Börsenbeben in den USA Manipulation am Markt?

Quelle: dpa

Ein Whistleblower behauptet, der Kurssturz an den Aktienmärkten sei die Folge einer Manipulation. Die Börse bestreitet die Vorwürfe, Marktteilnehmer aber halten einen Betrug für möglich.

John Griffin und Amin Shams machten sich im Mai des vergangenen Jahres auf die Suche nach Möglichkeiten, die Aktienmärkte zu manipulieren. Natürlich nur zu Forschungszwecken. Griffin ist Professor an der University of Texas in Austin, Shams dort Doktorand. Ihre Recherche begann ernüchternd, sie stellten schnell fest: „Marktmanipulationen sind sehr schwierig.“

Zu groß sei die (finanzielle) Macht von Großanlegern, die gegen bestimmte Trends an den Märkten gegensteuern könnten; zu groß auch die Gefahr, nachträglich von den Aufsichtsbehörden erwischt zu werden. Dass der Gewinn durch die ausgelöste Manipulation größer sei als die zu erwartende Strafe: so gut wie unmöglich. Doch dann stießen Griffin und Shams auf den Vix – den Volatility Index an der Chicagoer Börse.

Der spiegelt die Kursschwankungen wider, die Marktteilnehmer in den kommenden 30 Tagen beim US-Index S&P 500 erwarten. Mit Fake-Transaktionen – gerne bereits vor dem Börsenstart – ließe sich eine Hektik und damit eine Volatilität erzeugen, so die Forscher, die es so gar nicht gibt. Und das Beste: Da die Order nie ausgeführt werden, kosten diese Transaktionen nicht einmal Geld. Von einem „Fenster für Manipulationen“, sprechen Griffin und Shams. Glaubt man einem Whistleblower, sind Profi-Trader in der vergangenen Woche durch genau dieses Fenster gestiegen – um die Kursstürze an den weltweiten Aktienmärkten auszulösen, und selbst jede Menge Geld zu verdienen.

US-Anwalt Jason Zuckerman erklärte, ein Insider, der Führungspositionen bei den größten Investmentbanken der Welt innehatte, habe sich an ihn gewandt mit der Botschaft: Der Crash sei absichtlich herbeigeführt worden. Dies führte „zu Gewinnen in Milliardenhöhe, die unmoralische elektronische Marktteilnehmer institutionellen und privaten Anlegern wegnahmen und einkassierten“. Zuckerman wandte sich per Brief an die Börsenaufsicht SEC und die Commodity Futures Trading Commission, mit der Bitte, die Anschuldigungen zu untersuchen.

Details, wie genau der mögliche Betrug ablief, nannte Zuckerman nicht. Auch die US-Behörden lehnen derzeit jede Stellungnahme ab. Trader von der Wall Street aber spekulieren, dass – falls der Vorwurf stimmt – Order auf Futures auf den S&P 500 zu Mondpreisen aufgegeben wurden. Der Volatilitätsindex registriert die weit vom Kurs abweichenden Gebote und rechnet mit einem turbulenten Handelstag; schließlich wetten einige Marktteilnehmer scheinbar auf drastisch steigende oder fallende Kurse. Das Problem: Die Order sind derart abwegig, dass – simpel nach dem Prinzip des Angebots und der Nachfrage – gar kein Geschäft zustande kommt.

Viele dieser Order, die nie ausgeführt werden, werden vor Börsenstart aufgesetzt. Griffin und Shams von der University of Texas stellten schon vor einem Jahr fest, dass ein Großteil der Geschäfte zwischen 7.30 und 8.15 Uhr Chicagoer Zeit aufgegeben werden. Mit dem Öffnen der Börse um 8.30 Uhr werden viele der Order dann zeitnah wieder als erfolglos gelöscht. So braucht es keinerlei finanziellen Einsatz, um dennoch den Anschein zu erwecken, heftige Kursschwankungen – also Volatilität – stünden bevor.

Gelingt der Bluff, wird aus dem Anschein böse Realität und die Märkte geben massiv Gewinne ab. Wer vorab aber – zusätzlich zu den Fake-Orders – auf entsprechende Kursstürze setzt, kann ordentlich Kasse machen.

Die Chicagoer Börse, die den Vix-Index berechnet und laut Branchenschätzungen gut 20 Prozent ihrer Umsätze mit Produkten, die sich von dem Index ableiten, macht, wies die Vorwürfe des Whistleblowers entschieden zurück. Der Brief des Anwalts sei voll von ungenauen Aussagen, Missverständnissen und sachlichen Fehlern. Kurzum: Die Anschuldigungen seien „nicht glaubwürdig“.

Dem „Wall Street Journal“ zufolge ermittelt nun aber US-Behörden. Pikant: Anwalt Jason Zuckerman betonte, sein Mandant hatte die Börsenaufsicht bereits in der Vergangenheit auf die möglichen Manipulationen hingewiesen. Ebenso wie auch John Griffin und Amin Shams schon vor gut einem dreiviertel Jahr ihr Papier zu den Möglichkeiten der Manipulation des Vix-Index veröffentlicht hatten.

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