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Börse Tokio Euphorie an Japans Börse gebremst

Der wirtschaftliche Radikalkurs des neuen Regierungschefs Shinzo Abe hatte Japans Börse ordentlich Schwung verliehen. Jetzt kehrt Ernüchterung ein. Analysten werden zunehmend skeptisch.

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Ein Fußgänger schaut auf die Anzeigetafeln der Börse Tokio Quelle: dpa

Zum Ende der Woche liegt der Leitindex an der Tokioter Börse, der Nikkei 225, mit knapp sechs Prozent deutlich im Minus, am gestrigen Handelstag verlor er 1,6 Prozent. Die Verluste im August sind dabei Ausdruck wachsender Ernüchterung und Skepsis über den Erfolg des Premierministers Shinzo Abe, der angetreten war, der japanischen Wirtschaft mit einer inflationsfreundlichen Geldpolitik sowie Strukturreformen neuen Schwung zu verleihen.

Die Zweifel daran, ob der japanische Regierungschef mit seiner Politik der „Abenomics“ Erfolg hat mehren sich nicht zuletzt, weil Japan aufgrund der weltrekordhohen Staatsverschuldung sparen muss. Am Donnerstag hat die Regierung einen Plan zur Reduzierung des Staatsdefizits von 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorgestellt. Am gleichen Tag hat die Notenbank Bank of Japan bekanntgegeben, an einer Verdoppelung der Geldmenge bis Ende des kommenden Jahres festzuhalten, obwohl die Börse auf eine Ausdehnung der Geldschwemme gehofft hatte.

Die politisch motivierte Entscheidung der Notenbank vom April, die Geldmenge massiv auszudehnen, hatte die Märkte deutlich beflügelt. Über Ankäufe japanischer Staatsanleihen im Volumen von 72,5 Milliarden Dollar pro Monat sollte der Yen geschwächt, die Exporte angekurbelt und die Importe verteuert werden. Auch Konjunkturprogramme der neuen Regierung zur Belebung des Binnenmarktes beflügelten die Börse. Seit Jahresbeginn liegt der Nikkei 225 immer noch 27,3 Prozent im Plus. Für beide Maßnahmen bekam die japanische Regierung das Lob des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Nun aber fordert der IWF auch die Umsetzung der dringend notwendigen Strukturreformen, insbesondere zur Lockerung des Arbeitsmarktes und zum Abbau des Staatsdefizits. Ob Abe diese Maßnahmen durchsetzen kann und will, ist jedoch fraglich. Zum einen muss der recht starre Arbeitsmarkt reformiert werden, denn das Modell einer Anstellung auf Lebenszeit ist nicht mehr zeitgemäß.

Japans Unternehmen glänzen

Die spannendsten Länder für Anleger
Michael Keppler sitzt an der Quelle. Seit Jahren ist die Finanzmetropole New York die Heimat des Fonds-Managers, der über die Jahre mehr als ein Dutzend länderübergreifende Aktienfonds aufgelegt hat, etwa den Keppler-Global Value oder den Keppler-Emerging Markets. Dabei strukturiert der ehemalige Investmentbanker seine Fonds nach einem klaren Mantra: der "Top Value Strategy" oder aber: Kennzahlen, Kennzahlen, Kennzahlen. "Es geht darum, den inneren Wert einer Aktie zu bestimmen", sagt er. Der entspreche ungefähr der Entwicklung des Papiers über sieben Jahre. Quelle: dpa
Ausgehend von Einzelaktien, die den Markt des jeweils betrachteten Landes wiederspiegeln, baut Fonds-Manager Keppler dann Länderwerte zusammen. Um sie dann zu bewerten, sieht der Analyst unter anderem auf das durchschnittliche Preis-Buchwert-Verhältnis, Preis-Cashflow-Verhältnis, Preis-Gewinn-Verhältnis, auf die durchschnittliche Dividenden- und Eigenkapitalrendite – allerdings nicht nur auf deren aktuelle, absolute Werte. Quelle: rtr
Insgesamt kennt Keppler vier Bewertungssäulen: Ihn interessiert nicht nur, wo die Kennzahlen der aggregierten Länderwerte aktuell rangieren und wie sie sich über die vergangenen sieben Jahre absolut entwickelt haben. Auch die aktuelle und zurückliegende relative Performance der Kennzahlen spielt für den Analysten eine Rolle. Als Vergleichswert dient dem Fonds-Manager der Morgan Stanley Capital International (MSCI) World Index. Quelle: dpa
Unterbewertete MärkteAustralien ist einer der Länderwerte, den die Analysten von Kepplers Vermögensverwaltung in ihrer Januar-Analyse der Industrieländer für unterbewertet halten. Sie raten zum Kauf. Zwar liegt der Aktienkurs "Australien" um den Faktor 1,88 über dem Buchwert je Aktie und um den Faktor 15,3 über dem Nettoergebnis je Aktie – durchschnittlich sind australische Papiere also eher teuer. Eine Dividendenrendite von fast fünf Prozent zeigt aber, dass die repräsentativen Aktienwerte des Kontinents eine überdurchschnittlich hohen Gewinnanteil ausbezahlen. Zum Vergleich: Die Dividendenrendite des MSCI World Index beträgt nur 2,79. Auch in Sachen Jahresrendite zieht Australien am Index vorbei. Die aggregierten Aktientitel des Landes wuchsen über die vergangenen 12 Monate um 3,4 Prozent (MSCI: 1,9 Prozent). Quelle: AP
Auch Deutschland gehört zur Liste derjenigen Länder, denen Keppler Potential nach oben bescheinigt. Das Preis-Buch-Verhältnis liegt mit 1,48 bereits näher an seinem "fairen" Wert, eins. Mit einem Kurs, der den Nettogewinn je "Deutschland"-Aktie um das knapp 12-fache übersteigt, spiegelt die Kennzahl auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis wieder, das den einzelnen Dax-Werten als Benchmark dient. Nach diesen Kennzahlen ist der Länderwert Deutschland nicht nur günstiger als der MSCI World Index – er ist mit 2,6 Prozent über die letzten 12 Monate auch mehr gewachsen (MSCI: 1,9 Prozent). Quelle: dapd
Der Blick auf die absoluten aktuellen Kennzahlen für Hong Kong, zeigt sich ein gespaltenes Bild. Während das Preis-Buchwert-Verhältnis mit 1,38 den Index deutlich (1,77) unterbietet, rangiert das Preis-Gewinn-Verhältnis mit 16,3 auf vergleichsweise hohem Niveau (MSCI: 14,8). Die Dividendenrendite, die Hongkongs Firmen durchschnittlich erwirtschaften, liegt mit 2,53 unter der des Index (2,79). Dennoch rät Keppler zum Kauf – wohl auch aufgrund der Entwicklung über die vergangenen sieben Jahre. Preis-Buch- und Preis-Gewinn-Verhältnis lagen meist höher. Quelle: dpa
Die Schweizer Wirtschaft hat in den vergangenen 12 Monaten durch die massive Aufwertung des Frankens an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Der kriselnde Euro hat die Nachfrage nach der eidgenössischen Währung aufgebläht. Kein Wunder also, dass auch Schweizer Aktien im Durchschnitt zu teuer sind. Mit einem Preis-Buchwert-Verhältnis von 2,28 und einem Preis-Gewinn-Verhältnis von 18,2 übertrifft der Länderwert Schweiz den MSCI Welt Index um jeweils gut 12 Prozent. Die Keppler Vermögensverwaltung rät zum Verkauf. Ein weiteres Indiz dafür, sich tendenziell von Schweizer Papieren zu trennen: Der repräsentative Aktienkorb konnte innerhalb der letzten 12 Monate nur eine minimale Renditesteigerung von 0,1 Prozent vorweisen. Quelle: AP

Zum anderen müsste die Abe-Regierung zum Abbau der Staatsschulden die geplanten Steuererhöhungen bei der Umsatzsteuer von fünf auf acht Prozent im April 2014, sowie eine weitere Erhöhung um nochmal zwei Prozentpunkte im Jahr 2015 durchsetzen. Diese Maßnahme stößt aber selbst in der Regierungspartei der Liberaldemokraten auf Ablehnung, und auch Abe selbst macht den Eindruck, als sei er von dieser Maßnahme nicht vollends überzeugt.

Seine Berater fürchten, der gerade gewonnene Konjunkturschwung könnte so abgewürgt werden. Druck erzeugt hingegen ein neuer Rekord beim Außenhandelsdefizit von 1,9 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2013.

Japans Lage

Tatsächlich haben Japans Unternehmen in diesem Jahr mit furiosen Gewinnsteigerungen geglänzt. Laut Nachrichtenagentur Bloomberg lagen die Geschäftszahlen von fast zwei Dritteln der 232 beobachteten Unternehmen im breiter gefassten Börsenindex Topix über den Erwartungen. Insgesamt seien die Gewinne der Topix-Unternehmen um 92 Prozent gestiegen.

Aber die Anzeichen mehren sich, dass es nach dem furiosen Start nicht im gleichen Tempo weitergehen wird. Zum einen rechnen selbst staatliche Stellen nur mit einem Wachstum von einem Prozent, andere Beobachter billigen Japan 1,3 Prozent für das kommende Jahr zu. Die Regierung selbst plant jedoch noch immer mit einem Wachstum von drei Prozent pro Jahr.

Börse



Zudem verschlechterte sich die Stimmung in Japans Mittelstand. Einem Handelsblatt-Bericht zufolge im Juli zum vierten Mal in Folge. Auch der erzielte Leistungsbilanzüberschuss Juni lag laut Handelsblatt unter den Erwartungen. Die Inflationsrate ging im Juni gegenüber dem Vorjahr wieder zurück auf 1,6 Prozent. Im Außenwert hat der Yen seit Jahresbeginn 7,8 Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Eine ultralockere Geldpolitik genügt offensichtlich nicht, um Japan wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

Die Börse wartet somit gespannt auf die nächsten Ankündigungen der Regierung. Abe muss nun deutlich machen, dass er auch bei schwierigen Reformthemen ernst macht. Jetzt ist Zupacken gefragt. Ausnahmsweise würden sich die Börsen diesmal über eine Steuererhöhung freuen und den Kursen neuen Schwung verleihen. 

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