Börse im Übernahmefieber Gewinnen mit der Jagd auf Übernahmekandidaten

Der Dax tastet sich an die 10.000-Punkte-Marke heran, die Luft an der Börse wird dünner. Warum Anleger jetzt die Aktien von Unternehmen kaufen sollten, die im Visier von Firmenjägern stehen, in welchen Branchen das Übernahmefieber steigt.

Quelle: Marcel Stahn

Von Stefan Hajek, Matthias Hohensee, Hauke Reimer, Christof Schürmann, Cornelius Welp und Sebastian Kirsch

Fressen oder gefressen werden? Kaum einem europäischen Unternehmenslenker stellt sich diese Frage so massiv wie Vodafone-Chef Vittorio Colao. Im September hatte er angekündigt, seine 45 Prozent am US-Mobilfunker Verizon Wireless für 130 Milliarden Dollar an den Partner Verizon zu verkaufen. Vor einem Monat genehmigten die Kartellbehörden den Deal. Nun steht Colao unter Zugzwang, er muss fressen, die Milliarden wie geplant für Zukäufe im Kernmarkt Europa einsetzen. Denn mit seiner prall gefüllten Kasse könnte Vodafone sonst selbst gefressen werden. US-Gigant AT&T soll ein Auge auf die Briten geworfen haben. Ein Zusammenschluss würde einen Giganten mit knapp 380 Milliarden Dollar Marktwert schaffen. Seit Ende August hat die Vodafone-Aktie fast 30 Prozent zugelegt, fast doppelt so viel wie der Index Eurostoxx 50.

Die größten Deals der Unternehmensgeschichte
Platz 1072,0 Mrd. Dollar zahlte der Kabelkonzern Comcast für AT&T Broadband (2001). Quelle: dapd
Platz 972,6 Mrd Dollar zahlte der Versicherer Travelers Group für Citicorp (1998). Quelle: REUTERS
Platz 872,7 Mrd Dollar zahlte der Mobilfunkkonzern AT&T für BellSouth (2006). Quelle: AP
Platz 774,6 Mrd Dollar zahlte der Ölmulti Royal Dutch Petroleum für Shell Transport & Trading (2004). Quelle: dapd
Platz 676,0 Mrd Dollar zahlte der Pharmakonzern Glaxo Wellcome für SmithKline Beecham (2000). Quelle: AP
Platz 5 78,9 Mrd Dollar zahlte der Ölkonzern Exxon für Mobil (1998). Quelle: AP
Platz 489,2 Mrd Dollar zahlte der Pharmamulti Pfizer für Warner-Lambert (1999). Quelle: AP
Platz 398,2 Mrd Dollar zahlte das Bankenkonsortium RFS für ABN-AMRO (2007). Quelle: REUTERS
Platz 2164,7 Mrd Dollar zahlte der Internetdienst American Online AOL für Time Warner (2000). Quelle: dpa
Platz 1202,8 Mrd Dollar zahlte Vodafone für die Mannesmann AG (1999). Quelle: dpa/dpaweb

Noch aber ist der Markt nicht heiß gelaufen. Übernahmen deutscher Unternehmen im Gesamtwert von 82 Milliarden Euro hat der Dienstleister Dealogic in seiner Datenbank, 37 Prozent mehr als 2012, aber deutlich weniger als die 137 Milliarden aus dem Rekordjahr 2007. Für Anleger ein gutes Zeichen: Der Markt für Fusionen und Übernahmen signalisiert noch nicht, dass die Börse übertreibt. „Nach einem Plus von 25 Prozent im Dax 2013 suchen Anleger Sondersituationen. Im reifen Haussezyklus tritt das Thema Übernahmen so in den Vordergrund“, beobachtet Michael Kollenda, Vorstand von Salutaris Capital Management in München.

Übernahmefantasie und bereits laufende Aufkäufe stützen die Kurse begehrter Unternehmen. Selbst wenn die Börse einbricht, verliert ein Aufkäufer nicht schlagartig das Interesse an seinem Zielobjekt. Er wird eher weiter Stücke einsammeln. Gerade bei heiß laufenden Börsen bieten Übernahmeaktien deshalb Kurschancen und Sicherheit. Was spricht dafür, dass es 2014 mehr Übernahmen geben wird?

  • Historisch niedrige Zinsen ermöglichen günstige Finanzierungen.
  • Unternehmen sind noch nicht zu teuer. „Die Bewertungen sind im Durchschnitt noch attraktiv“, urteilt Alexander Roos, Leiter des Geschäfts mit Übernahmen bei Boston Consulting. Unternehmen suchten bei Übernahmezielen Wachstum und Innovationen. „Allerdings sind viele aus Angst vor volkswirtschaftlichen Schocks immer noch zurückhaltend“, sagt Roos.

Die größten Übernahmen und Aktienpaket-Verkäufe 2013

  • Doch diese Ängste lassen offenbar nach. „Das Umfeld hat sich stabilisiert, die Unternehmen haben viel Bargeld und stehen unter Druck, für Wachstum zu sorgen“, sagt Alexander Doll, Co-Deutschland-Chef von Barclays. In stagnierenden Branchen, etwa der Telekomindustrie, könnten Firmen nur noch durch Übernahmen wachsen.
  • „Viele der potenziellen Übernahmeziele haben sich schlankgespart und lupenreine Bilanzen, was sie noch attraktiver macht“, sagt Tim Schmiel, auf Übernahmen spezialisierter Manager von VM Vermögen in Düsseldorf. Potenzielle Ziele könnten dank hoher Cash-Flows Zinsen für Kredite aus Übernahmefinanzierungen selbst tragen.
  • Auch der Kursaufschwung dürfte helfen. „Börsennotierte Unternehmen können den Weg der Kapitalerhöhung nutzen oder ihre Aktien als Währung einsetzen“, sagt Jens Maurer, Leiter des deutschen Übernahmegeschäfts bei Morgan Stanley.
Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%