren, die beim Kauf beziehungsweise Verkauf eines Wertpapiers oder eines Fonds über die Börse anfallen, gilt das oben Gesagte entsprechend. Auch hier sind Direkt- und Onlinebanken am günstigsten.

Der Trend geht übrigens hin zu gebührenfreien Transaktionen. Vorreiter war hier die Firma Robinhood in den USA. Große und etablierte Firmen wie Charles Schwab, TD America und E-Trade sind ihr gefolgt und bieten nun alle in den USA gebührenfreie Transaktionen an. In Deutschland etwa Trade Republic. Die Anbieter liefern Orders an große Broker weiter und werden dafür bezahlt. Das Risiko dabei ist, dass bei manchen dieser Broker die Kurse weniger fair sein können als an überwachten Börsen.

Produktkosten: TER ist entscheidend

Neben den Depotgebühren, Transaktionskosten und ggf. den Gebühren für eine Vermögensverwaltung können auf der Ebene der Produkte Kosten anfallen. Das gilt insbesondere für Fonds (und für Zertifikate, über die ich aber ja nicht schreiben wollte).

Fonds müssen verwaltet werden, ihre Vermögenswerte verwahren (lassen), Jahresprüfberichte von Wirtschaftsprüfern erstellen lassen, Kapitalflüsse wie Zins- und Dividendeneinnahmen und Ausschüttungen an die Fondsinhaber verwalten, die Ausgabe und Rücknahme von Fondsanteilen bereithalten und durchführen und vieles mehr. All das kostet Geld. Außerdem müssen das Fondsmanagement, die Miete und andere Overhead-Positionen bezahlt werden. Je nach Größe des Fondsvolumens fallen diese Kosten mehr oder weniger ins Gewicht. Verwaltet der Fonds ein großes Fondsvermögen, treten Skaleneffekte ein und fallen einige der Positionen auf den Anteil bezogen weniger ins Gewicht. Der Löwenanteil der Kosten ist aber die Verwaltungsgebühr, die immer als ein Prozentsatz des verwalteten Vermögens erhoben wird. Schon das ist bemerkenswert, aber nun einmal der Fall. An Größenvorteilen und Skaleneffekten lassen uns die Fondsgesellschaften nicht partizipieren.

Wie sich die Kosten genau zusammensetzen, muss Dich eigentlich nicht weiter interessieren. Für Dich zählt nur, wie hoch die Kosten in Relation zu Deinem investierten Betrag sind. Man spricht von der Total Expense Ratio (der TER oder den Gesamtkosten), welche für jeden Fonds im Key Investor Information Document (KIID) ausgewiesen sein müssen. Die meisten Fonds geben die TER auch schon in ihrer Fondsübersicht auf Ihrer Website oder im Datenblatt an.

Die TER ist deshalb ein guter, wenngleich nicht perfekter Anhaltspunkt für Dich. Nicht perfekt ist sie deshalb, weil sie leider nicht alle Kostenpositionen enthält. Enthalten sind zwar die Kernpositionen wie die Verwaltungsgebühr, Verwahrgebühr und andere administrative Kosten. Aus welchem Grund auch immer sind aber die Transaktionskosten, also die Kosten, die beim Kauf und Verkauf der einzelnen Wertpapiere anfallen, nicht ausgewiesen, obwohl sie vom Fonds getragen werden.

Die eigentlichen Kosten eines Fonds liegen deshalb regelmäßig über der TER. Professionelle Anleger verlangen von den Fondsgesellschaften deshalb teilweise die Total Cost of Ownership Ratio, die wirklich alle Kosten enthält, die mit dem Besitz des Fonds anfallen. Als Privat- und Kleinanleger kommst Du an diese Information aber leider nicht heran. Mache Dir deshalb nur klar, dass die tatsächlichen Kosten in ihrer Summe etwas höher sind als die TER. Der Begriff Total Expense Ratio (oder Gesamtkosten) ist insoweit etwas irreführend.

Bei Direktanlagen in Aktien und Anleihen, wenn Du also selber Aktien oder Anleihen kaufst, fallen keine Produktkosten an. Diese sparst Du deshalb bei der Direktanlage.

Vertriebsprovisionen: Hier kassiert Deine Bank

Wie oben schon angesprochen, bezahlen viele Fondsgesellschaften andere für den Vertrieb ihrer Fonds. Die Vergütung besteht aus zwei Komponenten:

Ausgabeaufschlag
Du zahlst beim Kauf eines Fonds oft einen (verhandelbaren) Ausgabeaufschlag. Dieser fließt unmittelbar an den Vertrieb. Ein marktüblicher Ausgabeaufschlag wird mit fünf Prozent ausgewiesen, kann aber runtergehandelt werden. Wie weit, hängt von der Anlagesumme ab.

Der Ausgabeaufschlag ist für Dich insofern besonders misslich, als Dir am Tag eins Deines Investments erst einmal fünf Prozent Deines Anfangsanlagebetrags fehlen. Du musst diese fünf Prozent erst einmal erwirtschaften, bevor Du wieder bei Plus-Minus-Null bist und es richtig losgehen kann. Bei einem realistisch zu erwartenden Ertrag von fünf bis sieben Prozent ist das erste Jahr also allein schon wegen des Ausgabeaufschlags futsch. Und auch hier gilt natürlich das Zinseszinsprinzip. Die gezahlten fünf Prozent sind ein für alle Mal weg und können für Dich keinen Ertrag und keinen Ertrages-Ertrag erwirtschaften. Die fehlenden fünf Prozent wirken sich also fortwährend und mit der Zeit exponentiell negativ auf Deinen Investmenterfolg aus.

Bestandsvergütung („Kick-backs“)
Der zweite Teil der Vertriebsvergütung besteht aus der sogenannten Bestandsvergütung. Diese wird vom Fonds (beziehungsweise der Fondsgesellschaft) an den Vertrieb gezahlt. Und zwar nicht nur einmal, sondern fortlaufend jedes Jahr wieder.

In der Regel beträgt die Bestandsvergütung 50 Prozent der Verwaltungsgebühr. Da diese den Löwenanteil der TER ausmacht, kann man sagen, dass ca. 50 Prozent der TER an den Vertrieb gezahlt wird. Und das jedes Jahr wieder! Das muss man sich erst einmal klarmachen. Ich wage die These, dass das den wenigsten Fondsanlegern bewusst ist.

Wenn man sich den Ausgabeaufschlag und die Bestandsprovision vor Augen hält, versteht man auch, warum kein Anlageberater (also Vertriebler) Dir zu einem Fonds raten wird, der keine Vertriebsvergütung (auch Vertriebsprovision genannt) zahlt.

Der Anlageberater ist einem handfesten Interessenkonflikt ausgesetzt. Rät er Dir zu einem Fonds, der keine Vertriebsprovision bezahlt, verdient er kein Geld. Rät er Dir zu einem Fonds mit Vertriebsprovision, klingelt beim Anlageberater hingegen die Kasse. Und zwar einmal sofort in Höhe des Ausgabeaufschlags und dann jedes Jahr wieder in Form der Bestandsprovision.

Kein Mensch kann diesem Interessenkonflikt standhalten!
Großbritannien und die Niederlande haben Vertriebsvergütungen deshalb verboten. Dort muss der Anlageberater sein Geld anders verdienen, etwa über einen Stundensatz für seine Beratung.

Du musst Dir der Vertriebsstrukturen und -vergütungen deshalb bewusst sein und wissen, dass Dir kein Bank- oder Sparkassenberater von sich aus einen Fonds ohne Vertriebsvergütung empfehlen wird. Danach musst Du ausdrücklich fragen.

Welche Fonds enthalten Vertriebsvergütungen und welche nicht?

Die Faustformel lautet: Aktiv gemanagte Fonds der Fondshäuser großer Banken, also zum Beispiel der Deka, der DWS und der Union Invest werden nach dem oben geschilderten Vertriebssystem an den Mann gebracht. Das Gleiche gilt für die Fonds der Allianz Global Investors.

ETFs und Indexfonds hingegen zahlen keine Vertriebsprovisionen. Sie sind deshalb deutlich billiger.

Während ein aktiv gemanagter Aktienfonds eine TER von ca. 1,5 Prozent hat, liegt diese bei Standard-ETFs (wie beispielsweise auf den Dax 30) oft unter 0,1 Prozent.

Nützliche Kostenübersicht

Falls Dir das mit den Kosten und Gebühren etwas zu komplex geworden ist, habe ich eine wirklich gute Nachricht für Dich: Der Gesetzgeber hat Dir ein wertvolles Geschenk gemacht.

Jede Bank und jeder Anlageberater muss Dich zu zwei Zeitpunkten über alle (!!!) Kosten und Gebühren informieren und aufklären, die (i) beim Kauf und (ii) während der Haltedauer, eines Finanzprodukts anfallen. Diese Aufklärungspflicht muss dabei speziell auf Deinen Kauf zugeschnitten sein. Eine abstrakte Darstellung der Gebühren und Kosten reicht nicht. Vielmehr muss Dir für Dein konkretes Anlageprodukt und Deinen konkreten Anlagebetrag aufgezeigt werden, welche Kosten und Gebühren beim Kauf und während der Haltedauer anfallen. Und dabei müssen alle Kosten und Gebühren einbezogen werden, von der Depotgebühr, über die Transaktionskosten bis hin zu den vollständigen Produktkosten. Die Kostenausweise gehen damit über das KIID hinaus, das ja nicht die Transaktionskosten auf Fondsebene in die TER einbezieht.

Außerdem muss Dir die Höhe der Vertriebsprovisionen ausgewiesen werden.


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Wie bereits gesagt, müssen Dir diese Informationen zu zwei Zeitpunkten zur Verfügung gestellt werden, nämlich einmal, bevor Du Deine Anlageentscheidung triffst und Deinen Kauf tätigst (ex-ante Kosteninformation), und dann jährlich rückblickend (ex-post Kosteninformation).

Motivation / Interessenkonflikt Deines Beraters

Auf den Interessenkonflikt Deines Anlageberaters bin ich schon eingegangen. Dein Berater will (und muss) an Dir Geld verdienen. Er ist dabei einem nicht unerheblichen Druck seines Arbeitgebers ausgesetzt. Banken und andere Finanzdienstleister setzen ihren Mitarbeitern Vertriebsziele, die erreicht werden sollen. In einem Monat soll ein Immobilienfonds an den Mann gebracht werden, im nächsten ein Themen-Fonds. Kurzum: Die Beratung Deines Anlageberaters ist mit großer Vorsicht zu genießen.


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