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Börse Meeresfrüchte am Aktienmarkt

Die Wall Street bekommt Facebook, in Frankfurt gibt's Tiefkühlfisch: Ein kritischer Blick auf die Neuzugänge an der Börse in Frankfurt.

Aktien chinesischer Meeresfrüchtelieferanten gehören zu den Neuzugängen auf dem Frankfurter Parkett. Als Geldanlage wohl am ehesten Risikoliebhabern zu empfehlen. Quelle: dpa

Die Szene hat etwas Surreales. Nach Austausch von Verbeugungen und Visitenkarten setzt Herr Chen Zhenkui zu einer dreiminütigen Ansprache an, auf Chinesisch. Börse global in Frankfurt: Der freundliche ältere Herr will deutschen Anlegern Aktien seiner Haikui Seafood verkaufen. Er hält die Hälfte der Aktien, nach dem Börsengang wäre das Unternehmen rund 150 Millionen Euro wert.

Haikui sitzt auf der Insel Dongshan in Südostchina und ist ein ziemlich großer Händler von gefrorenen und konservierten Fischen und Meeresfrüchten, einschließlich "Kopffüßern und Seeohren". Was Seeohren sind, kann der Investor nachschlagen (Meerwasserschnecken), andere Fakten sind schwerer überprüfbar.

Der Vorstand wirkt glaubwürdig, aber welcher Investor oder Analyst reist schon nach China, um sich dort Fischfabriken anzusehen?

Aktie zum Spottpreis

Die Aktie gibt es, wenn man der Studie der Emissionsbank BankM glauben mag, fast geschenkt. 31 Euro soll sie wert sein, gezeichnet werden kann sie bis zum 10. Mai für 10 bis 13 Euro.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt damit bei vier - lächerlich billig. Verkauft wird über Direktbanken an Privatanleger. Fonds und Versicherungen fassen solche Aktien nicht an. Zu klein, zu undurchsichtig.

Was von China-Unternehmen im Westen so durchdringt, schafft kaum Vertrauen. Die Aktie der in Toronto notierten Sino Forest etwa brach 2011 ein, nachdem dem Unternehmen vorgeworfen wurde, es habe zu hohe Waldflächen ausgewiesen. Selbst Hedge-Fondsstar John Paulson ging Sino Forest auf den Leim - und der hat bestimmt Analysten nach China geschickt.

Verzögerungen bei chinesischen Bilanzen

Franfurter Börse Quelle: dpa

Mehrere in den USA gelistete China-Unternehmen hängen mit der Veröffentlichung ihrer Bilanzen hinter dem Zeitplan, bisweilen geht es drunter und drüber. Der Bildungskonzern China Cast etwa beklagte sich, sein Chef habe sich geweigert, Wirtschaftsprüfer zu bezahlen und ihnen Unterlagen zu geben.

Als der Mann dann gefeuert wurde, habe er die Firma beklaut. In Frankfurt schob der Müllverbrenner Zhong De seine Bilanz vom 30. April auf Mitte Juni.Anleger wittern Unrat, die Aktie, einst bei 38 Euro, kostet noch 2,70 Euro.

Wer greift durch?

Kein Wunder also, dass Haikui so billig ist. Ein paar Punkte stimmen auch hier befremdlich. So ist der Unternehmensaufbau dreistufig: AG in Hamburg, Holding in Singapur, Geschäft in China. Wie sollen die Herren im Aufsichtsrat da von Hamburg aus kontrollieren?

Der von seinen Co-Vorständen auffällig respektvoll behandelte Chen Zhenkui wirkt nicht so, als ob er sich ins Fischgeschäft reinreden lasse. Wer hinter den Großaktionären steckt, die auf Samoa, den Jungferninseln und in Singapur residieren, wird auch nicht klar.

Haikui ist der erste regulierte Börsengang in Frankfurt 2012, Volumen: 22 Millionen Euro (Facebook will 11,8 Milliarden Dollar).

Solange große Kandidaten wie Talanx, Evonik und Osram nicht zu Potte kommen, gibt´s in Frankfurt eben Seeohren. Schlimm ist das nicht, zeigt es doch, dass Verkäufern die Preise für deutsche Aktien immer noch zu niedrig sind.

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