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Börse Wie mächtige Fonds den Dax dominieren

Ein großer Teil der Aktien im deutschen Aktienindex gehört Ausländern, zeigt eine Studie. Das erhöht das Risiko von Kursschwankungen. Wie Unternehmen betroffen sind, welche Investoren am mächtigsten sind.

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DAX: Große Teile gehören ausländischen Investoren und sorgen für ein erhöhtes Risiko. Quelle: imago, Montage

London, New York, Los Angeles – die Hälfte seiner Arbeitszeit redet Jan Strecker mit Investoren, vornehmlich aus dem Ausland. Dabei trifft der Investor-Relations-Manager als oberster Investorenbetreuer der Deutschen Börse institutionelle Anleger, präsentiert Zahlen, organisiert Treffen mit den Börse-Managern.
Investoren aus dem Ausland sind Streckers wichtigste Kundschaft: Die Börse ist im Deutschen Aktienindex (Dax) das Unternehmen mit dem höchsten Anteil ausländischer Investoren: 85 Prozent der Aktien gehören ihnen.

Mit Linde, Adidas, Infineon und Bayer liegt der Anteil ausländischer Investoren auch bei anderen der 30 größten, börsennotierten Unternehmen aus Deutschland über der 70-Prozent-Marke; je nach Studie sind 45 bis 55 Prozent der Dax-Aktien in den Depots ausländischer Investoren.

Die größten Aktionäre der Dax-Unternehmen

Jenseits jedes Patriotismus hat das für Anleger Bedeutung: Ausländer ziehen bei ihrer Entscheidung über Kauf oder Verkauf mitunter Kriterien heran, die für einheimische Anleger irrelevant sind. So können ein steigender Wechselkurs zwischen Dollar und Euro oder fallende Ölpreise Einfluss darauf haben, ob Ausländer auf einen Schlag viel Kapital aus deutschen Aktien abziehen oder sie nachkaufen. Mit steigendem Interesse an Dax-Aktien steigt der Einfluss externer Faktoren auf deren Kursentwicklung.

Wer die größten Dax-Aktionäre sind und wie sich die Aktionärsstruktur bis Ende 2015 verändert hat, zeigt eine exklusive Studie des Technologieanbieters Ipreo und des Deutschen Investor Relations Verbands (DIRK) für die WirtschaftsWoche.

Die Zahlen belegen einen Megatrend, der für immer größere Kursschwankungen sorgen könnte. „Investoren verschieben weltweit Mittel von aktiven in passive Anlagen“, sagt Carsten Kengeter, Chef der Deutschen Börse. Passive Anlagen sind vor allem börsengehandelte Indexfonds (ETFs). Sie kommen ohne Fondsmanager aus, die aktiv nach chancenreichen Aktien suchen. Stattdessen fließt Geld stur in Aktien aus einem Index wie dem Dax.

Das birgt Probleme: Wenn eine Aktie aus einem Index fällt, müssen alle passiven Anleger sie verkaufen. Kursverwerfungen drohen auch, wenn viele ETF-Anleger aus kleineren und damit illiquideren Indizes als dem Dax auf einen Schlag ihr Geld wollen: Aktive Fondsmanager können, wenn Anleger Geld abziehen, gezielt liquide, gut handelbare Aktien verkaufen.
Je liquider eine Aktie ist, desto leichter lässt sie sich ohne Kursverwerfungen handeln. ETFs müssen dagegen alle in ihrem Index enthaltenen Aktien abgeben – auch die weniger liquiden. Deren Kurse leiden besonders stark.

Ein Herdeneffekt ist unvermeidbar

Der weltgrößte ETF-Anbieter Blackrock versichert, dass er darauf achte, Aktien marktschonend zu handeln, also etwa zu verkaufen, wenn genügend Aktien handelbar sind. Doch ein Herdeneffekt ist unvermeidbar, denn auch andere große Investoren legen Geld passiv an. „Mit dem norwegischen Staatsfonds verwaltet auch der größte Einzelinvestor im Dax einen Großteil des hier investierten Vermögens indexbasiert“, sagt Andreas Posavac von Ipreo. Passive Anleger verwalteten Ende 2015 Dax-Aktien für 157 Milliarden Dollar.

Zugelegt haben 2015 etwa die Depotstände von Vanguard oder der amerikanischen Blackrock-Gruppe, getrieben vor allem durch Zukäufe. Blackrock verwaltet das Gros seiner Dax-Investments in passiven Fonds. Deutsche Anleger legen vor allem über die Blackrock-Tochter iShares an, hiesiger Marktführer bei ETFs. Als Unternehmensgruppe ist Blackrock nicht nur der größte Vermögensverwalter der Welt, sondern bleibt mit 65,4 Milliarden US-Dollar auch größter Investor im Dax. Im Schnitt kontrolliert die Gruppe 5,3 Prozent des Aktienkapitals der Dax-Unternehmen.

Und dann müssen alle gleichzeitig verkaufen

Blackrock wird in der Studie als US-Investor gezählt, obwohl in den ETFs zum Beispiel auch Geld deutscher Anleger liegt. Würde das Geld herausgerechnet, läge der Dax-Anteil deutscher Aktionäre höher. Auch wenn die ETF-Anbieter keine detaillierten Zahlen nach Landesherkunft liefern können: Mehr als etwa ein Prozent des Gesamtaktienkapitals macht das Geld deutscher Anleger bei ausländischen ETF-Anbietern selbst bei sehr großzügiger Schätzung nicht aus.

Es gibt Gründe, so angelegtes Kapital US-Investoren zuzurechnen. Denn Anleger geben ihre Stimmrechte ab. Blackrock gewinnt immer größeren Einfluss – etwa über die Stimmabgabe auf der Hauptversammlung oder durch Interventionen hinter den Kulissen. So hat Blackrock-Chef Laurence Fink einen Brief an Dax-Chefs geschrieben und sie gebeten, langfristig zu denken und mehr Geld zu investieren, statt auszuschütten.

Wo Strategen den deutschen Leitindex Ende 2016 sehen
Jahresendprognosen Quelle: dpa
Baader Bank Quelle: dpa
Bankhaus Lampe Quelle: dpa
Barclays Quelle: REUTERS
BayernLB Quelle: dpa
Commerzbank Quelle: dpa
Deka Bank Quelle: AP

Blackrock sieht sich selbst als Anleger, der langfristig orientiert sei, „dadurch können wir aktiv auf Unternehmen einwirken und uns für Änderungen einsetzen, die nach unserer Überzeugung langfristig den Wert der Unternehmen erhöhen“. Über „aktives Aktionärstum“ suche man den Dialog.

Eine weitere einflussreiche Gruppe unter den Dax-Investoren sind die Fonds ölreicher Staaten wie Norwegen, Saudi-Arabien oder Kuwait. Verschärfen sich deren Haushaltsprobleme aufgrund sinkender Einnahmen aus Ölgeschäften, versilbern sie Aktien und drücken die Kurse. So verzeichnete Ipreo 2015 gut 60 Prozent Dax-Depotverlust bei der Zentralbank Saudi Arabian Monetary Agency. Die Dax-Depotwerte der Staatsfonds aus Kuwait und Saudi-Arabien gingen um 1,5 Milliarden US-Dollar zurück, gut 30 Prozent. Dahinter können auch Kursverluste der gehaltenen Dax-Aktien stehen. Das Gros dürften aber Verkäufe sein. Setzt sich der jüngste Anstieg des Ölpreises weiter fort, könnte der Trend drehen. Auch die Idee, fünf Prozent von Saudi-Arabiens staatlichem Ölgiganten Saudi Aramco an die Börse zu bringen, könnte Milliarden einspielen. Einen Teil der Einnahmen dürften die Saudis in Deutschland investieren.

Krisen sorgen für Repatriierung von Vermögenswerten

In Krisenzeiten ist ausländisches Kapital scheu: So ging der von Ausländern gehaltene Anteil deutscher Aktien nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers stark zurück. „In dieser Zeit hat weltweit eine Repatriierung von Vermögenswerten stattgefunden“, schreibt die Bundesbank.

Die meisten Investoren finden deutsche Aktien derzeit jedoch attraktiv. Blackrock etwa sagt, dass das Unternehmen europäische Aktien „übergewichtet“, Deutschland als stärkste Volkswirtschaft der Euro-Zone spiele dabei eine „gewichtige Rolle“. Eine Auswahl der Titel sei entscheidend. Finanztitel etwa würde Blackrock „weniger präferieren“, Immobilientitel aber sähen gut aus.

Auch aktivistische Investoren aus dem Ausland interessieren sich für deutsche Aktien. So interveniert der von Chris Hohn geführte britische Hedgefonds TCI aktuell bei Volkswagen. TCI halte über zwei Prozent der Vorzugsaktien, bestätigt TCI-Partner Ben Walker. Fondschef Hohn ist mit seinen Attacken oft erfolgreich gewesen, vor Jahren brachte er den Chef der Deutschen Börse zu Fall.

Jetzt also VW: Deren Manager, findet TCI, machen sich die Taschen voll und leisten zu wenig. In einem Brief hat Hohn Kritik geübt. Ohne den auf Porsche entfallenden Anteil sei der VW-Gewinn seit 2011 zurückgegangen, schreibt er. Die Manager hätten dennoch 400 Millionen Euro verdient. „Das Management ist für sein Versagen belohnt worden“, schreibt Hohn. VW wollte die Aussagen nicht kommentieren. An TCI schrieb VW-Finanzvorstand Frank Witter aber, dass VW einen „konstruktiven Dialog“ mit Investoren begrüße. Bei vielen der von TCI angesprochenen Punkte sei man sich gar einig.

US-Investoren haben 189 Milliarden Dollar im Dax

TCI fordert, dass VW das Vergütungssystem ändert. Die Gewinne müssten rauf, eine Marge von sechs Prozent sei angebracht. Dann würde der operative Gewinn bei 19 Milliarden Euro liegen. „Die Dividende der Vorzugsaktien sollte auf neun Euro steigen“, meint Walker. Zuletzt lag sie wegen des Dieselskandals bei 17 Cent. Bei VW, hofft TCI, kann sich der Aktienkurs binnen zwei bis drei Jahren verdoppeln. VW „kann und sollte das profitabelste Unternehmen der Autowelt sein“, antwortete Witter darauf.

Auch der norwegische Staatsfonds mischt sich zunehmend ein. Was Fondschef Yngve Slyngstad sagt, hat Gewicht: Hinter ihm stehen gut 754 Milliarden Euro. Er ist bei über 200 deutschen Unternehmen beteiligt.

Nun beschäftigt sich Slyngstad damit, wie viel Manager verdienen sollten. Er will sich dazu öffentlich äußern, sucht aber noch den richtigen Fall – eine Drohung? Ein Sprecher des Fonds betont, dass die Vergütungssysteme führender Manager komplexer geworden seien und es daher selbstverständlich für einen langfristig orientierten Investor sei, auf die Vergütung zu schauen.

US-Investoren hatten Ende 2015 mit gut 189 Milliarden US-Dollar am meisten in Dax-Konzerne investiert. Dank des schwachen Euro konnten sie zuletzt immer günstiger kaufen. In solchen Zeiten investieren Amerikaner mehr in deutsche Aktien. Umgekehrt nehmen sie Gewinne mit, wenn der Euro erstarkt. Das kann Kursdruck auslösen.

Bleibt die Frage, wieso Ausländer investieren, während viele Deutsche ihr Geld auf mies verzinsten Konten lassen? Strecker von der Börse führt das auf andere Rentensysteme zurück: „Die USA oder Großbritannien haben keine so starke staatliche Altersvorsorge wie wir, da ist Eigenleistung gefragt.“

Martin Steinbach von der Unternehmensberatung E&Y hat seinen Schuldigen ausgemacht: „Unser Ausbildungssystem ist derzeit wenig darauf ausgerichtet, Wirtschaft und Kapitalmärkte zu verstehen.“ Politiker haben Aktien zusätzlich unattraktiv gemacht, weil seit Einführung der Abgeltungsteuer auch Gewinne mit langfristig gehaltenen Aktien besteuert werden. „Aktien haben für Privatanleger an Reiz verloren, seit Kursgewinne besteuert werden“, sagt Steinbach.

Es gibt Hoffnung: Laut Deutschem Aktieninstitut lag die Zahl der Aktionäre und Fondsbesitzer 2015 bei gut neun Millionen. 560 000 mehr Deutsche als im Vorjahr hatten Aktien. Rund 14 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren hielten Aktien – der höchste Stand seit drei Jahren. Laut Ipreo haben heimische institutionelle Anleger ihre Dax-Investments 2015 um zwölf Prozent ausgebaut.

Bislang hat das nicht verhindert, dass viel Kapital ins Ausland fließt: Allein die Dax-Unternehmen schütten dieses Jahr gut 29 Milliarden Euro an Dividenden aus – fast 17 Milliarden davon ins Ausland.

Investorenbetreuer Strecker versucht schon seit Jahren, mehr deutsche Anleger von der Deutsche-Börse-Aktie zu begeistern. Investoren in Frankfurt bietet er verstärkt Gespräche an. So konnte die Börse den Anteil deutscher Anleger seit 2008 fast verdoppeln. Zuletzt, sagt Strecker, hätten aber gerade Kleinaktionäre verkauft. „Deutsche setzen stark auf hohe Dividenden“, sagt er. Die Dividendenrendite der Börse ist wegen des gestiegenen Kurses auf drei Prozent gesunken.

Ausländische Investoren hingegen haben das Wachstum im Blick. Sie wollen langfristig investiert bleiben. Ängstlichen Anlegern sollte das hierzulande Sorgen nehmen – Fonds aus dem Ausland haben nichts zu verschenken. Und sie halten deutsche Aktien für attraktiver denn je.

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