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Börsenbetreiber Der Neuneinhalb-Sekunden-Börsengang

Die Neuemission des Börsenbetreibers BATS führte innerhalb von Sekunden zu massiven Kursabstürzen. Nun hat sich die US-Börsenaufsicht eingeschaltet. Die Kritik am Computerhandel wird lauter.

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Plötzlich geht es bergab: Die Kurve des Deutschen Aktienindex (Dax) am 13. September 2011 an der Börse in Frankfurt. Quelle: Reuters

New York Sie ist eine der neusten und größten elektronischen Handelsplattformen der USA. Und sie hatte den Ruf, mit einer der robustesten Technologien ausgestattet zu sein. Doch es bedurfte nur weniger Sekunden am Freitag – und die drittgrößte US-Börse BATS Global Markets hatte ihren guten Ruf verspielt.

BATS wollte die eigenen Aktien an die von ihr betriebene Handelsplattform bringen – der erste Börsengang bei dem 2005 gegründeten Unternehmen. Doch wegen massiver Computerprobleme stürzte der Aktienkurs kurz nach Handelsbeginn am vergangenen Freitagvormittag ab. Die Papiere fielen innerhalb von neuneinhalb Sekunden von ihrem Ausgabepreis von 16 Dollar auf zeitweise unter einen Cent. Auch die Aktie des IT-Konzerns Apple war von den Turbulenzen betroffen und wurde fünf Minuten lang vom Handel ausgesetzt. Die Probleme waren so gravierend, dass sich BATS entschied, den Börsengang zurückzuziehen. Die Investoren sollen ihr Geld zurückbekommen.

Zwar verlief der Handel auf der elektronischen Plattform nach ein paar Stunden wieder normal. Doch der Vorfall hat erneut Fragen nach der Anfälligkeit des gesamten Handelssystems aufgeworfen. Viele Händler fühlten sich an den sogenannten Flash Crash vom Mai 2010 erinnert, bei dem fast eine Billion Dollar an Marktwerten in wenigen Minuten vernichtet wurde. Die Börsenaufsicht SEC hat sich eingeschaltet. „Wir haben Gespräche mit BATS aufgenommen, um die Ursachen für den Vorfall zu klären und um herauszufinden, welche Schritte BATS unternehmen muss, um die Probleme zu lösen“, teilte ein SEC-Sprecher mit. Die Behörde ist unter Druck, weil selbst sie die immer komplexer werdenden Märkte nicht mehr voll überblicken kann. Das macht es immer schwieriger, für die Stabilität des Börsensystems zu sorgen.

Das desaströse Scheitern der geplanten Erstnotierung (IPO) hat den Marktbetreiber BATS Global Markets mit einen Schlag über die engere Finanzwelt hinaus bekanntgemacht. Die Konzernführung demonstrierte daraufhin Zerknirschung - und auch Konfusion.


Keine Pläne für einen neuen Anlauf

Für Irritationen sorgten unterschiedliche Äußerungen, ob das geplatzte Debüt nachgeholt werden soll. Während Unternehmensgründer Dave Cummings auf einen zweiten Versuch noch im kommenden Quartal drang, gibt es nach Auskunft von Firmenchef Joe Ratterman keine Pläne für einen neuen Anlauf. Einmütig verteidigten beide aber das Geschäftsmodell und gelobten Besserung. Börsianer äußerten am Montag die Einschätzung, dass die etablierten Börsen allerdings wohl kaum Kapital aus dem Fiasko der 2005 gegründeten Handelsplattform schlagen dürften. Manche sprachen sogar von einem unbeabsichtigten Werbeeffekt, der dem Marktbetreiber am Ende sogar nützen könnte.

Im Wettbewerb mit den US-Platzhirschen Nyse Euronext, deren Fusion mit der Deutschen Börse zuletzt am Veto der EU-Wettbewerbshüter scheiterte, sowie Nasdaq OMX, hat BATS in den vergangenen Jahren kräftig Marktanteile gewonnen. Etwa elf Prozent des Aktienhandels in den USA werden über BATS abgewickelt, im Optionsgeschäft ist der Anteil allerdings deutlich kleiner. Nach der Übernahme des Konkurrenten Chi-X Europe für 300 Millionen Dollar ist das Unternehmen auch in Europa aktiv. Eine Krönung des bisherigen Erfolgs sollte der eigene IPO am Freitag sein. Der Chef der New Yorker Börse (Nyse Euronext), Duncan Niederauer, geht davon aus, dass der Vorfall „riesige Auswirkungen auf das Vertrauen der Investoren“ haben werde. „Wir müssen das sehr ernst nehmen“, sagte er dem Fernsehsender CNBC.

BATS-Gründer Cummings sprach von einem „außerordentlichen einmaligen Ausrutscher“. In einem offenen Brief des Unternehmens betonte er, dass über die BATS-Systeme Milliarden von Orders problemlos über die Bühne gegangen seien. „Doch das Programm zur Eröffnung eines IPO ist neu“, räumte er ein. Firmenchef Ratterman sprach in einem Reuters-Interview von einem „ganz bedauerlichen und ärgerlichen“ Fehler und bemühte sich sogleich um Schadensbegrenzung: „Es ist unser Job zurückzukommen und das Vertrauen wiederzugewinnen und diese Scharte auszuwetzen. Das kann man absolut wiedergutmachen“, versicherte Ratterman.


Der „Flash Crash“ zeigte die Tücken des Hochfrequenzhandels

Pläne für einen neuen IPO-Versuch in absehbarer Zeit gebe es nicht, sagte der BATS-Chef. Dagegen plädierte Cummings dafür, einen „glaubwürdigen IPO-Plan zu entwickeln“ und „im zweiten Quartal an die Börse zu gehen, wenn möglich“. Dies möge schwierig scheinen, sei aber die einzige Möglichkeit, das Problem hinter sich zu lassen. 

Das BATS-Debakel gibt auch den Kritikern der superschnellen Börsengeschäfte über Computersysteme Rückenwind. Die Tücken dieses sogenannten Hochfrequenz-Handels (HFT) gelten als Ursache des „Flash Crash“ an der Wall Street, als sich im Mai 2010 durch einen blitzschlagartigen Kurseinbruch aus heiterem Himmel binnen Minuten fast eine Billion Dollar an Marktwert kurzzeitig in Luft auflöste. BATS liefere den HFT-Gegnern neue Munition, sagte Bijon Mehta von Financial Technology Holdings. „Sie werden argumentieren, dass nicht nur einige Marktteilnehmer gefährlich sind, sondern nun auch die Handelsplätze in Zweifel ziehen.“

Ratterman deutete an, dass der Technik-Kollaps womöglich auch auf das hohe öffentliche Interesse an dem IPO zurückzuführen sei. „Viel mehr Aufmerksamkeit geht nicht“, unterstrich er. Händler geben daher zu bedenken, dass BATS der öffentlichkeitswirksame Fauxpas auf lange Sicht auch nützen könnte. „Vielleicht entpuppt sich das im Nachhinein als die beste Werbekampagne, die man haben kann, denn jetzt wissen endlich mal viele, dass es solche Börsen gibt“, sagte ein deutscher Marktteilnehmer. Kollegen sprachen zwar von einem großen Reputationsschaden, der sich aber kaum vorteilhaft für BATS-Rivalen wie die Deutsche Börse auswirken dürfte.

Schon vor dem missglückten Börsengang hatte die SEC die Handelsplattform auf dem Radar. In der Freitagsausgabe berichtete das „Wall Street Journal“ von einer Untersuchung , die feststellen soll, ob computergesteuerte Handelsplattformen wie BATS Firmen Vorteile gewährt haben sollen, die auf Hochfrequenzhandel spezialisiert sind. Es habe bislang jedoch keine Hinweise auf Fehlverhalten gegeben.

Beobachter gehen davon aus, dass auf BATS wegen des missglückten Börsengangs nun hohe Kosten und möglicherweise Klagen zukommen werden. Auch die Expansionspläne könnten sich verzögern.

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