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Börse Ökostrom-Aktien mit Überlebenschancen

Nach Fukushima und dem Atomausstieg einiger Länder wähnten sich Wind- und Solarbranche vor einer glänzenden Zukunft. Doch die Hoffnungen sind schnell zerplatzt; nun droht gar eine Pleitewelle. Unternehmen, die überleben, sind für Anleger aber langfristig attraktiv.

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Bau eines Solarparks Quelle: dpa

Lukas Podolski gilt nicht als der große Rhetoriker unter den Fußballstars. Im Werbespot für den Solarkonzern Solarworld muss er nur kurze Sätze sprechen: „Bin tanken!“, und „Unser’n Strom machen!“, antwortet er der Frauenstimme aus dem Off, welche ständig wissen will, was Poldi so treibt. Der Star des 1. FC Köln betankt im Filmchen ein Elektroauto unter einem Solar-Carport und sonnt sich im Garten des Einfamilienhäuschens, das mit blauen Modulen von Solarworld bedeckt ist.

Nicht nur der Konzern des Solarpioniers und FC-Köln-Fans Frank Asbeck hat den Fußball als Werbeträger entdeckt. Es gibt kaum ein Bundesliga-Stadion, in dem nicht seit Neustem die besten Banden für Solarhersteller reserviert wären: in Hoffenheim Suntech, in Nürnberg Canadian Solar, in Leverkusen SunPower. Für Yingli wirbt Bayern München; Q-Cells lässt sich die Werbung mit deren ärgstem Widersacher Dortmund einige Millionen Euro im Jahr kosten. Erstaunlich: Die Clubs sind inzwischen oft weit finanzstärker als ihre Sponsoren aus der Solarbranche, von denen einige gegen die Pleite kämpfen.

Ehrgeizige Pläne

Dabei stand die Industrie noch vor wenigen Monaten vor einer goldenen Zukunft. Nach dem Atomunglück in Fukushima hatte Deutschland dem Atomstrom abgeschworen, viele Staaten wollten folgen und legten ehrgeizige Pläne zum Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Das müsste den Bedarf an Windrädern und Solarmodulen vervielfachen – so das Kalkül der Anleger. Die Aktien der Hersteller setzen zur Rally an. Nordex etwa machte in den Wochen nach Fukushima gut 60 Prozent plus; Solarworld 50 Prozent und Solon rund 200 Prozent.

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    Es war das sprichwörtliche Strohfeuer: Fast alle Solar- und Windaktien notieren heute tiefer als vor dem Atomunfall. Marktführer Solarworld etwa hat seit Mai 75 Prozent verloren; der weltweite Index der Solaraktien, Solex, ist seit dem Frühjahr um 50 Prozent eingebrochen, er verlor 40 Prozentpunkte mehr als der Rest der Börsen. Einige Anleihen der Firmen haben ihren Wert halbiert. Viele Investoren rechnen nicht damit, dass die Solar- und Windkonzerne ihre Schulden zurückzahlen.

    Chancen für weitblickende Anleger

    Für weitblickende Anleger tun sich so aber Chancen auf. Nachrichtenfluss, Investorenstimmung und Analysteneinschätzungen sind so einheitlich mies, dass es nicht verwunderte, wenn die Börse nach unten übertriebe. Zumal sich an den langfristigen Perspektiven der Wind- und Sonnenbranche nicht viel geändert hat. In einigen Jahren wird weltweit sehr viel mehr Strom aus erneuerbaren Quellen kommen als heute. Die Türkei, Südafrika, Mexiko, Brasilien, die USA, vor allem aber China und Indien bauen die Solar- und Windenergie aus. Wer jetzt Papiere der Hersteller ordert, die überleben werden, kauft wahrscheinlich günstig.

    Geduld und Nervenstärke werden die Märkte Anlegern aber abverlangen. Denn zunächst steht die Industrie vor einer Marktbereinigung, die finanziell schwachbrüstige Hersteller nicht überleben werden. Solon, einst Vorzeigefirma der Branche, musste Mitte Dezember Insolvenz anmelden. Solon ist mit mehreren Hundert Millionen Euro verschuldet, die Verhandlungen mit den Banken sind gescheitert. Nun soll angeblich eine Investorengruppe eine Übernahme des insolventen Solar-Pioniers prüfen. Ausgang ungewiss. Anleger dürften jedoch so oder so den Gutteil ihrer Investments verlieren; das gilt sowohl für die Aktien als auch die Anleihen des Unternehmens.

    Mehr Privatkunden sollen begeistert werden

    Solarworld wirbt mit Lukas Podolski Quelle: Pressebild

    Solon ist das bisher prominenteste Opfer der Branche. Es werden weitere Insolvenzen folgen. Denn die Umsätze und Gewinnmargen sind fast in allen Unternehmen der Branche unter Druck. Mit der Fußballwerbung greifen sie nach dem letzten Strohhalm: Mehr Privatkunden sollen für Solaranlagen begeistert werden. Die zahlungskräftigen Großabnehmer wie Solarparks und geschlossene Fonds halten sich zurück; zu sehr verunsichert sie die anhaltende politische Debatte über weitere Subventionskürzungen. Noch-Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) drängt auf eine stärkere Kürzung; Stand heute soll die Einspeisevergütung für Solarstrom um 15 Prozent von 2011 auf 2012 sinken.

    Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist gegen noch schnellere Kürzungen, er fürchtet, dass der Export- und Zukunftsbranche sonst kurz vor dem globalen Durchbruch das Wasser abgegraben wird. Wie auch immer der Streit ausgeht, „die politische Unsicherheit verschreckt Großanleger, vor allem Risikokapitalgeber und Finanzinvestoren, die sich massenhaft aus der Branche verabschieden und anderen High-Tech-Bereichen zuwenden“, sagt der Solarmarktforscher Wolfgang Hummel.

    Banken halten sich bedeckt

    Zudem halten sich in der aktuellen Schuldenkrise die Banken bedeckt, wenn Großprojekte wie Offshore-Wind- oder Solargroßparks finanziert werden sollen. Auch Fonds wollen raus aus der Branche, „viele schichten radikal um in andere Technologieaktien, etwa Software; der Abgabedruck bei den Wind- und Solarwerten ist nach wie vor enorm“, beobachtet Sebastian Zank von Silvia Quandt Research.

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      Ihr größtes Problem hat sich die Branche selbst geschaffen: enorme Überkapazitäten. Angelockt durch die hohen Subventionen in vielen Staaten haben die Modulhersteller in den vergangenen Jahren in neue Fabriken investiert. Laut Studien der Bank Sarasin stehen dadurch weltweit einer Nachfrage nach 21 Gigawatt Leistung Produktionskapazitäten von 50 Gigawatt gegenüber. Die Fabriken sind im Schnitt nur zu rund 50 Prozent ausgelastet, heißt es in der Studie. Bis zu 40 Prozent des Bedarfs von 2012 liegen zudem bereits fertig in Vertriebskanälen der Hersteller.

      Überkapazitäten treiben Kosten

      Die Überkapazitäten binden Kapital und treiben die Kosten – ein Phänomen, das aus der eng verwandten Chipbranche mit ihren riesigen Fabriken bekannt ist. Folge: Die Solarmodulpreise kollabieren; 2009 fiel der Durchschnittspreis in Europa um 35, in Asien um 45 Prozent; 2010 gingen die Preise um 15 Prozent zurück, 2011 beschleunigte sich der Verfall auf 37 Prozent. Der Preisrutsch schmälert nicht nur die Umsätze, er zwingt Hersteller und Verarbeiter auch zu hohen Abschreibungen auf den Wert ihrer Lagerbestände. Im dritten Quartal rutschten viele in die roten Zahlen; sogar Solarworld, das sich als Marken- und Technologieführer sieht, musste erstmals einen Quartalsverlust ausweisen.

      Wo sich so viele negative Nachrichten häufen, sind die Aasgeier der Börse nicht weit: Spekulanten wie Hedgefonds wetten auf fallende Kurse, indem sie sich die Solar- und Windaktien bei Fonds ausborgen und sofort auf den Markt werfen, was den Preisverfall verschärft; später kaufen sie sie billig zurück und streichen die Differenz als Gewinn ein. Bei manchen Solarfirmen seien bis zu 45 Prozent der handelbaren Aktien an Hedgefonds verliehen, haben die Marktforscher von Data Explorers aus London ausgerechnet. Eine enorme Menge; im Durchschnitt aller Branchen sind nur 1,5 Prozent der deutschen Aktien an Shortseller verliehen. Bei Q-Cells waren im November und Oktober zeitweise 43 Prozent des Streubesitzes im Besitz der Leerverkäufer, bei First Solar 22, bei Solarworld 14 und beim Wechselrichter-Bauer SMA rund zehn Prozent.

      Nicht so düstere Zukunft

      Philipp Rösler Quelle: dapd

      Die Aktien der Überlebenden der Krise dürften sich aber im Nachhinein als lukrative Investments herausstellen. Langfristig wird die Technik sich durchsetzen. Weltweit sinken, dank höherer Wirkungsgrade und fallender Modulpreise, die Gestehungskosten für Wind- und Solarstrom. Die steigenden Preise für Kohle, Gas und Öl tragen ebenfalls dazu bei, dass Solarstrom immer attraktiver wird.

      Grid Parity, das ist aus Sicht der Abnehmer die Kostengleichheit mit dem restlichen Strommix im Netz (Kohle, Gas, Atom, Wind, Wasserkraft), wird schneller erreicht werden als noch vor wenigen Jahren erhofft; im Sonnengürtel der Erde, von Brasilien über Nordafrika und Arabien bis Indien, ist sie teilweise bald Realität. Die Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen Energiearten dürfte der Nachfrage nach Solarmodulen einen enormen Schub geben. „Man darf Grid Parity zwar nicht überschätzen; selbst in den Schwellenländern boomt die Solarindustrie zunächst mal nur dort, wo die staatlichen Subventionen am höchsten sind“, sagt Hummel, „langfristig wird sie aber der Solarenergie zu einem höheren Anteil am Strommix verhelfen.“

      Indien und China investieren

      Während Finanzierungsprobleme und politischer Gegenwind die Solarenergie in Europa bremsen und in den kommenden Jahren bestenfalls eine Stagnation des Neuzubaus zu erwarten ist, drücken viele Länder außerhalb Europas beim Ausbau auf die Tube. So will laut Sarasin-Studien Japan von 2010 bis 2015 im Schnitt jährlich 30 Prozent Solarkapazitäten zubauen, die USA 61 Prozent und China 58; Spitzenreiter ist Indien, das seine Solarstromkapazität bis 2015 pro Jahr im Schnitt um 101 Prozent steigern wird. Global wird die Solarenergie um 20 Prozent pro Jahr wachsen.

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        „Die Fotovoltaik straft mit ihrer rasanten technischen Entwicklung ihre Kritiker immer wieder Lügen“, sagt Sarasin-Analyst Matthias Fawer, „sie hat in den vergangenen Jahren die mit Abstand steilste Kostensenkungskurve aller Energieformen hingelegt.“ Noch vor 15 Jahren galt sie als nicht massentauglich, vor fünf Jahren dachte man, sie müsse noch 30 Jahre lang subventioniert werden, jetzt wird über Grid Parity in vielen Ländern ab 2014 nachgedacht.

        Wer kann profitieren?

        Die Frage aus Anlegersicht ist jedoch, wer davon noch profitieren kann. Nicht alle Hersteller werden bis dahin durchhalten. Neben Solon sind auch drei US-Hersteller – Evergreen Solar, Solyndra und Spectrawatt – sowie einige Dutzend nicht börsennotierte chinesische Produzenten 2011 pleitegegangen. Weitere Opfer sind unvermeidlich. In den Kursen mancher Anleihen spiegelt sich das deutlich wider. Einige Hersteller haben 2010 und 2011 Anleihen begeben, um sich je mit mehreren Hundert Millionen Euro Fremdkapital zu versorgen. Die Zinskupons von sechs Prozent und mehr pro Jahr schienen Anlegern attraktiv; sie griffen zu und trieben die Kurse der Anleihen zeitweise auf 105 Prozent. Nun sind sie eingebrochen. Ein Schuldschein von Solarworld mit einer Laufzeit bis 2017 etwa notierte zwischenzeitlich bei nur noch 50 Prozent des Ausgabekurses. Anfang Januar trieben plötzlich Gerüchte, der Stromversorger RWE erwäge eine Übernahme Solarworlds, den Kurs nach oben. Beide Seiten dementierten das Übernahmegerücht prompt; dennoch geht die Rally der Solarworld-Anleihe und -Aktie bisher unvermindert weiter. Die Wandelanleihen von Q-Cells hingegen haben sich geviertelt. Viele Marktteilnehmer fürchten, dass die Firmen die Zinsen nicht mehr bis zum Ende der Laufzeit zahlen können, und haben die Bonds verkauft.

        Sarasin-Banker Fawer hat Kriterien aufgelistet, die über Leben und Tod der Hersteller entscheiden werden. Neben einer langfristig tragfähigen Technologie sind

        • finanzielle Substanz
        • Zugang zu Fremd- und Eigenkapital
        • globaler Vertrieb und
        • Fähigkeit zur Großmengen-Produktion dabei essenziell. „Kurzfristig geht es für viele nur darum, dass sie sich genügend Geld verschaffen können, sei es Eigen- oder Fremdkapital zu akzeptablen Zinsen“, sagt Analyst Zank. Weil Banken knausern und Investoren zögern, geht vielen Unternehmen schlicht das Geld aus.

        Finanzlage

        Chancen und Risiken der Ökoaktien
        Aktien CentrothermBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoSolarmodule, Zellen/DeutschlandDE000A0JMMN2763 Mio. €201 Mio. €48 Mio. €398 Mio. € / 44 %75 Mio. €9/7(Klicken Sie auf die ISIN für den aktuellen Kurs) * 2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch   Stand: 17. Dezember 2011 Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: dpa
        Aktien General ElectricBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/Risikou.a. Wind/USAUS3696041033149.588 Mio. €139.788 Mio. €26.858 Mio. €97.546 Mio. € / 16 %391.560 Mio. €7/6* 2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/ 10 = hoch Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: dapd
        Aktien First SolarBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoDünnschicht-Solartechnik/USAUS33643310702945 Mio. €2814 Mio. €116 Mio. €2948 Mio. €/94 %keine8/8*2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: Pressebild
        Aktien ManzBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoSolarzulieferer/DeutschlandDE000A0JQ5U3226 Mio. €92 Mio. €–53 Mio. €187 Mio. € / 58 %10  Mio. €8/7*2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch   Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: Pressebild
        Aktien Meyer BurgerBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoSolarzulieferer/SchweizCH01085037951291 Mio. €511 Mio. €140 Mio. €624 Mio. € / 59 %keine7/6* 2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch   Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: Screenshot
        Aktien NordexBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoWindturbinen/DeutschlandDE000A0D6554946 Mio. €281 Mio. €–59 Mio. €427 Mio. € / 39 %34 Mio. €9/7*2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch   Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: Pressebild
        Aktien Q-CellsBranche/LandISIN Umsatz*Börsenwertfreier Mittelzufluss*Eigenkapital/EK-QuoteNetto-Finanz-SchuldenChance/RisikoSolarmodule, Zellen/DeutschlandDE00055586621022 Mio. €109 Mio. €21 Mio. €425 Mio. €/27 %505 Mio. €9/10*2011, geschätzt Chance/Risiko: 1 = niedrig/10 = hoch   Quelle: Bloomberg, Unternehmen Quelle: dpa

        Besonders brisant ist die Finanzlage neben Solon bei Q-Cells. Die Bitterfelder – einst größter Modulhersteller der Welt – haben drei Wandelschuldverschreibungen emittiert; eine läuft bereits im Februar 2012 aus; 200 Millionen Euro müssen dann refinanziert werden. Derzeit verhandeln die Bitterfelder intensiv mit den Gläubigern; eine möglich Stundung der dann fälligen200 Millionen ist aber derzeit durch Klagen gegen den Beschluss der Gläubigerversammlung blockiert. Derzeit hat Q-Cells noch 230 Millionen Euro an liquiden Mitteln in der Kasse; würde der Wandler komplett getilgt, hätte das Unternehmen kaum noch Geld für den laufenden Betrieb. Der Umsatz hat sich in einem Jahr fast halbiert, in den ersten neun Monaten 2011 liefen vor Steuern 419 Millionen Euro Verlust (EBT) auf; seit Oktober 2010 schrumpften die liquiden Mittel um die Hälfte, das Eigenkapital schmolz, von 880 Millionen auf nur noch 425 Millionen Euro. Kaum besser ist es um die Finanzstärke der deutschen Hersteller Conergy, Sunways, Payom und Phoenix bestellt.

        Viele Unternehmen haben es zudem in den fetten Jahren versäumt, ihre Marktposition in den sonnenreichen Entwicklungsländern auszubauen; nun werden sie von der subventionierten Billigkonkurrenz aus China regelrecht überrollt. „Das Geschäftsmodell der chinesischen Unternehmen ruht auf drei Säulen“, sagt Hummel: Billig produziert wird in China. Das internationale Kapital besorgen sie sich an der Wall Street. Und registriert sind nahezu alle großen chinesischen Unternehmen wie Suntech, JA Solar, Jinko, LDK, Sunergy, Trina, und Yingli auf den Cayman Islands, Bermudas oder British Virgin Islands. Das bringt Steuervorteile.

        Traditionell kreditfinanziert

        Deutsche Unternehmen sind dagegen traditionell kreditfinanziert, und die Banken knausern. Hinzu kommt, dass nahezu alle Zellen- und Modulhersteller ihre Geschäftsmodelle in Richtung Solarparkbau verändern, weil die Zellenproduktion allein kaum noch Marge abwirft. „Anlagenbau ist aber Projektgeschäft, das erfordert zusätzlichen Finanzbedarf“, sagt Hummel. Deutsche Solarunternehmen sind wegen ihrer fehlenden Finanzkraft international immer weniger wettbewerbsfähig, folgert Hummel: „Der deutsche Kapitalmarkt ist nicht in der Lage, ausreichend Unterstützung zu leisten.“

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          Um dem anhaltenden Kostendruck standzuhalten, müssen die Solarunternehmen große Mengen fertigen können; außer Solarworld und First Solar sind kaum westliche Unternehmen dazu in der Lage. Nicht nur die Chinesen, auch Großkonzerne wie Sharp, LG, Bosch oder Hyundai drängen in den Markt. Sie haben bei Banken besseren Zugang zu Kredit; über kurz oder lang dürften sie die heutigen Spezialisten aus dem Markt drängen. Hinzu kommt das Know-how der Konzerne beim Fertigen großer Serien in verwandten Technologien, etwa bei Flachbildschirmen. So sollen LG, Panasonic und Sharp weitreichende Pläne zur Dünnschicht-Solarmodulfertigung in der Schublade haben. Erfolgsverwöhnten Zulieferern wie SMA rücken Elektroriesen wie ABB und Siemens auf den Pelz.

          Übernahmewelle rollt

          In die Pioniere investierte Anleger können nur hoffen, dass der eine oder andere Hersteller mit interessanter Technik oder Kundenbasis übernommen wird und sie eine attraktive Abfindung für ihre Aktien herausschlagen. „Diese Übernahmewelle ist bereits angelaufen“, sagt Analyst Zank. In den ersten acht Monaten 2011 lag das Volumen der Übernahmen im Solarsektor laut Bloomberg schon 33 Prozent über dem des gesamten Jahres 2010, bei 3,3 Milliarden Dollar. Immer öfter sind die Käufer Industriegiganten. Bosch kaufte 2009 Aleo Solar und Ersol; der Ölkonzern Total kaufte 60 Prozent an Sunpower, die Schweizer Meyer Burger schluckt gerade den Solarzulieferer Roth & Rau.

          „Weitere kleine Unternehmen mit interessanter Technik könnten wegen ihrer niedrigen Aktienkurse bald zum Ziel für Großkonzerne werden“, schrieben die Analysten der Citibank in einer Branchenstudie vergangene Woche. Kriterien, auf die Anleger achten sollten, sind zukunftsfähige Technologie (SMA, Solarworld, Q-Cells, Centrosolar, Manz, Meyer Burger, Sunpower), breite Kundenbasis, vor allem in Schwellenländern (Yingli, First Solar, Suntech, Trina Solar, Gintech, Hanwa) und hoher Streubesitz (Solarworld, Q-Cells, Yingli, Phoenix Solar, First Solar. Siehe Bildergalerie). Die Citigroup nennt zum Beispiel SMA als „attraktives Ziel für vertriebs- und finanzstarke Großkonzerne, die einen schnellen Marktzutritt“ suchten.

          Wind: Ende der Flaute?

          Eine Familie spaziert an einer Windenergieanlage vorbei Quelle: dpa

          Anders als in der Solarbranche ist bei den Windturbinenbauern die Marktbereinigung schon fortgeschritten. Großkonzerne wie General Electric (USA), Siemens, ABB (Schweiz), Alstom (Frankreich) sind bereits im Markt aktiv. Zwar ist der Umsatzanteil der Windturbinen auf Konzernebene noch im einstelligen Prozentbereich, steigt aber schnell. „Auch in der Windbranche wird noch der eine oder andere finanzschwache Anbieter ausscheiden“, sagt Analyst Zank, „im Markt herrschen Überangebot, Preisverfall und hoher Finanzbedarf.“

          Denn die Branche durchläuft einen grundlegenden Wandel, und der kostet Geld. Zwar ist die Windtechnik der Fotovoltaik mindestens fünf Jahre voraus: Sie muss kaum mehr subventioniert werden; von Windanlagen produzierter Strom ist kaum teurer als der aus Kohle, Erdöl oder Gas. Doch die neuen Turbinen werden immer größer und erfordern jahrelange, kostspielige Entwicklung. Hatte die erste Generation noch eine Leistungsfähigkeit von 1,0 bis 2,5 Megawatt, muss die aktuelle schon 5,0 Megawatt leisten. Je größer die Turbine, desto geringer der Landverbrauch im Verhältnis zur gewonnenen Strommenge und desto kleiner die restlichen Kosten im Verhältnis zu den Erträgen.

          Vorteil für Großunternehmen

          Einige Turbinenbauer wie Repower und Siemens experimentieren bereits mit Zehn-Megawatt-Anlagen – eine Technik, deren Entwicklung und Umsetzung kleinere Anbieter überfordern wird. Hinzu kommt, dass die meisten neuen Großprojekte auf dem offenen Meer entstehen, die Offshore-Projekte aber sind extrem teuer, müssen meist mithilfe von Großkonzernen wie E.On oder Shell, auf jeden Fall aber durch Konsortien aus bis zu 25 Banken finanziert werden. Und die geben eher Alstom oder Siemens als einem Mittelständler Geld.

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            Vestas und Gamesa etwa, zwei der Profiteure der ersten Ausbauphase in Deutschland, Spanien und Italien, haben massive Überkapazitäten aufgebaut; nur leider nicht in den zukunftsträchtigen Feldern Fünf-Megawatt- und Offshore-Turbinen. Vestas müsste massiv investieren, um dort konkurrenzfähig zu werden. Gamesa leidet unter der Kürzung von Staatsgeldern in Spanien, ist dafür aber stark in den Wachstumsmärkten Lateinamerikas, etwa Kolumbien, Mexiko und Brasilien.

            Ein Mann fährt mit dem Fahrrad an Windturbinen vorbei Quelle: dpa

            Richtige Turbinen

            Nordex leidet zwar noch an den Folgen eines Managementwechsels und früherer Fehlentscheidungen, das Unternehmen hat zudem international nur noch einen geringen Marktanteil; dafür hat Nordex mit der Familie Klatten einen potenten Großinvestor im Rücken und schlägt sich wacker beim Besetzen einiger lukrativer Marktnischen, etwa in Pakistan und Südafrika. Nordex dürfte zumindest überleben; für Anleger scheint aus Chance/Risiko-Sicht die Anleihe sogar noch etwas attraktiver als die Aktie.

            Repower hat die richtigen Turbinen im Programm, gehört inzwischen aber der indischen Suzlon. Die Muttergesellschaft leidet unter dem schleppenden Netzausbau in Asien. Die chinesischen Hersteller wie Goldwind, Sinovel und Darwind leiden ebenfalls unter Überkapazitäten im chinesischen Markt und unter dem schleppenden Ausbau der Stromnetze, welcher in China die Windenergie noch viel mehr behindert als in Europa – das chinesische Stromnetz ist auch ohne Energiewende schon veraltet und viel zu klein.

            Langfristig interessant

            Dennoch dürften die Asiaten langfristig für Anleger interessant sein, weil sich die chinesische Regierung in ihrem neuen Fünfjahresplan den weiteren Ausbau der Erneuerbaren auf die Fahnen geschrieben hat und die eigenen Hersteller mit staatlich verordneten Billigkrediten päppelt. Zudem drängen die Chinesen, deren technischer Rückstand schrumpft, mit Dumpingpreisen ins internationale Geschäft – genauso wie im Solargeschäft.

            Solarworld-Gründer Frank Asbeck unterstellt den Chinesen gar eine perfide Strategie: Sie wollten ihre eigenen Unternehmen weiter mit Krediten vollstopfen, bis diese „früher oder später überschuldet an die staatseigenen Banken fallen, die daraus im Staatsauftrag einen großen chinesischen Weltmarktführer formen“, sagt Asbeck. Dabei sollten noch möglichst viele westliche Hersteller über Kampfpreise in die Pleite geschickt werden. „Ein industriepolitischer Feldzug“, sei das, so Asbeck, „mit der Solartechnik hätten die Chinesen dann eine der wichtigsten Zukunftstechnologien allein in der Hand.“

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