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Börse und Handelskrieg
Handelskrieg: Die Zeichen zwischen China und den USA stehen auf Entspannung. Anleger sollten dennoch vorsichtig bleiben Quelle: dpa

Börse auf Rekordkurs, doch Anleger sollten 4 Dinge beachten

Mark Haefele Quelle: PR
Mark Haefele Global Chief Investment Officer, UBS Global Wealth Management

Vorsicht! Auch wenn die globalen Zeichen auf Entspannung in den Handelskonflikten hinweisen. Die Risiken aufgrund der jüngsten Handelsentscheidungen von US-Präsident Trump sind längst noch nicht verschwunden.

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Mark Haefele ist Global Chief Investment Officer der UBS Global Wealth Management. Das UBS Global Wealth Management managet weltweit ein Anlagevermögen von rund einer Billion Dollar.

Anleger begrüßen jegliche Anzeichen einer Entspannung des Handelskonflikts. Die jüngsten Berichte deuten darauf hin, dass ein Handelsabkommen zwischen den USA und China eine Rücknahme bestehender Zölle beinhalten könnte – nicht nur einen Verzicht auf geplante Abgaben. Es könnte auch eine breit gefasste Vereinbarung für den Schutz des geistigen Eigentums und den Marktzugang umfassen. Noch wichtiger für Europa dürfte jedoch die Andeutung hochrangiger US-Vertreter sein, dass Washington möglicherweise auch von höheren Zöllen auf Autoimporte abrücken könnte.

Die Erleichterung über eine solche Entspannung der Handelsbeziehungen wäre weltweit zu spüren, aber nirgends mehr als in Deutschland. Die größte Volkswirtschaft Europas litt stärker als andere Länder unter der Verlangsamung der Industrienachfrage, die durch den Handelsstreit verschärft wurde. Rund 21 Prozent des deutschen BIP entfallen auf die Industrie, verglichen mit elf Prozent in den USA gemäß den jüngsten Weltbankdaten und neun Prozent in Großbritannien. Deutschland, der drittgrößte Autohersteller der Welt, der nach Angaben der Internationalen Automobilherstellervereinigung pro Jahr 85 Prozent mehr Autos produziert als die USA, hätte viel zu verlieren, wenn die USA den Autosektor mit Zöllen belegen würden.

Die globalen Aktien stiegen bereits vor einer definitiven Vereinbarung und erreichten im November Rekordhochs. Zu diesem Anstieg trugen aber auch andere positive Faktoren bei, wie etwa ein unerwartet geringer Rückgang der US-Gewinne im dritten Quartal und weitere Impulse der US-Notenbank. Die Renditekurve der USA, die im August zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt kurzfristig invertierte, weist jetzt eine gesündere Aufwärtsneigung auf.

Die kurzfristigen Auswirkungen der freundlicheren Stimmung an den Finanzmärkten sollten ebenfalls nicht übersehen werden. Nach einem ohnehin schon guten Jahr für die Märkte sollten die Anleger das kurzfristige Aufwärtspotenzial für Aktien aber auch nicht zu überschwänglich einschätzen. Meine Vorsicht stützt sich auf vier maßgebliche Beobachtungen.

Erstens ist das Handelsabkommen noch nicht unterzeichnet und könnte die Erwartungen immer noch enttäuschen. Präsident Donald Trump hat deutlich zu verstehen gegeben, dass er bisher "nichts zugestimmt" hat. Der Aufschub der Unterzeichnung (Berichten zufolge von November auf Dezember) deutet darauf hin, dass ein Abschluss weder feststeht noch garantiert ist.

Zweitens nehmen die Märkte bereits viele gute Nachrichten vorweg. Seit der Handelsoptimismus Anfang Oktober wieder zunahm, sind globale Aktien um rund sechs Prozent gestiegen und haben ein Rekordhoch erreicht. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI All-Country World Index (ein breit gefasster Maßstab für globale Aktien) liegt auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten zwölf Monate rund 13 Prozent über dem zehnjährigen Durchschnitt.

Drittens sind die jüngsten Anzeichen der wirtschaftlichen Stabilisierung immer noch recht zaghaft. Die Stimmung in der Industrie scheint sich zu verbessern. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie in Deutschland stieg von 41,7 Punkten im September auf 42,1 im Oktober und der ISM-Index für die US-Industrie kletterte von 47,8 auf 48,3 Punkte. Die tatsächlichen Produktionsdaten sind jedoch schwach geblieben. In den USA gab das BIP-Wachstum von zwei Prozent im zweiten Quartal auf 1,9 Prozent im dritten Quartal nach. Dies war das langsamste Tempo seit dem zweiten Quartal 2016 und ist auf weiter rückläufige Investitionen zurückzuführen. Das BIP der Eurozone wuchs im dritten Quartal um 1,1 Prozent, ein leichter Rückgang gegenüber den 1,2 Prozent aus dem zweiten Quartal.

Viertens sieht es so aus, als würde das globale Gewinnwachstum im nächsten Jahr unter die Konsensprognose von etwa 10 Prozent sinken. Selbst in den USA, wo das Gewinnwachstum unseres Erachtens relativ stark bleiben wird, rechnen wir gegenüber der Konsensprognose von 10 Prozent nur mit einem ungefähr halb so hohen Gewinnwachstum. In der Eurozone ist der Spielraum für Enttäuschungen noch größer: Wir erwarten einen Rückgang der Gewinne um 3 Prozent, der Marktkonsens hingegen einen Anstieg um 10,5 Prozent.

Das Fazit lautet meines Erachtens, dass die Anleger einen selektiveren Aktienansatz erwägen sollten. Die Risiken aufgrund der Handelsentscheidungen von US-Präsident Trump sind nicht verschwunden. Bei Aktien ziehen wir Qualitätswerte und Dividendentitel vor, die sich in einer spätzyklischen Welt mit niedrigen Renditen in der Regel überdurchschnittlich entwickeln. Wir diversifizieren zwar global, bevorzugen aber auch binnenmarktorientierte und auf Konsumenten konzentrierte Unternehmen. Sie dürften verlässlichere Renditen erwirtschaften als Gesellschaften, die vom Handel sowie von Unternehmensausgaben und damit auch stärker von positiven politischen Ergebnissen abhängen.

Selbst wenn sich die Wirtschaftslage nach einem Handelsabkommen verbessert, wird es eine ganze Weile dauern, bis die Zentralbanken zur geldpolitischen Straffung zurückkehren. Dies kommt auf US-Dollar lautenden Staatsanleihen von Schwellenländern zugute: Der breit gefasste EMBI Index bietet derzeit eine Rendite von 5 Prozent. Letztlich könnte ein umfassendes Handelsabkommen zwischen den USA und China zwar die globale Aktienrally stützen, doch die Anleger sollten abwarten, bis Details dazu vorliegen. Sonst könnten sie leicht feststellen, dass sie ihre Weihnachtsgans zu früh in den Ofen geschoben haben.

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