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Börseneuphorie Finanzmärkte im Blasenmodus

Wie schon 2000 und 2007 lassen heute wieder rekordhohe Aktienrückkäufe und milliardenschwere Fusionen und Übernahmen die Aktionärsherzen höherschlagen.

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Die zehn Horrorprognosen für 2014
1. EU-weite Einführung von Vermögensteuer läutet Rückkehr zu einer Wirtschaft im Sowjetstil einDeflation und mangelndes Wachstum versetzen die EU-Kommission in Panik, vermutet die Saxobank. Eine Vermögensteuer für Ersparnisse von über 100.000 Euro bzw. US-Dollar soll helfen. Dies soll Ungleichheit abbauen und Mittel für einen „Krisenpuffer" schaffen. Laut Saxobank wäre das der letzte Schritt in Richtung eines totalitären europäischen Staates und der Tiefpunkt für individuelle und Vermögensrechte. Dann hieße es: „Hard Assets" wie beispielsweise Immobilien kaufen und Finanzanlagen verkaufen. Quelle: Saxobank Quelle: dpa
2. Anti-europäische Allianz wird stärkste Fraktion im Europäischen ParlamentAus den Wahlen zum Europaparlament im Mai geht eine transnationale anti-europäische Allianz als stärkste Kraft und größte Fraktion im EU-Parlament hervor. Ein EU-skeptischer Präsidenten wird vom Parlament ernannt. Zugleich gelingt es den europäischen Staats- und Regierungschefs nicht, sich auf einen Präsidenten der Europäischen Kommission zu einigen. Damit verfällt Europa wieder in politisches und wirtschaftliches Chaos. Quelle: dapd
3. Die "Fat Five" des Technologiesektors erwachen 2014 mit einem üblen KaterWährend die Aktien des amerikanischen IT-Sektors derzeit um rund 15 Prozent unter der aktuellen Bewertung des S&P 500 notieren, wird eine Handvoll von Technologieaktien mit einem massiven Aufschlag von ca. 700 Prozent über der Marktbewertung gehandelt. Diese „Fat Five" - Amazon, Netflix, Twitter, Pandora Media und Yelp - stellen sozusagen eine neue Blase innerhalb der alten Blase dar. Zu verdanken ist das dem Run von Anlegern auf seltene Wachstumstitel im Nachgang zur Finanzkrise. Quelle: dpa
4. Nachdem der Dollar auf unter 80 JPY fällt, bucht Bank of Japan Staatstitel aus2014 erlahmt der globale Aufschwung. Die Kurse riskanter Assets purzeln, und Investoren sehen sich gezwungen, Yen zu kaufen. In der Folge fällt der USD/JPY-Wechselkurs unter 80. Daher greift die Bank of Japan zu einer verzweifelten Maßnahme und bucht ihre gesamten Staatstitelbestände aus ihrer Bilanz aus. Das ist ein ebenso simpler, wie unerprobter buchhalterischer Trick, der dem Land nervenaufreibende Ungewissheit und ein potenzielles Desaster mit ungeahnten Nebenwirkungen beschert. Quelle: dpa
5. US-Deflation: Bald auch in Ihrer Nähe!Zwar mögen einige Indikatoren darauf hindeuten, dass die US-Wirtschaft sich erholt hat, doch der Häusermarkt bleibt schwach und die Löhne stagnieren. Für Januar steht im Kongress der zweite Akt der Tragikomödie „Wie man die US-Wirtschaft am besten sabotiert" auf dem Programm. Die Leidtragenden sind Investitionen, Beschäftigung und Zuversicht der Verbraucher. Im Ergebnis würde die Inflation sinken, und Deflation stände wieder ganz oben auf der Tagesordnung des Offenmarktausschusses der Fed. Quelle: dpa
6. Quantitative Lockerung erfasst sogar HypothekenanleihenDurch die quantitative Lockerung in den USA sind die Zinskosten gesunken und die Preise für riskante Assets in die Höhe geschnellt. Dadurch ist der trügerische Eindruck entstanden, die Wirtschaft erhole sich. Es gibt immer noch massive Probleme, vor allem am Häusermarkt, der künstlich gestützt wird. Daher wird der Offenmarktausschuss der Fed die dritte Runde seiner quantitativen Lockerung 2014 auf den Hypothekenanleihemarkt ausweiten. Anstatt mit dem Tapering zu beginnen, wird die Fed ihr nunmehr völlig auf Mortgage Bonds ausgerichtetes Ankaufprogramm auf ein Volumen von über 100 Milliarden US-Dollar pro Monat hochschrauben. Quelle: dpa
7. Brent Crude fällt infolge von Ölschwemme auf 80 Dollar/BarrelDurch die zunehmende Ölförderung mit neuen Methoden und dem wachsenden Fördervolumen Saudi-Arabiens entsteht ein Überangebot am Markt. Erstmals seit vielen Jahren bauen Hedgefonds umfassende Short-Positionen auf. Im Ergebnis fällt der Preis für Brent Crude auf 80 Dollar pro Barrel. Sobald die Ölproduzenten ihren Output jedoch drosseln, wird der Ölpreis wieder in die Höhe schnellen. Letztlich wird die Branche realisieren müssen, dass hohe Preise durchaus nicht selbstverständlich sind. Quelle: dpa

Wenn man anhand von Aktien- oder Anleihekursen auf den Zustand von Volkswirtschaften schließen könnte, dann spiegeln uns diese sprichwörtlich rosige Zeiten vor. Analysiert man allerdings die fundamentalen Nachrichten aus den großen Volkswirtschaften, so finden sich kaum Gründe, die derzeitige gute Stimmung an den Märkten zu teilen.
So erreichen uns bereits seit Jahresbeginn aus den USA schwache Konjunkturdaten, während diejenigen aus Japan oder China dort gar auf große Probleme schließen lassen. Zudem können weder die jüngsten Turbulenzen in den Emerging Markets als überwunden betrachtet werden, noch lassen die Daten aus Europa die medial beschworene Wende zum Besseren erkennen. Zwar prognostiziert die EU-Kommission für das Jahr 2014 ein Wirtschaftswachstum von letztlich bescheidenen 1,2 Prozent, doch lassen eine Industrieproduktion auf dem Stand des Jahres 2010, eine rekordhohe Arbeitslosigkeit und weit unter das Niveau des Jahres 2004 gefallene Einzelhandelsumsätze genügend Platz für andere, „völlig überraschende“ Realitäten.

Doch während viele Unternehmensausblicke entsprechend der konjunkturellen Abkühlung schon seit Monaten deutlich verhaltener ausfallen, vermag selbst diese Entwicklung die Euphorie der Aktieninvestoren, die Dax und Dow im Februar schon wieder auf Rekordfahrt schickten, kaum zu bremsen. Wie schon in den Blasen-Jahren 2000 und 2007 lassen heute wieder rekordhohe Aktienrückkäufe und milliardenschwere Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions) die Aktionärsherzen höherschlagen. So schnellte das M&A-Gesamtvolumen im vergangenen Jahr mit 2.900 Milliarden Dollar auf ein Fünf-Jahres-Hoch, und die bewilligten Preise, 19 Milliarden Dollar für einen (Whats)App-Kauf oder 130 Milliarden Dollar für die Übernahme von Verizon Wireless, lassen erahnen, dass proportional mit dem koste-es-was-es-wolle-Übernahme- und Fusionsfieber auch die Wahrscheinlichkeit kostspieliger Abschreibungs-Überraschungen ansteigen dürfte.

Anleger ignorieren alle Signale

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
"Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
"Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

Ähnlich wie an den Aktienmärkten setzt sich der Blasenmodus auch an den Anleihemärkten weiter fort, wo vor allem die teils sogar auf Vorkrisenniveau (!) gefallenen Anleiherenditen einzelner europäischer Krisenländer aufhorchen lassen. So muss Griechenland seinen Gläubigern für zehnjährige Anleihen nach über zwölf Prozent vor gut einem Jahr Ende Februar nur noch sieben Prozent Zinsen zahlen (Vier-Jahres-Tief!), während die Wirtschaft 2013 um nominal 6,2 Prozent schrumpfte, die Schulden um 17,2 Milliarden Euro anstiegen und von den insgesamt 8,32 Millionen Erwerbsfähigen inzwischen nur noch 3,53 Millionen Beschäftigte (Beschäftigungsquote 42,5 Prozent = Rekordtief!) für die Zinsforderungen ihrer „Retter“ arbeiten!

Obwohl die Ratingagentur Moody´s Spanien jüngst wirtschaftliche Fortschritte und deshalb ein aufgewertetes „Baa2“-Schuldenrating bescheinigte, stellt sich uns die Frage, welche Fortschritte die Anleiheinvestoren denn dort sehen? Liegen die Investoren heute wirklich richtig, wenn sie für die seit dem dritten Quartal 2013 binnen Jahresfrist um 136,9 Milliarden Euro auf 954,9 Milliarden Euro gesteigerten Staatsschulden heute Zinsen „fordern“, die 2008 gezahlt werden mussten, als das Land mit 432,1 Milliarden Schulden noch seinen „Aaa“-Status „genießen“ konnte?


Ähnliches gilt aber auch im Bezug auf das wirtschaftlich dauerschwächelnde und politisch unverändert instabile Italien, wo nun bereits die 65. Nachkriegsregierung ins Amt kam. Der Neue auf dem Ministerpräsidenten-Schleudersitz, Matteo Renzi, ist um seinen Job nicht zu beneiden, sieht er sich doch mit einer alle Maastricht-Kriterien pulverisierenden Staatsverschuldungsquote von 133 Prozent konfrontiert, die sich in einer erstmals auf über 2.000 Milliarden gestiegenen Verschuldung ausdrückt!

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Dennoch begnügen sich die Investoren für zehnjährige Schuldpapiere aktuell mit dem EU-Einheitszins von 2006, und das trotz der zwischenzeitlich um 485 Milliarden Euro (!) gestiegenen Schulden, einer seit Mitte 2007 um über 25 Prozent gesunkenen Industrieproduktion und einer von 6,0 auf 12,9 Prozent, dem höchsten Stand seit 1977, gestiegenen Arbeitslosigkeit!
Wenn die Investoren jedoch zu glauben scheinen, alles sei „Notenbank-vollkaskoversichert“, warum gibt es dann überhaupt noch irgendwelche Renditedifferenzen in der Euro-Zone? Führte das Ignorieren fundamentaler Fehlentwicklungen in Europa nicht erst vor kurzem zu der (noch immer andauernden) schweren Krise? Aber Gedanken darüber, „ob man vor oder nach dem Höhepunkt einer Blase“, wie es der US-Fondsmanager John Hussmann formulierte, „als Idiot dastehen will“, machen sich die Rendite-Jäger offenkundig keine!

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